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AB-Chefökonom Williams: Was bedeutet das Coronavirus für die globale Konjunktur?

Das Coronavirus dominiert die Schlagzeilen und löst Panik an den Märkten aus. „Wir glauben, dass die Optionen für die politischen Entscheidungsträger klar sind – aber werden sie diese auch umsetzen?", fragt sich Darren Williams, Director Global Economic Research beim Asset Manager AllianceBernstein (AB). AllianceBernstein | 23.03.2020 09:18 Uhr
Darren Williams, Chefvolkswirt beim Asset Manager AllianceBernstein (AB) / © AllianceBernstein
Darren Williams, Chefvolkswirt beim Asset Manager AllianceBernstein (AB) / © AllianceBernstein

Das Coronavirus dominiert die Schlagzeilen und löst Panik an den Märkten aus. Wir glauben, dass die Optionen für die politischen Entscheidungsträger klar sind – aber werden sie diese auch umsetzen?

In etwas mehr als einer Woche hat sich das Coronavirus von einer weitgehend auf Asien beschränkten Krise in eine erhebliche und unmittelbare Gefahr für die gesamte Weltwirtschaft verwandelt. Leider fordert die Krankheit immer mehr Menschenleben, und ihre Ausbreitung hat an den globalen Aktienmärkten Rekordumschwünge ausgelöst, die Anleihenrenditen auf neue Tiefststände getrieben und die US-Notenbank (die Fed) zu ihrer ersten Notfallzinssenkung seit der globalen Finanzkrise veranlasst. Wie groß ist also die Bedrohung durch das Coronavirus für die Weltwirtschaft und was kann die Politik dagegen tun?

Die Bedrohung durch das Coronavirus abschätzen

Vieles über das Coronavirus ist nach wie vor unsicher, sodass wir bei der Einschätzung seiner Auswirkungen auf die Weltwirtschaft mehr als nur normale Vorsicht walten lassen sollten. Wir haben nur eine begrenzte Sicht auf den Weg des Virus selbst, die Liste vergleichbarer historischer Beispiele und die Liste der Referenzbeispiele ist kurz.

Was wir wissen, ist, dass die globale Konjunktur nach wie vor angreifbar ist, überschattet von zunehmendem Populismus und zunehmenden geopolitischen Spannungen zwischen China und dem Westen. Wir wissen auch, dass sich viele Teile der entwickelten Welt den Grenzen der geldpolitischen Wirksamkeit nähern, und dass eine Kombination dieser Faktoren die Weltwirtschaft ungewöhnlich anfällig für negative Schocks wie das Coronavirus macht.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen von Eindämmungsmaßnahmen

Bis vor etwa einer Woche waren die wichtigsten Kanäle, über die das Coronavirus die Weltwirtschaft beeinflussen sollte, der direkte Einfluss auf das chinesische Wachstum und die Unterbrechung der Lieferkette in andere Länder. Ersteres war sicherlich beeindruckend, wobei die Einkaufsmanagerindizes im Februar noch stärker fielen als während der globalen Finanzkrise. Da jedoch von den chinesischen Behörden erwartet wurde, dass sie mit aggressiven politischen Anreizen reagieren würden, wurde der Gesamtschaden für die Weltwirtschaft durch diese beiden Kanäle als überschaubar eingeschätzt, sodass nur eine bescheidene Herabstufung der Wachstumserwartungen erforderlich erschien.

Jetzt, da das Virus außerhalb Chinas voranschreitet, wird diese relativ sorglose Sichtweise schnell überholt. Das Hauptrisiko besteht darin, dass die Maßnahmen der Regierungen zur Eindämmung des Virus in den großen entwickelten Volkswirtschaften die Welt in eine tiefe Rezession katapultieren werden. Es ist natürlich noch zu früh, um eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen, aber es gibt unheilvolle Anzeichen. In Europa zum Beispiel beginnt sich der Schwerpunkt darauf zu verlagern, die Ausbreitung des Virus zu verzögern, anstatt zu versuchen, es zu verhindern oder einzudämmen. Es scheint in der Tat nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Regierungen beginnen, verschiedene Formen der Wirtschaftstätigkeit erheblichen Beschränkungen zu unterwerfen, in Italien ist das bereits geschehen.

Die Bandbreite der möglichen Ergebnisse im Zusammenhang mit dem Coronavirus ist so groß, dass es unmöglich ist, die Auswirkungen auf einen einzigen Punkt zu reduzieren. Wir haben kürzlich unsere globale Wachstumsprognose von 2,4 % auf 2,1 % gesenkt. Das liegt unterhalb des Konsenses, würde 2020 zum schwächsten Jahr seit der globalen Finanzkrise machen und würde wahrscheinlich die meisten der Risiken erfassen, die mit den ersten beiden Übertragungskanälen des Coronavirus verbunden sind (das heißt das reduzierte Wachstum in China und die Unterbrechung der Lieferkette an anderer Stelle).

Es wird sich jedoch wahrscheinlich als zu optimistisch erweisen, wenn weitverbreitete Ausbrüche in Europa und den USA von drakonischen Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus begleitet werden. In diesem Szenario wird das globale Wachstum wahrscheinlich zumindest vorübergehend zu einer Schrumpfung werden – und es könnte noch schlimmer werden, wenn das die zugrunde liegende Anfälligkeit durch die hohe Verschuldung aufdeckt.

Geld- und fiskalpolitische Optionen

Diese Bedenken waren der Auslöser für die Notfallzinssenkungen der Fed und anderer Zentralbanken in dieser Woche. Zwar sind Zinssenkungen normalerweise eine gute Nachricht für Anleger, aber wir müssen realistisch sein, was die Zentralbanken in der gegenwärtigen Situation erreichen können und was nicht.

Sie sollten nötigenfalls in der Lage sein, zu verhindern, dass sich eine wirtschaftliche Störung zu einer Liquiditätskrise ausweitet. Das gilt insbesondere angesichts der Lehren, die aus der globalen Finanzkrise gezogen wurden, denn viele der in dieser Zeit geschaffenen Instrumente zur Krisenbekämpfung sind immer noch funktionsfähig. Darüber hinaus können die Zentralbanken versuchen zu verhindern, dass ein Angebotsschock wie das Coronavirus zu einem Nachfrageschock wird, indem sie vertrauensbildende Maßnahmen ergreifen, die finanziellen Bedingungen erleichtern, um zu vermeiden, dass die Schwäche der Aktienmärkte auf die Realwirtschaft übergreift.

Wir sind jedoch weitaus skeptischer, was die Fähigkeit der Zentralbanken zur Behebung der wirtschaftlichen Störung selbst angeht. Das gilt umso mehr, da die Geldpolitik in Europa und Japan an die Grenzen ihrer Wirksamkeit gelangt ist. Darüber hinaus ist die Geldpolitik ein stumpfes Instrument, das wenig dazu beitragen wird, die Cashflow-Probleme von Unternehmen und Haushalten in den betroffenen Wirtschaftsregionen zu lösen.

Hier kommt die Fiskalpolitik ins Spiel. Wenn Regierungen beginnen, die Wirtschaftstätigkeit zu beschränken, ist es wichtig, dass von Maßnahmen begleitet wird, die die Auswirkungen auf Haushalte und Unternehmen minimieren. Die politischen Entscheidungsträger scheinen das glücklicherweise zunehmend zu verstehen. Aber es ist wichtig, dass den Worten auch wirksame Taten folgen. Andernfalls könnten sich monetäre Anreize als vergeblich erweisen, da sie allein nicht ausreichen, um einen tieferen Abschwung zu verhindern, sollte die Coronavirus-Krise weiter eskalieren.

Darren Williams ist Chefvolkswirt bei AllianceBernstein (AB).

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