Märkte im Wandel: Die Zeit der Stockpicker ist gekommen

Olga Bitel und Alexa Davis von William Blair sehen die Märkte 2026 im Wandel: Während KI-Aktien an Dynamik verlieren, verbreitert sich die Marktführerschaft. Starkes Wachstum stützt die Börsen, doch höhere Zinsen und volatile Inflation machen gezieltes Stockpicking wichtiger. William Blair Investment Management | 28.08.2026 09:18 Uhr
© William Blair Investment Management
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Die wichtigsten Punkte

  • Das globale Wachstum bleibt stark und stützt die Widerstandsfähigkeit der Märkte.
  • Die Marktführerschaft verbreitert sich, während KI-bezogene Technologiewerte an Dynamik verlieren.
  • Da es keine klare sektorale Marktführerschaft gibt, handelt es sich unserer Ansicht nach um einen klassischen Stockpicker-Markt.

Die Märkte haben sich bemerkenswert widerstandsfähig gezeigt, gestützt durch ein starkes und sich beschleunigendes Wirtschaftswachstum. Gleichzeitig deuten die erhöhte Volatilität und Veränderungen bei der Marktführerschaft darauf hin, dass wahrscheinlich kein einzelner Sektor oder keine einzelne Branche dominieren wird, wenn wir weiter in die zweite Hälfte des Jahres 2026 vordringen. In diesem Umfeld dürfte die Aktienauswahl unserer Ansicht nach zunehmend an Bedeutung gewinnen, wobei ein sich beschleunigendes Gewinnwachstum der Schlüssel zur Identifizierung potenzieller Gewinner ist. Mit anderen Worten: Wir glauben, dass es sich um einen klassischen Stockpicker-Markt handelt.

Breite Marktstärke: Ein Wandel unter der Oberfläche

Aktien verzeichneten im zweiten Quartal über verschiedene Regionen hinweg starke Gewinne. US-All-Cap-Aktien1 erzielten eine Rendite von 15,7 %, während Aktien aus den Emerging Markets (EM)2 um 22,8 % zulegten und Aktien aus entwickelten Märkten außerhalb der Vereinigten Staaten3 um 14,0 % stiegen. Auch globale Small-Cap-Aktien legten zu und erzielten eine Rendite von 15,1 %.4

Die positiven Aktienrenditen haben sich weitgehend in das dritte Quartal fortgesetzt. Seit Quartalsbeginn bis zum 19. August haben US-All-Cap-Aktien um 2,6 % zugelegt, Aktien aus entwickelten Märkten außerhalb der USA liegen 2,0 % im Plus und US-Value-Aktien5 sind um 5,8 % gestiegen. Die bemerkenswerte Ausnahme bilden die Emerging Markets, die seit Quartalsbeginn 2,5 % verloren haben, da die Rotation bei südkoreanischen und taiwanesischen Unternehmen, die mit dem Ausbau von KI-Technologie und -Infrastruktur verbunden sind, einen überproportionalen Einfluss auf die Wertentwicklung der Emerging Markets hatte.

Branchen, die 2025 und in der ersten Hälfte des Jahres 2026 hinterherhinkten, stehen seit Quartalsbeginn an der Spitze der Rangliste.

Die Aktienmärkte sind auf Indexebene widerstandsfähig geblieben, erleben unter der Oberfläche jedoch erhebliche Umschichtungen. Weltweit sind Branchen, die 2025 und bis in die erste Hälfte des Jahres 2026 hinterherhinkten, wie Freizeitprodukte, Software und das Gesundheitswesen, wobei Letzteres Technologie, Life-Science-Instrumente und Biotechnologie umfasst, seit Quartalsbeginn an die Spitze der Rangliste gerückt.6 Die Marktführerschaft hat sich nicht in Richtung defensiver Bereiche verlagert, sondern vielmehr zu Branchen, die sich typischerweise gut entwickelt haben, wenn die wirtschaftliche Aktivität gesund war und expandierte, was mit dem aktuellen Wachstumsumfeld im Einklang steht.

Eine weitere Möglichkeit, diese Rotation zu erkennen, bieten die wöchentlichen Renditen des S&P 500 Index. Auf Indexebene bewegte sich der Markt von Mai bis Ende Juli trotz erheblicher Volatilität von Woche zu Woche relativ seitwärts. Betrachtet man die sektoralen Renditetreiber, trugen breit definierte Technologiewerte im April und Mai den Großteil zu den Gesamtrenditen bei. Im Juni und Juli belastete Technologie die Wertentwicklung des S&P 500 Index erheblich, auch wenn andere Sektoren dazu beitrugen, den Rückgang auszugleichen. Für aktive Manager, die bei den Profiteuren von KI-bezogener Technologie und Infrastruktur übergewichtet waren, stellte die Trendwende einen erheblichen Gegenwind dar, obwohl der breitere Index selbst relativ stabil erschien.

Ausverkauf bei KI-Hardware

Quellen: FactSet und WB Analysis, Stand: 19.08.2026. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein Indikator für zukünftige Renditen. Eine direkte Anlage in einen nicht verwalteten Index ist nicht möglich.

Wachstum: Stütze für die Widerstandsfähigkeit der Märkte

Was stützt die Widerstandsfähigkeit der Finanzmärkte? Das Wachstum weltweit bleibt stark.

Bei breiten Messgrößen makroökonomischer Indikatoren auf der Angebots- und Nachfrageseite, darunter Einkaufsmanagerindizes des verarbeitenden Gewerbes, Autoverkäufe und inflationsbereinigte Einzelhandelsumsätze, haben sich die jüngsten Daten im Vergleich zu den Vormonaten im Allgemeinen verbessert.

Konjunkturüberraschungsindikatoren bieten eine weitere Perspektive auf die Stärke des globalen Umfelds. Anstatt zu messen, ob die wirtschaftliche Aktivität in absoluten Zahlen stark oder schwach ist, zeigen sie, ob neue Daten die Markterwartungen übertreffen oder hinter ihnen zurückbleiben. Die Volkswirtschaften der entwickelten Märkte überraschen im Allgemeinen positiv: Die US-Daten liegen weiterhin über den Erwartungen, der Euroraum hat sich deutlich von seinem Tiefpunkt im zweiten Quartal erholt, während Japan ungewöhnlich starke positive Überraschungen liefert.

Das Bild in den Emerging Markets ist gemischter. Die chinesischen Daten enttäuschen weiterhin im Vergleich zu den Erwartungen und auch Lateinamerika hat sich schwächer entwickelt als erwartet. Auch EM-Asien hat etwas an Dynamik verloren, was mit der breiteren Abkühlung bei KI-bezogenen Technologie- und Infrastrukturaktivitäten übereinstimmt.

Konjunkturüberraschungen

Quelle: Citi, Stand: 17.08.2026.

Die wirtschaftliche Aktivität ist weiterhin relativ lebhaft und große Teile der entwickelten Welt entwickeln sich besser, als die Märkte erwartet hatten. Bei der Veränderung der Marktführerschaft scheint es weniger darum zu gehen, dass sich Investoren auf einen wirtschaftlichen Abschwung vorbereiten, sondern vielmehr darum, dass Kapital innerhalb einer weiterhin expandierenden Weltwirtschaft umgeschichtet wird.

Inflationsvolatilität: Die nächste Herausforderung

Starkes Wachstum stützt die Märkte, aber die Inflation dürfte volatil bleiben. Insbesondere drei Kräfte könnten dafür sorgen, dass der Preisdruck in der zweiten Jahreshälfte unbeständig bleibt: Energiepreise, Halbleiterpreise und Zölle.

Energie ist die erste Quelle der Unsicherheit. Die Rohölpreise waren volatil, doch die Preise für raffinierte Produkte, die Unternehmen und Verbraucher tatsächlich nutzen, darunter Benzin und Diesel, sind stärker gestiegen. Das ist von Bedeutung, da sich die Nordhalbkugel jener Phase nähert, in der die Lagerbestände üblicherweise im Vorfeld des Winters wieder aufgebaut werden. Schnelle Preisschwankungen erschweren es Unternehmen, zu planen, Vorprodukte zu beschaffen und Risiken abzusichern, insbesondere wenn Rohstoffe in anderen Währungen bepreist werden als jenen, in denen die Unternehmen ihre Umsätze erzielen. Diese Unsicherheit kann die Nachfrage belasten, selbst wenn sich die Energiepreise letztlich wieder abschwächen.

„Chipflation“ könnte dafür sorgen, dass der Preisdruck unbeständig bleibt.

Die zweite Quelle ist die „Chipflation“. Die Preise für Speicherhalbleiter sind aufgrund von Angebotsengpässen drastisch gestiegen. Da Chips inzwischen in Konsumgütern allgegenwärtig sind, von Autos bis hin zu Kaffeemaschinen, erhöhen höhere Preise entlang der Halbleiterlieferkette den Aufwärtsdruck auf die Güterinflation. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass der Preisdruck, insbesondere bei aus Südkorea exportierten Speicherchips, allmählich nachlassen könnte. Dies könnte auch einen Teil der jüngsten Rotation weg von den Profiteuren KI-bezogener Technologie und Infrastruktur erklären.

Zölle stellen die dritte Quelle der Unsicherheit dar. Nachdem der Supreme Court Anfang dieses Jahres die umfassenden Zölle der US-Regierung, die auf Grundlage von Notstandsbefugnissen verhängt worden waren, für ungültig erklärt hatte, verfolgt die Regierung weiterhin zusätzliche handelspolitische Maßnahmen über verschiedene Mechanismen, darunter Section 301. Es besteht Spielraum für weitere Änderungen bei der Zollbehandlung sowie für zusätzliche Unsicherheit durch Schlagzeilen und politische Entscheidungen.

Zusammengenommen könnten diese Kräfte dafür sorgen, dass die Inflation volatil bleibt, auch wenn das Wirtschaftswachstum gesund bleibt. Das ist von Bedeutung, da Inflationsvolatilität die Kaufkraft schwächen und die Planung sowohl für Haushalte als auch für Unternehmen erschweren kann. In den Vereinigten Staaten und Europa wird dieser Druck zunehmend in einem nachlassenden realen Lohnwachstum sichtbar, was im weiteren Jahresverlauf zu Gegenwind für die Konsumnachfrage führen könnte.

Veränderung der Stundenlöhne gegenüber dem Vorjahr (Inflation)

Quellen: Eurostat für Daten zum Euroraum und BLS/BEA für US-Daten.

Steigende Zinsen: Nicht zwangsläufig schlechte Nachrichten

Steigende Renditen von Staatsanleihen in den entwickelten Märkten haben Sorgen über die Wertentwicklung von Anleihen und die Tragfähigkeit der Verschuldung ausgelöst, doch der Renditeanstieg spiegelt auch etwas Konstruktiveres wider: eine stärkere Nachfrage nach Kapital.

Wenn die Investitionen in physische Infrastruktur, Produktionskapazitäten, Energie, Verteidigung und andere materielle Vermögenswerte steigen, wie wir in „Aktien: Die Rache der Sachwerte“ erläutern, steigen auch die Investitionsausgaben. Höhere Investitionsausgaben bedeuten eine größere Nachfrage nach Finanzierung, was wiederum Aufwärtsdruck auf die Kapitalkosten ausüben kann. Diese Dynamik ist entlang der gesamten Zinskurve zu beobachten, wobei die Anleiherenditen in den Vereinigten Staaten, Japan und Deutschland über sämtliche Laufzeiten hinweg gestiegen sind.

Höhere Zinsen bedeuten jedoch nicht zwangsläufig eine Verschlechterung der Schuldendynamik. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Finanzierungskosten und nominalem Wirtschaftswachstum. Wenn das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) schneller wächst als die nominalen Zinssätze, können sich die Schuldenquoten selbst bei steigenden Renditen weiter verbessern. Dieses Szenario spielt sich heute in Japan ab: Die Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP erreichte 2022 ihren Höchststand und ist seither um 10 % gesunken, während die Renditen zehnjähriger Anleihen von 2022 bis 2025 um fast 200 Basispunkte gestiegen sind.

Japans Schuldenquote und Renditen

Quellen: Bloomberg, BoJ und japanisches Cabinet Office. Die Zahlen zur Staatsverschuldung für 2026 sind Schätzungen. Die Staatsanleiherenditen entsprechen dem Stand vom 20.08.2026.

Die Geschichte in Kürze

Die Märkte haben sich 2026 widerstandsfähig gezeigt, gestützt durch ein starkes und in vielen Fällen sich beschleunigendes globales Wachstum. Unter der Oberfläche verschiebt sich jedoch die Marktführerschaft: KI-bezogene Technologie und Infrastruktur haben an Dynamik verloren, eine breitere Palette von Branchen und Ländern nimmt an der Entwicklung teil und höhere Investitionsausgaben tragen dazu bei, die Zinsen nach oben zu treiben.

Gleichzeitig bleibt die Inflation eine Quelle der Unsicherheit, wobei volatile Energiepreise, erhöhte Halbleiterkosten und Zölle allesamt zu einem weniger vorhersehbaren Umfeld beitragen.

Das Ergebnis ist ein Umfeld, in dem die wirtschaftlichen Fundamentaldaten weiterhin unterstützend wirken, eine größere Streuung, höhere Kapitalkosten und eine weniger konstante Marktführerschaft die Einzeltitelauswahl in der zweiten Jahreshälfte jedoch zunehmend wichtiger machen könnten.

Olga Bitel, Partnerin, ist Chief Investment Strategist bei William Blair.

Alexa Davis ist Strategy Analyst im Global-Equity-Team von William Blair.

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Weitere beliebte Meldungen:

1 US-All-Cap-Aktien werden durch den MSCI USA IMI repräsentiert.
2 EM-Aktien werden durch den MSCI EM IMI repräsentiert.
3 Entwickelte Märkte außerhalb der Vereinigten Staaten werden durch den MSCI ACWI ex-USA IMI Index repräsentiert.
4 Globale Small-Cap-Aktien werden durch den MSCI ACWI Small Cap Index repräsentiert.
5 US-Value-Aktien werden durch den MSCI USA IMI Value Index repräsentiert.
6 Quelle: MSCI ACWI, gruppiert nach GICS-Branchen.

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