Wann wird die Geldpolitik des Euroraums in Richtung Normalität zurückgeführt? Seit die Europäische Zentralbank (EZB) im Dezember vergangenen Jahres die Verringerung ihres Anleiheankaufprogramms von 80 auf 60 Milliarden Euro verkündet hat, warten die Märkte auf den nächsten Schritt. Um es vorwegzunehmen: Auf einen geldpolitischen Paukenschlag wird man nach der EZB-Ratssitzung am kommenden Donnerstag vergeblich warten. Vielmehr wird EZB-Präsident Mario Draghi mit äußerster Behutsamkeit vorgehen.
Wir rechnen für die nächsten Monate konkret mit folgenden Schritten:
- In der Juni-Sitzung werden die Notenbanker ihre Kommentierung anpassen, so dass die verbesserten konjunkturellen Rahmenbedingungen stärker betont
- werden – das ist nicht mehr als ein Fingerzeig für die Märkte.
- Im September könnten klare Ansagen folgen: Dann dürfte Mario Draghi die weitere Reduzierung der monatlichen Wertpapierkäufe (Tapering) ankündigen.
- Ab Januar 2018 sollten die Maßnahmen greifen und das monatliche Ankaufvolumen verringert werden. Aber: Dass die Notenbanker am Nullzins rütteln, ist bis auf Weiteres äußerst unwahrscheinlich.
Dass die Währungshüter aufs Gaspedal treten und schnell handeln, scheint also kurzfristig ausgeschlossen. Zwar hat das Wirtschaftswachstum der Eurozone zuletzt die Erwartungen übertroffen. Auch die Inflationsraten dürften vor diesem Hintergrund und wegen der erwarteten Preissteigerungen im Rohstoffsektor wieder etwas zulegen. Ob jedoch dadurch das Inflationsziel der Notenbank von knapp unter, aber nahe bei zwei Prozent auch nachhaltig erreicht wird, steht aber auf einem anderen Blatt.
Der EZB-Präsident sieht sich derzeit widerstreitenden Kräften ausgesetzt: Denn der konjunkturelle Trend ist in den einzelnen EU-Staaten unterschiedlich stark. Die Europäer leben in wirtschaftlicher Hinsicht in Parallelwelten, so dass Draghi es kaum allen recht machen kann. Den Falken im geldpolitischen Rat ist der Italiener zu zaghaft. Aus Deutschland, den Niederlanden und Österreich sind daher laute Rufe nach einer schnellen Straffung zu vernehmen. Aktuell werden zudem Stimmen laut, die den Bundesbankpräsident Jens Weidmann als Nachfolger von Draghi positionieren wollen. Auf der anderen Seite aber stehen die Tauben, die befürchten, dass ein zu schnelles geldpolitisches Handeln das in manchen Ländern noch zarte Pflänzchen Konjunktur wieder abwürgen könnte. Vor allem aber könnte die vorschnelle Rückführung der Anleihekäufe die Schuldentragfähigkeit der Peripherieländer einschränken.
Es liegt auf der Hand, dass Draghi als einstiger italienischer Notenbankchef diese Bedenken sehr ernst nimmt. Er will die Erholung der Eurozone als Wirtschaftsraum keinesfalls dadurch gefährden, dass er sich im entscheidenden Moment unter Druck setzen lässt. Dass er aber den Ausstieg aus den Anleihekäufen weiter vorantreiben muss, ist auch klar. Schließlich dürfte die Notenbank mit dem Programm spätestens 2018 an die Grenze dessen stoßen, was die EZB sich auf der Basis von Vorgaben des Europäischen Gerichtshofs genehmigt hat.
Für die Kapitalmärkte heißt das:
Anleihen aus den Kernländern des Währungsraums dürften es vor dem Hintergrund der erwarteten Zinssteigerungen im Umfeld des Taperings schwer haben. Zudem muss man eines festhalten: Durch ihre Kaufprogramme hat die EZB den Anleihemarkt über Jahre hinweg verzerrt, wenn nicht sogar empfindlich beschädigt. In den kommenden Jahren werden wir Zeuge, wie die Märkte zurück zu einer normalen Funktionsweise finden. Ohne Verwerfungen wird das sicherlich nicht gehen.