In den letzten Wochen waren die Märkte wieder einmal volatil: Mit der Entscheidung des Supreme Court wurde die amerikanische Zollpolitik wieder unsicherer. Außerdem fürchtete man, dass KI nicht nur für Veränderungen sorgt, sondern die Wirtschaft destabilisiert.
Beides hat Anleger einmal mehr irritiert, hätte aber eigentlich niemanden überraschen dürfen. Viele Investoren hatten sich bereits darauf vorbereitet, dass die Gerichte die Zölle ändern oder kippen könnten. Und KI-Sorgen waren in vielen Branchen ebenfalls nichts Neues.
Beides wird uns wohl erhalten bleiben. Die Zollpolitik dürfte noch mindestens bis zum Jahresende schwer einzuschätzen sein – wegen weiterer Urteile, Verhandlungen und der technischen Umsetzung. Und KI könnte die größte schöpferische Zerstörung aller Zeiten auslösen und die Welt wesentlich schneller verändern als frühere technische Innovationen. Dennoch wird es dauern, bis die Veränderung von Arbeitsprozessen, Geschäftsmodellen und Arbeitsmärkten abgeschlossen ist.
In solchen Zeiten besteht die Gefahr, dass man nur noch ein Thema kennt – wachsende Unsicherheit – und einfach nur Risiken abbaut. Besser wäre es aber, die unsichere Zollpolitik ebenso zu akzeptieren wie die KI-Disruption. Denn beides ist auch eine Chance. Man braucht dazu einen Prozess, der Veränderungen nutzen kann, ohne Reaktionen zu erzwingen. Natürlich wird die schöpferische Zerstörung durch KI viele Verlierer produzieren – aber ebenso viele Gewinner.
Zölle, wieder einmal
Zölle bleiben ein politisches Risiko. Jetzt will die US-Regierung die IEEPA-Zölle erst einmal 150 Tage lang durch einen 15-prozentigen Zoll für alle Länder ersetzen. Aber was kommt dann? Und was bedeutet das für Staatsfinanzen, Wachstum und Inflation?
Beginnen wir mit den Staatsfinanzen: Das höchstrichterliche Urteil könnte den Fiskus verpflichten, Zölle an Importeure zurückzuzahlen, die sie dann an ihre Kunden weiterreichen müssen. Wir rechnen damit, dass das mehrere Jahre dauert und recht komplex wird. Die Belastungen für den Staatshaushalt dürften sich daher in Grenzen halten.
Die Auswirkungen auf das Wachstum sind vielfältig. Vermutlich wird der Effektivzoll niedriger sein als vor dem Urteil, was das Wachstum etwas fördern würde. Allerdings wird die Handelspolitik wieder unsicherer – zwar nicht so stark wie nach dem Liberation Day, aber doch etwas. Alles in allem glauben wir, dass sich Positiv- und Negativfaktoren aufheben, sodass sich unser Wachstums- und Arbeitsmarktausblick für 2026 kaum ändert.
Die Inflation dürfte tendenziell fallen, wenn auch nur leicht. Ein Großteil der Zolllasten scheint bereits verarbeitet oder weitergereicht. Selbst wenn die Importeure Rückerstattungen erhalten, rechnen wir nicht mit deutlichen Preissenkungen.
Der KI-Disruption etwas entgegensetzen
Das sehr viel wichtigere Thema ist aber KI. Disruption ist unvermeidbar, aber sie dürfte nicht alle Branchen und Unternehmen gleich treffen. Sie ist keine Katastrophe. Wir glauben, dass die Märkte sehr viel schneller reagiert haben, als sich die Realwirtschaft ändern kann.
Fest steht, dass Einführung und Nutzung neuer Technologien Zeit brauchen. Die meisten Unternehmen kämpfen noch damit, KI so in komplexe Arbeitsabläufe zu integrieren, dass die Produktivität nachhaltig steigt. Selbst wo der Nutzen auf der Hand liegt, etwa beim Ersatz veralteter Software, dauert die Umstellung auf neue Prozesse oft Quartale oder Jahre, nicht Wochen oder Monate. Weil der Aktienmarkt reagiert, lange bevor sich in den Unternehmen etwas ändert, entstehen Risiken und Chancen.
Immer wieder geraten andere Sektoren ins Visier: Software, Private Credit, Vermögensmanagement, Beratung und Versicherungsvertrieb. Jede Veränderung löst den gleichen Reflex aus: Erst wird verkauft, dann nachgedacht. Die Kurse fallen dann deutlich stärker, als es zu den kurzfristigen Fundamentaldaten zu passen scheint.
Natürlich muss manches neu eingeschätzt werden. KI kann den Cashflows mancher etablierter Unternehmen schaden. Selbst wenn die Gewinne erst einmal stabil bleiben, können Zweifel an den Cashflows in fünf oder zehn Jahren niedrigere Bewertungen oder einen geringeren theoretischen Endwert zur Folge haben. Niemand hat etwas dagegen, wenn Anleger Fragen stellen. Aber man sollte nicht wahllos alles verkaufen, bevor man weiß, was Disruption und KI-Nutzung am Ende bedeuten. Die Kursverluste haben dann mehr mit Angst und Positionierung als mit den Fundamentaldaten zu tun. Ganze Sektoren werden abgestraft, auch wenn wir die Gewinner und Verlierer von morgen noch gar nicht kennen und auch noch nicht wissen, wann es so weit ist.
Die Unkenrufer könnten auch Restriktionen und Zweitrundeneffekte unterschätzen. Wenn das Weltuntergangsszenario eintritt, dürfte die Politik kaum einen raschen Anstieg der Arbeitslosigkeit akzeptieren, ohne die Gesetze zu ändern. Außerdem könnten Engpässe bei Energieversorgung und Verfügbarkeit von Computern das Wachstum und den Einsatz disruptiver KI-Tools bremsen, und etablierte Unternehmen, die diese Tools intensiv nutzen, können ihre Margen sichern und ihre Produktivität steigern.
Kurs halten, diszipliniert und wählerisch sein
Angesichts der Risiken gilt es, Ruhe zu bewahren, wenn sich die Stimmung schneller ändert als die Fundamentaldaten. Überreaktionen lassen sich nutzen, wenn man fokussiert, diszipliniert und wählerisch bleibt: Gehen Sie Risiken nur selektiv ein, achten Sie auf Stabilität und Flexibilität und nutzen Sie Einzelwertanalysen. Dann können Sie zwischen vorübergehenden Marktverzerrungen und langfristigen Verlusten unterscheiden.
Von Joseph V. Amato, President und Chief Investment Officer – Equities, Neuberger Berman
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