Die Phase der Entspannung bei der Inflation der Eurozone dürfte im Juli und damit bereits nach einem Monat wieder ausgelaufen sein. Unser Tracker für die Headline-Rate steht momentan bei 2,86 % und damit ein gutes Zehntel höher als im Juni (2,75 %). Berücksichtigt man nur die erste Nachkommastelle, würde die Teuerungsrate mithin von 2,8 % auf 2,9 % steigen.
Vor der jüngsten Eskalation im Nahen Osten und dem damit verbundenen Ölpreisanstieg waren wir noch von einem Absinken auf 2,6 % ausgegangen. Bei der Kernrate deutet sich dagegen ein leichter Rückgang an. Unser Tracker signalisiert 2,33 % nach 2,36 % im Juni. Gerundet würde sie demnach von 2,4 % auf 2,3 % fallen.
Die Risiken dieser Prognose sind ausgesprochen hoch, da insbesondere die Trendwende bei den Benzinpreisen erst zur Monatsmitte erfolgte und immer noch im Fluss ist.
Volatile Komponenten
Es sind allein die Energiepreise, die den erneuten Inflationsimpuls im Juli auslösen. Hier kehrt sich die Entwicklung aus den vergangenen zwei Monaten wieder um: Wir erwarten ein Plus von 2,8 % gegenüber dem Vormonat (Juni: −1,8 %). Die Kraftstoffpreise, die im Mai und Juni noch um 7,2 % gefallen waren, dürften wieder um knapp 4,0 % zulegen.
Darüber hinaus sind erstmals seit vier Monaten auch Strom und Gas Preistreiber mit einem Anstieg von etwa 1,8 %. Vor allem bei Gas ging es in Spanien, Italien und Frankreich im Juli aufwärts. Die infolge der Nahostkrise gestiegenen Großhandelspreise werden damit zum Teil doch noch zeitverzögert weitergegeben.
Alles in allem sollte die Jahresrate der Energiepreise von 8,5 % auf 10,4 % nach oben schnellen. Für sich genommen würde dies die Headline-Rate um zwei Zehntel anschieben. Es gibt jedoch kleinere Gegenkräfte.
Eine davon sind die Nahrungsmittelpreise, die mit rund 0,1 % etwas weniger stark zugelegt haben dürften als im vergangenen Jahr (+0,2 %; Juni: −0,4 %). Bei einigen Komponenten, speziell bei Molkereiprodukten, besteht ein übergeordneter Disinflationstrend.
Bei den Gemüsepreisen gehen wir indes davon aus, dass sich der jüngste starke Preisverfall im Juli nicht fortgesetzt hat. Die Dürre und Hitzewelle in Frankreich und Spanien dürfte hier einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Der bekannte Großmarkt Rungis bei Paris gibt jedenfalls Hinweise auf steigende Großhandelspreise. Die Jahresrate der Nahrungsmittelpreise dürfte gleichwohl von 1,2 % auf 1,1 % nachgeben.
Kernrate
Bei der Kerninflation zeichnet sich in keiner Komponente ein größerer Ausschlag ab, wohl aber einige kleinere dämpfende Faktoren. So dürften Versicherungs- und Finanzdienstleistungen weniger stark gestiegen sein als im Vorjahr. Unter anderem hatten die italienischen Banken im vergangenen Jahr die Kontoführungsgebühren kräftig angehoben, was sich in diesem Jahr nicht wiederholen sollte.
Daneben wurde in Frankreich der Sommerschlussverkauf um eine Woche bis zum 28. Juli verlängert, was auf die Bekleidungspreise drückt.
Bei den Komponenten, die normalerweise innerhalb der Kerninflation die größten Schwankungen auslösen, sehen wir hingegen keine starke Abweichung vom üblichen Saisonmuster: Pauschalreisen, Flugtickets und Hotels verzeichnen im Juli wegen der Ferienzeit kräftige Preissteigerungen. Das dürfte auch dieses Jahr so sein.
Allerdings scheint die Preissetzungsmacht von Hoteliers, Reiseanbietern und Fluggesellschaften derzeit begrenzt, weshalb wir von keinen überdurchschnittlichen Zuschlägen ausgehen. In Deutschland dürfte die Senkung der Luftverkehrsabgabe sogar leicht dämpfend wirken.
Summa summarum sollte die Kerninflationsrate leicht nachgeben, von 2,36 % auf 2,33 % im Jahresvergleich. Dabei sehen wir die Abwärtskräfte gleichmäßig zwischen Industriegütern und Dienstleistungen verteilt.
Länderentwicklung
Deutschland
In Deutschland schlägt vor allem die Aufhebung des Tankrabatts durch: Die Benzinpreise dürften im Juli gegenüber dem Vormonat um mehr als 10 % steigen. Darüber hinaus gibt es einige ungünstige Basiseffekte bei Freizeit, Hotels und Versicherungen, weshalb entgegen dem Trend in der Eurozone sogar die Kernrate zulegen dürfte.
Gemäßigter als in anderen Ländern dürften sich dagegen die Strom- und Gaspreise entwickeln. Insgesamt erwarten wir ein Plus von 0,8 % gegenüber dem Vormonat (Juni: −0,2 %), womit die Jahresrate von 2,4 % auf 2,8 % springen würde.
Frankreich
In Frankreich wirken im Juli speziell die Gaspreise inflationstreibend, die um etwa 5 % steigen dürften. Daneben dürften auch die Nahrungsmittelpreise anziehen. Die Hitzewelle treibt die Großhandelspreise für frisches Obst und Gemüse.
Dem stehen eine Reihe günstiger Basiseffekte gegenüber. Außerdem drückt der um eine Woche verlängerte Sommerschlussverkauf die Bekleidungs- und Haushaltswarenpreise. Die Inflation dürfte daher stagnieren: Wir erwarten ein Plus von 0,3 % gegenüber dem Vormonat (Juni: −0,3 %) bei einer unverändert um 2,0 % pendelnden Jahresrate.
Italien
In Italien dürften die Strom- und Gaspreise deutlich angestiegen sein. Allerdings haben die Benzinpreise voraussichtlich weniger stark zugelegt als im Vorjahr. Hinzu kommt ein äußerst günstiger Basiseffekt im Bereich der Finanzdienstleistungen: Die italienischen Banken hatten Mitte 2025 ihre Gebühren kräftig angehoben.
Insgesamt dürfte die Inflation daher sogar leicht rückläufig sein. Wir rechnen mit einem Rückgang von 1,0 % gegenüber dem Vormonat (Juni: 0,0 %) und einem Absinken der Jahresrate von 3,0 % auf 2,9 %.
Spanien
In Spanien deuten sich deutliche Preissteigerungen bei Gas und Strom an. So wurde etwa der Grundversorgungstarif TUR bei Gas und Strom um 14 % angehoben. Er gilt für knapp 40 % der Haushalte.
Hinzu kommen ungünstige Basiseffekte bei Nahrungsmitteln und Telekommunikationsdienstleistungen. Die Inflationsrate dürfte daher deutlich von 3,6 % auf 3,9 % ansteigen. Entgegen dem Trend in der Eurozone dürfte auch die Kernrate zulegen.
Ausblick
Die Headline-Inflationsrate bleibt ein Spielball des Ölpreises. Hält die aktuelle Entwicklung bis Anfang August an und bleibt der Ölpreis über 90 US-Dollar, dürften die Kraftstoffpreise im August nochmals um 4 % bis 5 % ansteigen.
Die Teuerungsrate der Eurozone würde dann wieder über 3,0 % steigen und aller Voraussicht nach wie im Mai 3,2 % erreichen. Entspannt sich die Lage anschließend, könnte sie im weiteren Jahresverlauf geringfügig fallen, dürfte aber in der Nähe von 3,0 % verharren.
Dies liegt auch an der Kerninflation. Hier rechnen wir wegen Zweitrundeneffekten und ungünstigerer Basiseffekte im zweiten Halbjahr mit einem flachen Aufwärtstrend. Anfang 2027 sollte sie bei rund 2,5 % liegen.
Insgesamt nähert sich das Inflationsprofil in den nächsten Monaten wieder dem Basisszenario der EZB an, ohne es kurzfristig vollständig zu erreichen (siehe Abbildung am Ende). Die Argumente für eine Fortsetzung des moderaten geldpolitischen Straffungskurses erfahren dadurch wieder Aufwind: Eine weitere Leitzinsanhebung im September ist damit zunehmend gesetzt. Sollte die Konjunktur robust bleiben, sind weitere Schritte spätestens Anfang 2027 vorprogrammiert.
Von Dr. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt, Bantleon AG
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