CIO Weekly | Mehr Volatilität durch Politik und Notenbanken

Die jüngsten Wahlen in den USA und die Entwicklung in Europa zeigen, dass die Politik unberechenbarer wird und mit mehr Überraschungen zu rechnen ist. Anleger sollten sich auf weitere Turbulenzen einstellen. Neuberger | 20.11.2025 13:09 Uhr
Joseph V. Amato, President und Chief Investment Officer – Equities, Neuberger Berman / © e-fundresearch.com / Neuberger Berman
Joseph V. Amato, President und Chief Investment Officer – Equities, Neuberger Berman / © e-fundresearch.com / Neuberger Berman

Der Ausverkauf von Technologieaktien in der letzten Woche ist ein weiteres Beispiel für die Art von Volatilität, mit der Anleger schon das ganze Jahr leben mussten. Die jüngsten Wahlen in den USA und die politische Entwicklung in Europa zeigen aber, dass auch die Politik unberechenbarer wird. Bald könnte die „politische Volatilität“ so hoch sein wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Die Wahl des linken Demokraten Zohran Mamdani zum New Yorker Bürgermeister am 4. November zeigt erneut, welche Überraschungen in der amerikanischen Politik möglich sind – und am Aufstieg der Rechtspopulisten in Frankreich, Deutschland und Großbritannien sieht man, dass auch in anderen Ländern viel in Bewegung ist.

Noch mögen andere Themen Anlegern wichtiger erscheinen. Zweifel am KI-Boom verursachten Kursschwankungen in den USA, worüber wir gerade erst unter dem Titel KI: Boom, Bust oder beides? geschrieben haben. Außerdem droht eine straffere Geldpolitik. Im neuen Jahr dürfte die politische Volatilität aber in wichtigen westlichen Ländern ein großes Thema werden. Anleger müssen die Entwicklung genau beobachten, da sie große Auswirkungen auf die Geldpolitik und risikobehaftete Wertpapiere haben kann.

Polarisierung und Diskontinuität

Politische Volatilität mag in den USA und auch in anderen Ländern normal sein. Mamdanis Sieg hat aber eine neue Qualität und zeigt uns, dass die Gründe tiefer liegen.

Trotz der ordentlichen Konjunktur machen sich immer mehr Wähler Sorgen um ihre wirtschaftliche Lage. Vereinfachend kann man sagen, dass die Automatisierung viele Arbeiter zu den Rechtspopulisten treibt und Angestellte wegen des schwierigeren Arbeitsmarkts stärker nach links tendieren.

Letztlich heißt das aber, dass der politische Nachkriegskonsens verloren geht. Wegen der zunehmenden Spaltung nehmen Extremrisiken zu, und die politische Entwicklung ist heute so unsicher wie seit 50 Jahren nicht mehr. Früher lagen die Parteien längst nicht so stark auseinander. Das sorgte für Stabilität und machte die Politik berechenbarer.

Wenn die Polarisierung jetzt zunimmt, hat das Auswirkungen auf viele wichtige Sektoren, allen voran Finanzen, Energie, Technologie und KI sowie auf die Kartellgesetzgebung.

Die Politik kann auch große Auswirkungen auf die Finanzmarktregulierung haben. „Linke“ Regierungen setzen auf eine strengere Kontrolle, konservative eher auf Deregulierung. Veränderungen des Regulierungsrahmens, der Kapitalanforderungen, des Verbraucherschutzes und der Durchsetzung von Regeln können sich auf Kapitalkosten, Kreditvergabe und Rentabilität im Finanzsektor auswirken.

Ähnlich groß sind die Gegensätze in der Energiepolitik. Wenn Klimaschutz für die Regierung Priorität hat, wird die Emissionsregulierung strenger. Erneuerbare Energien werden schneller ausgebaut, der Investitionsmix ändert sich. Wenn die Regierung hingegen auf fossile Brennstoffe setzt, senkt sie in der Regel die Auflagen für neue Projekte und fördert die traditionelle Energieerzeugung. All das kann sich auf Investitionsentscheidungen, die Wirtschaftlichkeit von Projekten und die Rohstoffpreise auswirken. Oft wirken weltpolitische Schocks über die Energiepreise auf die Wirtschaft ein.

Ein anderes Thema ist Technologie und KI. Schon jetzt entwickelt sich die Regulierung in den einzelnen US-Staaten auseinander. In New York, Kalifornien und Colorado sind die Regeln strenger, in Texas und Florida lockerer. Diese Fragmentierung macht die Compliance teurer, erschwert eine flächendeckende Produkteinführung und kann zu ungleichen Wettbewerbs¬bedingungen führen – je nachdem, wo ein Unternehmen produziert und welche Standards gelten. Unterschiedliche Kartellgesetzgebungen sind ebenfalls nicht folgenlos. Auch sie beeinflussen die Wettbewerbsbedingungen für große Technologieunternehmen und die Marktstruktur – Fusionen und Übernahmen sind unterschiedlich interessant, und auch die Plattformen selbst dürften sich unterschiedlich verhalten.

Folgen für Anleger

Politische Volatilität und Unsicherheit generell machen das Investieren komplexer. Das hat Auswirkungen auf Anlagehorizonte, Portfoliokonstruktion und Asset-Allokation.

Trotz allem sollte man weiter langfristig investieren. Aber man muss mitunter schnell reagieren, kurzfristiger und taktischer vorgehen und die Anlagen flexibler steuern. Man muss auf Änderungen reagieren, ohne die strategischen Ziele aufzugeben.

Auf Unternehmens- und Branchenebene sollte man sich vor den Folgen politischen Wandels schützen. Anleger sollten analysieren, wie stark die einzelnen Sektoren darauf reagieren. Dabei sind Finanz- und Energiewerte sowie große Technologieplattformen meist stärker von der Politik abhängig als andere Branchen. Interessant könnten Unternehmen mit diversifizierten Umsätzen sein, Unternehmen, die ihre Kosten bei Bedarf senken können und so finanzkräftig sind, dass aufsichtsrechtliche und fiskalpolitische Schocks ihnen nicht viel anhaben können.

Man sollte deshalb bei Portfoliokonstruktion und Risikobudgetierung verschiedene politische Szenarien berücksichtigen, etwa „progressive“ oder „konservative“ Regierungen auf Bundes- und Einzelstaatenebene. Mit Stresstests könnte man prüfen, was solche unterschiedlichen Regierungen für Umsätze, Gewinnmargen, Investitionspläne und Kapitalkosten bedeuten. Weil die Ertragserwartungen politisch sensitiver Positionen stärker streuen können und ihr Tracking Error höher ist, sollte man die Positionsgrößen von den Szenarien abhängig machen.

Assetklassenübergreifende Diversifikation kann bei Risiken helfen und für eine ausreichende Liquidität sorgen. Bei börsennotierten Titeln kann man schneller auf politische Änderungen reagieren, während sich Private Capital weniger gut umschichten lässt.

Volatilität verlangt Flexibilität

Politische Volatilität ist kein Noise mehr, sondern zu einem wichtigen Anlagethema geworden. In den USA stehen 2026 die Zwischenwahlen an. Politische Veränderungen werden wahrscheinlicher. Das ist Chance und Risiko zugleich.

Anleger müssen daher unbedingt flexibel sein. Wer langfristige Disziplin mit taktischer Flexibilität verbindet, kann sein Kapital besser schützen und Chancen besser nutzen, wenn die Märkte schnell auf die Politik reagieren.

Von Joseph V. Amato, President und Chief Investment Officer – Equities, Neuberger Berman

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