Die erste Sitzung unter Warsh bestätigte das Bild einer US-Wirtschaft in einer Phase inflationären Wachstums. Die Konjunktur bleibt robust, der Arbeitsmarkt stabil und die Inflation liegt weiterhin über dem Zielwert von 2%. Entsprechend sieht die FED derzeit keinen Anlass für eine Lockerung der Geldpolitik. Die neuen Projektionen (Dot Plot) unterstreichen diese Einschätzung: Die Inflationsprognosen wurden angehoben, während die Wachstumserwartungen leicht zurückgenommen wurden. Gleichzeitig hält ein größerer Teil der Mitglieder höhere Zinsen inzwischen für wahrscheinlicher als weitere Zinssenkungen.
Positiv ist zudem, dass Warsh trotz des politischen Drucks aus dem Weißen Haus bislang keine Bereitschaft signalisiert hat, die Geldpolitik vorschnell zu lockern. Dies stärkt zunächst den Eindruck einer unabhängigen Notenbank. Bemerkenswert ist auch, dass Warsh keine eigenen Projektionen vorlegte. Das passt zu seiner Ankündigung, die FED künftig stärker an beobachtbaren Entwicklungen als an langfristigen Vorhersagen auszurichten. Flankiert wird dieser Ansatz durch mehrere Taskforces zur Überprüfung der geldpolitischen Instrumente, der Bilanzpolitik sowie der verwendeten Daten und Modelle. Interessant waren zudem Warshs Ausführungen zur Produktivität. Die FED sieht erste Hinweise darauf, dass technologische Innovationen und insbesondere Künstliche Intelligenz das Produktivitätswachstum stützen könnten. Dies würde langfristig höhere Wachstumsraten bei geringerem Inflationsdruck ermöglichen. Gleichzeitig betonte Warsh die erhebliche Unsicherheit solcher Schätzungen.
Aussichten für Anleger
Die Juni-Sitzung wird weniger wegen der Zinsentscheidung als vielmehr wegen der Anerkennung des inflationären Risikos in Erinnerung bleiben. Für Anleger spricht dies für ein Umfeld anhaltend höherer Zinsen. Gleichzeitig bleiben Produktivitätsfortschritte durch neue Technologien ein wichtiger Stabilisierungsfaktor. Die angekündigten Änderungen in der Kommunikation bergen Chancen und Risiken. Letztlich geht es dabei um die wichtigste Ressource einer Notenbank: ihre Glaubwürdigkeit. Weniger Vertrauen in Prognosen und mehr Orientierung an beobachtbaren Entwicklungen können diese stärken, wenn dadurch Fehleinschätzungen seltener werden. Sie kann jedoch ebenso geschwächt werden, wenn gleichzeitig die Verlässlichkeit der zugrunde liegenden Daten infrage gestellt wird. Die Herausforderung für die FED besteht daher nicht nur darin, die Inflation zu kontrollieren, sondern auch das Vertrauen in die Qualität ihrer Entscheidungen zu bewahren. Daran wird Warsh in den kommenden Jahren zu messen sein.
Von Dr. Johannes Mayr, Chefvolkswirt bei Eyb & Wallwitz
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