El Niño: Gewinner, Verlierer und Folgen für Investoren

Ein starkes El Niño könnte 2026 und 2027 deutliche Folgen für Schwellenländer haben. Im Fokus stehen Lebensmittelinflation, Wasserkraft, Agrarerträge und Rohstoffpreise. Während einige Länder unter Dürren und schwächeren Ernten leiden könnten, eröffnen sich für Agrarexporteure zugleich Chancen. William Blair Investment Management | 16.09.2026 07:50 Uhr
Alexandra Symeonidi, CFA, ist Senior Corporate Credit and Sustainability Analyst im Emerging Markets Debt Team von William Blair / © e-fundresearch.com / William Blair
Alexandra Symeonidi, CFA, ist Senior Corporate Credit and Sustainability Analyst im Emerging Markets Debt Team von William Blair / © e-fundresearch.com / William Blair

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • El Niño könnte in den Schwellenländern klare Gewinner und Verlierer hervorbringen, wobei die Auswirkungen je nach Land und Exponierung unterschiedlich ausfallen.
  • Lebensmittelinflation, Wasserkrafterzeugung, landwirtschaftliche Produktion und Rohstoffpreise dürften die wichtigsten Übertragungskanäle sein.
  • Agrarexporteure könnten von höheren Rohstoffpreisen profitieren, während Länder, die anfällig für Dürren, schwächere Monsune oder Engpässe bei der Wasserkrafterzeugung sind, stärker unter Druck geraten könnten.

Ein starkes El Niño, das in diesem Jahr erwartet wird, könnte weitreichende Auswirkungen auf die Schwellenländer haben. Veränderte Wettermuster können die Lebensmittelinflation, die Wasserkrafterzeugung, das Wirtschaftswachstum und die Preise für Agrarrohstoffe beeinflussen und damit sowohl Risiken als auch Chancen in verschiedenen Ländern und Anlageklassen schaffen. Für Anleger in Schwellenländern sind die Auswirkungen jedoch selten einheitlich. Deshalb bewerten wir die kurz- und langfristigen Entwicklungen zusammen mit breiteren makroökonomischen und marktspezifischen Faktoren, um potenzielle Chancen zu identifizieren und Portfoliorisiken besser zu verstehen.

El Niño verstehen

El Niño ist ein Klimaphänomen, das durch ungewöhnlich hohe Meeresoberflächentemperaturen im zentralen und östlichen tropischen Pazifik gekennzeichnet ist. Als Teil des umfassenderen El Niño–Southern Oscillation (ENSO)-Zyklus tritt es typischerweise alle ein bis sieben Jahre auf und kann Wettermuster auf der ganzen Welt stören, mit potenziell erheblichen Auswirkungen auf einige Schwellenländer.

Das jüngste El Niño trat 2023-2024 auf, wobei die Temperaturanomalien zwischen November und Januar ihren Höhepunkt erreichten. Im Vergleich dazu wurde das Ereignis von 2015-2016 als „sehr stark“ eingestuft, wobei die Anomalien der Meeresoberflächentemperatur 2 Grad Celsius überstiegen.

Wissenschaftler prognostizieren für dieses Jahr ein weiteres El-Niño-Ereignis, wobei die Temperaturanomalien voraussichtlich 2 Grad Celsius überschreiten werden und es damit möglicherweise in die Kategorie „sehr stark“ fällt. Daten der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die für diese Jahreszeit rekordhohe Meeresoberflächentemperaturen zeigen, verstärken diese Erwartungen. Gleichzeitig weist die ungewöhnlich große Bandbreite der Prognosen auf erhebliche Unsicherheit hinsichtlich der letztendlichen Stärke und Auswirkungen des Ereignisses hin.

Wo El Niño die größten Auswirkungen haben könnte

Ein starkes El Niño dürfte in den Schwellenländern eher Gewinner und Verlierer hervorbringen als zu einem einheitlich negativen Ergebnis führen. Historisch gesehen haben El-Niño-Ereignisse die globalen Wettermuster tendenziell gestört und Regionen wie Südostasien und das südliche Afrika mit Dürren konfrontiert, während sie in Gebieten wie dem südlichen Lateinamerika zu höheren Niederschlagsmengen geführt haben.

Aktuelle Prognosen deuten auf unterdurchschnittliche Niederschläge in Teilen des nördlichen Südamerikas hin, darunter Kolumbien, Ecuador, Venezuela und der Norden Brasiliens, sowie in Südostasien. Feuchtere Bedingungen werden dagegen in der Türkei, Nordafrika, im Süden Brasiliens, in Argentinien, Uruguay und im Nahen Osten erwartet.

Ein möglicher Übertragungskanal ist die Stromerzeugung. Viele Länder in den Anden und südlich der Sahara sind stark von Wasserkraft abhängig, wodurch sie anfällig für geringere Niederschläge, sinkende Pegelstände der Stauseen und eine niedrigere Wasserkraftproduktion sind. Frühere El-Niño-Ereignisse hatten im Allgemeinen nur moderate Auswirkungen auf die Wasserkrafterzeugung, ein stärkeres Ereignis könnte diese Risiken jedoch erhöhen.

Ein zweiter Kanal ist die Inflation, insbesondere in Ländern, in denen Lebensmittel einen großen Anteil der Konsumausgaben ausmachen und die landwirtschaftliche Produktion stark von den Wetterbedingungen abhängig ist. Pakistan, Sri Lanka und mehrere Volkswirtschaften südlich der Sahara könnten besonders stark von höheren Lebensmittelpreisen oder einer schwächeren landwirtschaftlichen Produktion betroffen sein.

El Niño kann auch breitere wirtschaftliche und politische Auswirkungen haben. Indien ist beispielsweise stark von der Monsunsaison abhängig, um die landwirtschaftliche Produktion zu unterstützen. Ein schwächerer Monsun im Zusammenhang mit El Niño könnte die Ernteerträge belasten, zum Preisdruck bei Lebensmitteln beitragen und zusätzliche innenpolitische und politische Herausforderungen schaffen.

Risiken und Chancen für Schwellenländer

El Niño könnte in einigen Schwellenländern Inflationsdruck erzeugen, insbesondere über Energie- und Lebensmittelpreise. Eine schwächere Wasserkrafterzeugung könnte die Stromkosten in Teilen der Anden und Afrikas erhöhen, während geringere landwirtschaftliche Erträge in Teilen Asiens und Afrikas zu einem Aufwärtsdruck auf die Lebensmittelpreise führen könnten.

Historisch gesehen haben El-Niño-Ereignisse jedoch nur zu moderaten Anstiegen der globalen Inflation geführt. Und da diese Effekte in der Regel vorübergehend sind und von Land zu Land erheblich variieren, könnten die Zentralbanken der Schwellenländer dazu neigen, darüber hinwegzusehen, anstatt aggressiv darauf zu reagieren.

Die Stärke der Währungen könnte einen zusätzlichen Puffer bieten. Mehrere Schwellenländerwährungen haben im vergangenen Jahr aufgewertet und damit dazu beigetragen, einen Teil der inflationären Auswirkungen höherer Import- und Rohstoffpreise auszugleichen. Kolumbien, Südafrika, Brasilien und Mexiko sind bemerkenswerte Beispiele. Dies könnte insbesondere für Kolumbien und Südafrika von Bedeutung sein, wo die inflationären Auswirkungen des El Niño 2026-2027 voraussichtlich stärker ausgeprägt sein und sich größtenteils im Jahr 2027 zeigen dürften.

Gleichzeitig könnten Agrarexporteure zu den größten Profiteuren zählen. Frühere El-Niño-Phasen waren mit höheren Preisen für Rohstoffe wie Palm- und Kokosöl, Kautschuk, Kakao, Kaffee und Reis verbunden. Historisch gesehen zeigten sich die größten Preiseffekte tendenziell etwa ein Jahr nach Beginn der El-Niño-Bedingungen.

Preise für Agrarrohstoffe können mit Verzögerung reagieren

Frühere El-Niño-Phasen gingen häufig mit höheren Preisen für ausgewählte Agrarrohstoffe einher, wobei die stärksten Effekte möglicherweise erst etwa ein Jahr nach Beginn des Ereignisses auftreten. 

Quellen: Bloomberg und William Blair, Stand August 2026.

Dies schafft potenzielle Chancen in mehreren Schwellenländern:

  • Argentinien könnte von feuchteren Bedingungen profitieren, die die Weizenerträge in einer Phase erhöhter Preise unterstützen, während Kasachstan und die Ukraine von stärkeren Weizenmärkten profitieren könnten.
  • Thailand und Pakistan könnten von höheren Reispreisen profitieren, die historisch auf starke El-Niño-Phasen folgten.
  • Auch Brasilien könnte gut positioniert sein. Trockenere Bedingungen im Norden und feuchtere Bedingungen im Süden könnten die Soja- und Maiserträge in wichtigen Anbauregionen unterstützen. Ein stärkerer brasilianischer Real könnte die Vorteile höherer Agrarexporte zusätzlich verstärken.

Die nachstehende Tabelle veranschaulicht die potenziellen Auswirkungen auf Investments im Detail.

Potenzielle Gewinner und Verlierer unter den Schwellenländern

Unterschiede bei der Lebensmittelinflation, der Abhängigkeit von Wasserkraft, der Wachstumssensitivität und den Agrarexporten könnten die relativen Risiken und Chancen in ausgewählten Ländern prägen.

Quelle: William Blair, Stand August 2026.

Fazit: El Niño dürfte in den Schwellenländern nicht zu einem einzigen, einheitlichen Ergebnis führen. Die Auswirkungen werden wahrscheinlich von Land zu Land unterschiedlich ausfallen und von Faktoren wie der Abhängigkeit von Landwirtschaft und Wasserkraft, der Inflationssensitivität, der Währungsstärke und den Rohstoffexporten abhängen. Während sich das Ereignis entwickelt, halten wir einen länderspezifischen Ansatz für entscheidend, um zu beurteilen, wo veränderte Wettermuster die wirtschaftlichen Fundamentaldaten, die Marktpreise und letztlich die Anlagechancen verändern könnten.

Alexandra Symeonidi, CFA, ist Senior Corporate Credit and Sustainability Analyst im Emerging Markets Debt Team von William Blair.

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