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CIO Weekly Perspectives | Chipmangel

Die weltweite Halbleiterknappheit gilt oft als kurzfristiges Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Für uns ist sie ein Hinweis auf großen Kapitalmangel. Die heutigen CIO Weekly Perspectives stammen von Yan Taw (YT) Boon, Director of Research, Asia. Neuberger Berman | 10.06.2021 10:00 Uhr
© Photo by Alexandre Debiève on Unsplash
© Photo by Alexandre Debiève on Unsplash

Neben der Blockade des Suezkanals durch ein auf Grund gelaufenes Containerschiff ist die internationale Halbleiterknappheit das Welthandelsthema des Jahres.

Oft wird sie als vorübergehend bezeichnet. Die vielen Mitarbeiter im Homeoffice würden verstärkt Computer nachfragen, und die Automobilindustrie bereite sich auf den Neustart der Wirtschaft vor. Zugleich sei das Angebot knapp, weil die Industriearbeiter noch immer unter Pandemiebedingungen arbeiteten oder, etwa in Asien, neue Einschränkungen griffen.

All das ist nicht falsch, aber wohl nur die halbe Wahrheit. Tatsache ist nämlich auch, dass sich die Branche grundlegend ändert. Nicht mehr nur ausgewählte Sektoren brauchen Halbleiter, sondern fast alle, und statt der Konjunktur treiben zunehmend strukturelle Veränderungen die Nachfrage. Die Preismacht der Anbieter ist größer denn je, und entlang der gesamten Wertschöpfungskette für Chips ist der Kapitalbedarf enorm.

Vernetzung

Am lautesten klagte die Automobilindustrie, da die Halbleiterknappheit Produktionsstopps verursachte. Autohersteller brauchen eher klassische Chips statt der Hochleistungshalbleiter, die in Mobiltelefonen und anderen Smart Devices verbaut werden. Entwicklung und Investitionen haben sich in den letzten Jahren aber auf Hochleistungschips konzentriert, sodass die Produktionskapazitäten für Automobil-Chips veralten und schrumpfen.

Mit anderen Worten: Das eigentliche Problem ist nicht, dass Automobilhersteller keine Chips bekommen. Weitaus schwerwiegender ist, dass die Chiphersteller den Bedarf an modernster Technologie offensichtlich nicht decken können, obwohl sie hier einen klaren Schwerpunkt setzen.

Für uns zeigt dies klar, wie schnell der Bedarf an Halbleitern wächst. Smart Devices werden noch smarter, und selbst alte Technik wie Fernseher und Kühlschränke wird allmählich intelligent.

Mit jeder neuen Generation oder jedem neuen Meilenstein wächst die Zahl der Transistoren und damit die Rechenkraft der Chips. Jeder Fortschritt erfordert mehr Forschung und Entwicklung, Kapital, Rohstoffe, Ingenieurskunst und Zeit – im Schnitt zwölf bis zu 18 Monate. Deshalb können Halbleiterhersteller nicht einfach einen Hebel umlegen, um die Nachfrage der Smart-Device-Hersteller nach modernster Technologie zu befriedigen.

In unserer zunehmend digitalen und vernetzten Welt führt dies zu positiven Rückkopplungen. Jede neue Technologie ermöglicht Innovationen und neue Anwendungen. Das lässt wiederum die Nachfrage nach Chips steigen und bringt die Entwicklung weiter voran.

Es überrascht nicht, dass die Investitionen des weltgrößten Chipherstellers TSMC aus Taiwan dieses Jahr wohl um über 50% steigen werden und in den kommenden drei Jahren mit 100 Milliarden US-Dollar Investitionen gerechnet wird.

Nationale Sicherheit

Dass in immer mehr Geräten immer höher entwickelte Halbleiter verbaut werden, ist eine Sache. Hinzu kommt, dass viele Länder bei Halbleitern immer restriktiver werden.

Wir glauben, dass beides miteinander zu tun hat. Wenn man nur mit der neuesten Technik in Büros, Fabriken und Lagern produktiver werden kann, ist ein ausreichender Zugang zu Halbleitern wichtig für den Wohlstand. Und wenn alle Geräte miteinander kommunizieren, wird er auch für die nationale Sicherheit relevant.

Der Chiphandel mit bestimmten Ländern und Unternehmen wird daher manchmal verboten. Andere Länder wiederum wollen eine inländische Produktion aufbauen, die mit den führenden asiatischen Produzentenländern – vor allem Taiwan – mithält.

US-Präsident Joe Biden will im Rahmen seines Infrastrukturprogramms hierfür 50 Milliarden US-Dollar bereitstellen. Intel will 20 Milliarden US-Dollar in neue Fabriken in Arizona investieren. TSMC und Samsung wollen für mehrere Milliarden US-Dollar ihre Kapazitäten in den USA ausbauen, in Arizona und Texas. Die Europäische Union möchte mit ihren Pandemiehilfen auch eine Verdopplung der Halbleiterherstellung bis 2030 erreichen. Südkorea hat gerade erst 450 Milliarden US-Dollar für die Herstellung modernster Chips eingeplant, und Indien bietet Unternehmen über 1 Milliarde US-Dollar, wenn sie im Land Halbleiterfabriken bauen. Auch in China ist die Halbleiterherstellung ein wichtiger Teil des neuen Fünfjahresplans.

Wertschöpfungskette

All dies verändert die Halbleiterbranche massiv. Erstmals seit vielen Jahren haben die Hersteller echte Preismacht. Die wichtigste Veränderung ist aber, dass der Markt immer unabhängiger von der Konjunktur wird. Strukturelle Entwicklungen werden immer wichtiger. Halbleiteraktien werden defensiv.

Da sich die Chipnachfrage nicht mehr nur auf Computer und Autos beschränkt, nimmt die Konjunktursensitivität ab. Hinzu kommt das veränderte Verbraucherverhalten. Früher war Apple das einzige Unternehmen, das mehrjährige Lieferverträge für Chips abschloss. Heute wird dies angesichts der höheren Nachfrage zur Regel.

Man sollte sich vor Augen halten, dass diese Veränderungen nicht nur die Halbleiterbranche und ihre Kunden betreffen. Sie werden Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette für Chips haben.

Um Halbleiter herzustellen, braucht man Spezialgeräte, etwa die Lithografietechnik von ASML und die Technologie von Lam Research für das Ätzen, die Abscheidung und die Reinigung von Halbleiter-Wafern. Für die Chipproduktion ist spezielle Software nötig. Softwarehäuser wie Cadence Design Systems, Synopsys und Siemens Mentor Graphics konzentrieren sich auf die Electronic Design Automation (EDA) für diese immer komplexeren Aufgaben. Wir meinen, dass ein Großteil der erwähnten Investitionen solchen Firmen zugutekommt.

Nichts, auch nicht die weltweite Halbleiterknappheit, wird auf ewig die Schlagzeilen beherrschen. Lassen Sie sich aber nicht ins Bockshorn jagen. Für uns ist sie keine kurzfristige Angebotsknappheit, sondern die Folge von schneller Digitalisierung und Weltpolitik. Wir halten den wachsenden Kapitalbedarf entlang der gesamten Wertschöpfungskette für eines der interessantesten Investmentthemen von heute.

Yan Taw (YT) Boon, Director of Research, Asia, Neuberger Berman

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