CIO Weekly | Emerging Markets: Zunehmende Marktbreite

Als Geldpolitik und Konjunktur in den Industrieländern für Kursschwankungen sorgten, lagen die Emerging Markets unbemerkt vorn. Wir rechnen weiter mit ordentlichen Erträgen. Neuberger | 22.01.2026 09:14 Uhr
Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer - Wealth bei Neuberger Berman / © e-fundresearch.com / Neuberger Berman
Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer - Wealth bei Neuberger Berman / © e-fundresearch.com / Neuberger Berman

Selbst wenn die Fed ihren Leitzins – wie allgemein erwartet – nächste Woche nicht senkt, dürfte das die schon mindestens ein Jahr dauernde Rallye von Emerging-Market-Aktien und -Anleihen nicht bremsen.

Die amerikanische Geldpolitik beeinflusst die Emerging Markets noch immer sehr, aber diesmal treibt nicht allein die Fed die Kurse. In den letzten 18 Monaten haben viele Emerging Markets die Inflation sehr viel früher und entschlossener bekämpft als die USA, sodass ihre realen Leitzinsen noch immer positiv sind. Die Leistungsbilanzen sind ebenfalls besser, und auch die Fiskalpolitik ist stabiler als in vielen großen Industrieländern.

Zugleich haben sich die Gewinnerwartungen für viele wichtige Emerging-Market-Sektoren weiter verbessert, vor allem in Asien, wo große Anbieter von Hardware und digitaler Infrastruktur für den KI-Ausbau ihren Sitz haben. Die Fundamentaldaten machen Fortschritte, der Wachstumsvorsprung gegenüber den Industrieländern wächst, die eigene Geld- und Fiskalpolitik stützt die Märkte. Wir glauben daher, dass Emerging-Market-Titel von einer taktischen Beimischung zu einem wichtigen Portfoliobestandteil werden. Die Marktbreite nimmt weiter zu.

Emerging Markets übergewichten

Viele dieser Entwicklungen stimmen uns für die Emerging Markets schon länger optimistisch. Ab diesem Quartal sind wir noch zuversichtlicher: Unser Asset Allocation Committee ist künftig auch in Aktien übergewichtet, nicht nur in Anleihen und Währungen der Emerging Markets.

Wesentlichen Anteil daran haben die neuen Übergewichtungen Indiens und Brasiliens. In Indien, bislang untergewichtet, haben sich Bewertungen und Konjunktur verbessert, und es besteht die Aussicht auf ausländische Investitionen. In Brasilien, bislang neutral gewichtet, haben wir auf die lockerere Geldpolitik und die hohe Rohstoffnachfrage reagiert, von der auch andere rohstoffreiche Länder profitieren. China ist schon seit letztem Jahr übergewichtet.

Optimistisch sind wir aber nicht nur für diese drei großen Länder, und es geht auch nicht allein um Bewertungen und Geldpolitik. Wir erwarten auch in anderen Emerging Markets viele neue Anlagechancen – und das vor allem in Asien, wo Reformen, eine bessere Corporate Governance und die Erfolge von KI- und Hardwarefirmen das gute Konjunkturbild ergänzen und den Märkten helfen.

Ein gutes Beispiel ist Korea. Der KOSPI erreichte letzte Woche ein neues Allzeithoch, vor allem aufgrund ausländischer Käufe koreanischer Halbleiterwerte. Dabei legten nicht nur einige Indexschwergewichte zu, sondern auch Hersteller von Hochleistungschips und Halbleitertechnik. Anleger sind an der gesamten KI-Wertschöpfungskette interessiert. Nach unseren Analysen ist Korea einer der führenden KI-Anbieter von morgen, was sich etwa in Patentanmeldungen und Investitionen zeigt.

Auch Anleihen sind interessant

Die Emerging Markets können die amerikanischen Technologieriesen also gut diversifizieren. So erfolgreich die US-Mega-Caps sind, so wenig Vielfalt bieten ihre Geschäftsmodelle. Außerdem werden sie ähnlich reguliert und sind ähnlich hoch bewertet.

An den Emerging Markets ist die Marktstruktur dagegen anders. Zyklische Sektoren wie Finanz-, Grundstoff- und Industriewerte sind hier stärker vertreten. Sie profitieren von Binnenkonjunktur und Außenhandel und nicht allein von der Entwicklung digitaler Plattformen. Mit vielen Emerging Markets kann man auch in strukturelle Themen wie Demografie und Urbanisierung investieren, was in den Industrieländern kaum möglich ist.

Interessant sind aber nicht nur Emerging-Market-Aktien. Staats- und Unternehmensanleihen, früher ein Nischenmarkt mit hohem Beta, bieten mittlerweile Tiefe und Vielfalt.

Ihre Mehrerträge waren zuletzt ordentlich. Oft ließen sie Industrieländertitel hinter sich – wegen ihrer höheren Einstiegsrenditen, der früheren Anpassung der Geldpolitik und der besseren Fundamentaldaten. Hinzu kommen bessere äußere Rahmenbedingungen wie ein schwächerer US-Dollar und eine stabilere Weltkonjunktur. Außerdem sind Verschuldung und Ausfallquoten oft niedriger als in den Industrieländern. All das macht höhere Renditen ohne eine proportional schlechtere Kreditqualität möglich.

Auf dem Weg zur Kernanlage

Wir halten die Emerging Markets aus mehreren Gründen für interessant: Das Wachstum ist höher als in den Industrieländern, wo es zuletzt niedrig war und jetzt nur langsam steigt. Statt ausschließlich in die von Technologieriesen dominierten USA kann man in zyklischere, binnenorientiertere Aktien und KI-Infrastrukturwerte investieren. Ihre Anleihenmärkte wiederum sind sehr viel reifer und diversifizierter geworden. Oft haben sich die Fundamentaldaten im Vergleich zu denen der Industrieländer verbessert, und die lockerere US-Geldpolitik und der schwächere Dollar helfen ebenfalls.

Die Herausforderung für Anleger ist also nicht ein Mangel an Anlagechancen, sondern die Notwendigkeit, wählerisch zu sein. Man muss wissen, welche Länder und Unternehmen echte Reformen, Innovationen und eine bessere Corporate Governance in Aussicht stellen. Wer sich nicht mehr auf die bekannten US-Titel beschränken will, könnte die Emerging Markets interessant finden. Sie wandeln sich von einer taktischen Beimischung zu einem wichtigen Teil eines diversifizierten und stabilen Portfolios.

Von Shannon L. Saccocia, Chief Investment Officer - Wealth bei Neuberger Berman

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