Aktien und Co.: Was tun bei widersprüchlichen Signalen?

Die Konjunktur scheint stark, aber die Marktsignale sind oft widersprüchlich. Das Ergebnis ist eine ausgeprägte Faktor-, Sektor- und Länderrotation. Neuberger | 19.02.2026 13:13 Uhr
Jeff Blazek, CFA, Co-CIO, Multi-Asset Strategies bei Neuberger Berman / © e-fundresearch.com / Neuberger Berman
Jeff Blazek, CFA, Co-CIO, Multi-Asset Strategies bei Neuberger Berman / © e-fundresearch.com / Neuberger Berman

Die Konjunktur ist im Fluss, aber fühlt sich weiter gut an. Alles in allem haben internationale Aktien dieses Jahr ordentlich zugelegt.

Die Wirtschaft wächst, der Arbeitsmarkt ist stabil, die Inflation scheint unter Kontrolle. Das zeigen etwa die Arbeitsmarkt- und Inflationsdaten der letzten Woche. Alles in allem spricht nur wenig für einen Abschwung. So gesehen scheint das Makroumfeld recht ruhig, und risikobehaftete Wertpapiere legen entsprechend zu.

Aber das verdeckt die bisweilen widersprüchlichen Marktsignale. Die zurzeit recht unterschiedliche Entwicklung der verschiedenen Marktsegmente führt oft zu raschen Führungswechseln – bei Faktoren, Sektoren und Regionen. Immer häufiger werden die Geschäftsmodelle ganzer Branchen in kürzester Zeit infrage gestellt. Struktureller Wandel braucht oft Jahre, aber die Märkte nehmen ihn in wenigen Wochen vorweg.

Immer häufiger werden Investmentthemen völlig anders eingeschätzt als wenige Tage zuvor: ob Umwälzungen durch KI, optimale Duration, Konzentrationsrisiken in den USA und die weltweite Suche nach günstigen Einstiegskursen – oft fehlt die Geduld, bis die Unternehmensgewinne die Theorie bestätigen.

In Zeiten wie diesen sollte man nicht alles auf eine Karte setzen und einem Investmentthema blind folgen. Wenn der Markt ruhig scheint, sich aber unter der Oberfläche viel tut, werden Portfoliokonstruktion und Sektordiversifikation plötzlich genauso wichtig wie die Marktrichtung.

Rotation statt Risikovermeidung

Solche uneinheitlichen Entwicklungen führen eher zu einer Branchenrotation als zu generellen Aktienverkäufen. Anfang 2026 sah man das deutlich: Anleger bauten nicht einfach Risiken ab, sondern änderten ständig ihre Meinung, welche Titel bald vorn liegen würden.

Seit Jahresbeginn hat das mehreren Sektoren geholfen, die zuvor wenig gefragt waren – vor allem Energie-, Grundstoff-, Konsumverbrauchsgüter- und Industriewerten sowie Small Caps. Verlierer waren Technologieaktien mit KI-Bezug und insbesondere Softwaretitel. Darüber haben wir an dieser Stelle gerade erst geschrieben.

Seit Jahresbeginn liegen acht der elf Sektoren des S&P 500 im Plus – alle bis auf Informationstechnologie, Finanzen und Konsumgebrauchsgüter. In den letzten drei Monaten hat der Russell 2000 den NASDAQ 100 Index um über 10 Prozentpunkte hinter sich gelassen, in den USA lagen Substanzwerte vor Wachstumswerten, nicht amerikanische Aktien haben US-Titel übertroffen.

Nicht nur die Richtung der Rotation ist bemerkenswert, sondern auch ihr Tempo. Lange profitierte der Softwaresektor vom Glauben an wenig kapitalintensive Geschäftsmodelle. Doch in nur wenigen Tagen kippte die Stimmung, und jetzt fürchtet man massive Turbulenzen durch KI. Die Märkte versuchen, schneller auf die kreative Zerstörung zu reagieren, als Unternehmen Zahlen vorlegen, Strategien anpassen und Erfolge verbuchen können.

Wie wir in Solving for 2026 geschrieben haben, führen solche Umwälzungen zu einer Zweiteilung. Die Gewinner nutzen KI, verlieren keine Kunden und profitieren vom Wandel. Die Verlierer leiden unter Preisdruck, Kundenverlusten oder Disintermediation. Deshalb hat sich der Gegensatz zwischen Substanz- und Wachstumswerten verschärft. Rasche Umschichtungen bedeuteten, dass Anleger stärker auf Bewertungen achten und Narrative schneller infrage stellen. Man sollte sich daher auf ausgeprägtere Führungswechsel und eine stärkere Einzelwertstreuung vorbereiten.

Bei strukturellen Veränderungen zählen die Gewinne

In Zeiten wie diesen sind Unternehmenszahlen oft ein verlässlicher Kompass. Gewinne und Gewinnausblicke können wichtige Hinweise auf Nachfrage, Preismacht, Kosten und Margen liefern – und damit die Konjunktur oft besser abbilden als einzelne Wirtschaftszahlen. Der Diskontfaktor hängt weiter vom Makroumfeld ab, aber entscheidend sind die Unternehmensgewinne. Sie zeigen, ob ein Unternehmen wirklich wächst oder ob man das nur glaubt.

Das ist deshalb so wichtig, weil die Zeithorizonte zurzeit nicht übereinstimmen. Anleger versuchen, strukturelle Veränderungen zu bewerten – Produktivitätsgewinne durch KI, Rationalisierungsmaßnahmen, neue Lieferketten und Änderungen der Kapitalintensität. Ihr Horizont ist kurzfristig. Aber es handelt sich um langfristige Entwicklungen: Kundenverhalten, Abonnementzahlen, Stückkosten, Margen und Preismacht ändern sich nicht von jetzt auf gleich.

Bis jetzt waren die Unternehmensgewinne hoch genug, damit der Markt insgesamt ruhig blieb. Die Viertquartalszahlen waren gut. Im Median sind die Gewinne der S&P-500-Unternehmen, die schon Zahlen vorgelegt haben, um fast 10% gestiegen. Auch nimmt man an, dass die US-Wirtschaft im 4. Quartal 2025 annualisiert um 3,7% gewachsen ist.

Die Fundamentaldaten der Unternehmen sprechen also weiter für Aktien und Co., auch wenn die Marktführerschaft oft wechselt.

Risikoreiche Titel übergewichten, aber ausgewogen und diversifiziert

Wir setzen daher weiter auf Wachstum. Wir bleiben in risikobehafteten Titeln übergewichtet, investieren aber umfassender und nicht mehr so konzentriert. Dabei interessieren uns Titel mit günstigen Bewertungen, die von der Branchenrotation profitieren können.

Das gilt auch international. Unser Asset Allocation Committee spricht sich für eine Übergewichtung von Emerging-Market-Aktien und ausgewählten nicht amerikanischen Industrieländern wie Japan aus. Übergewichtet sind wir auch in Edelmetallen und nicht amerikanischen Währungen. Beides kann das Portfolio diversifizieren, wenn sich die Märkte uneinheitlich entwickeln und Geld- und Fiskalpolitik sowie Marktstimmung schnell ändern können.

In US-Aktien bleiben wir neutral gewichtet. Der Grund ist einfach: Die Bewertungen sind noch immer hoch, aber KI-Investitionen sowie deren Rentabilität und Folgen werden immer intensiver diskutiert. Das heißt nicht, dass man auf amerikanische Papiere verzichten sollte. Aber ein genereller Kursanstieg wird unwahrscheinlicher; die Streuung dürfte zunehmen. So gesehen ist eine neutrale Positionierung in US-Aktien kein Widerspruch zu einer weltweiten Aktienübergewichtung – vor allem, wenn die Marktbreite weiter zunimmt und nicht mehr nur einige wenige US-Wachstumswerte steigen.

Anlegern raten wir daher, investiert zu bleiben – aber mit einem Portfolio, das mit Rotationen leben kann. Es empfiehlt sich, Regionen und Stile zu diversifizieren, klare Risikobudgets festzulegen, auf die Unternehmensgewinne zu achten und zwischen dauerhaften Veränderungen und schnellen Meinungsumschwüngen zu unterscheiden.

Von Jeff Blazek, CFA, Co-CIO, Multi-Asset Strategies bei Neuberger Berman

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