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Die erneute Einschränkung der Durchfahrt an der Straße von Hormus treibt den Ölpreis von rund 72 auf über 90 US-Dollar je Barrel und belastet Bundesanleihen überdurchschnittlich stark. Die EZB reagiert falkenhaft und hebt den Einlagensatz auf 2,25 Prozent an, während der neue Fed-Chair Kevin Warsh in den USA auf Forward Guidance verzichtet und Zinssenkungen vorerst ausschließt. Unternehmensanleihen bleiben trotz komprimierter Risikoaufschläge gefragt, defensive Qualität und Euro-Investment-Grade-Titel um zehn Jahre Laufzeit gelten als attraktiv positioniert.
Die Kapitalmärkte stehen erneut im Zeichen geopolitischer Unsicherheit. Im Mittelpunkt steht die Lage an der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Handelsrouten für Energie. Die Durchfahrt ist wieder eingeschränkt, der Ölpreis zog zuletzt von knapp 72 auf über 90 US-Dollar je Barrel an. Gleichzeitig bleiben auch die Preise für raffinierte Ölprodukte und Gas erhöht. Der Markt behandelt die Störung bislang als vorübergehend, mit erkennbaren Inflationssorgen.
Energie bleibt der wichtigste Störfaktor
Die Entwicklung am Energiemarkt zeigt, wie schnell sich geopolitische Risiken in Inflationserwartungen und Zinsbewegungen übersetzen können. Zwar hatten zwischenzeitlich Hoffnungen auf eine Einigung zwischen den USA und dem Iran sowie zusätzliche Ölverkäufe aus strategischen Reserven den Preis gedrückt. Auch eine schwächere Nachfrage Chinas wirkte entlastend. Doch die erneute Einschränkung der Durchfahrt hat die Risikoprämien am Ölmarkt wieder steigen lassen.

Besonders problematisch ist, dass nicht nur Rohöl teurer wurde. Auch Raffinerieprodukte und Gas bleiben deutlich erhöht, weil Produktion und Export aus der Golfregion weiter beeinträchtigt sind. Solange der Markt die Lage als temporären Schock einordnet, wird keine dauerhafte Verknappung eingepreist. Für die kurzfristige Inflationsdynamik reicht die Belastung jedoch aus.
Bundesanleihen reagieren besonders empfindlich
Die gestiegenen Energiepreise treffen vor allem den europäischen Anleihemarkt. Die Ölpreisentwicklung erklärt derzeit einen ungewöhnlich großen Teil der Bewegung zehnjähriger Bundesanleihen. US-Treasuries werden dagegen stärker von anderen Faktoren bestimmt. Für Anleger war das Quartal auf der Anleiheseite zunächst konstruktiv, getragen von zwischenzeitlichen Entspannungssignalen und zunehmenden Wachstumssorgen. Die jüngste Renditeausweitung belastete jedoch insbesondere lange Laufzeiten, weil der laufende Ertrag dort nicht ausreicht, um Kursverluste vollständig auszugleichen.
Hinzu kommen fiskalische Sorgen. Am langen Ende der Zinskurven steigt die Sensibilität gegenüber staatlichen Ausgaben und politischen Unsicherheiten. Japan und Großbritannien standen dabei besonders im Fokus. Unternehmensanleihen entwickelten sich dagegen bislang deutlich robuster. Die Nachfrage nach Rendite blieb hoch, Risikoaufschläge gingen nach der Ausweitung im Frühjahr wieder zurück und sorgten für ein positives Quartal im Credit-Segment.
EZB zwischen Glaubwürdigkeit und Wachstumsrisiko
Die Europäische Zentralbank reagierte auf den energiebedingten Preisdruck ausgesprochen falkenhaft und hob den Einlagensatz von 2,0 auf 2,25 Prozent an. Damit versucht sie, ihre Glaubwürdigkeit in der Inflationsbekämpfung zu stärken. Kurzfristige Inflationserwartungen sind zuletzt deutlich gestiegen, längerfristige Erwartungen blieben dagegen weitgehend in ihrer gewohnten Bandbreite. Genau darin liegt das Dilemma: Bei einem angebotsseitigen Schock kann eine zu starke Straffung der Geldpolitik die Nachfrage zusätzlich belasten, ohne das eigentliche Angebotproblem zu lösen.

Der Markt rechnet dennoch mit mindestens einem weiteren Zinsschritt im September und möglicherweise einer zusätzlichen Anhebung zum Jahresende. Diese Erwartungen erscheinen ambitioniert. Nach der ersten Anhebung dürfte die EZB zwar kaum bereit sein, ihren Kurs sofort zu korrigieren. Sollte sich die Konjunktur aber stärker abschwächen, könnte sie später gezwungen sein, Zinsen wieder zurückzunehmen. Realrenditen von über einem Prozent in Deutschland sprechen bereits für ein restriktives Umfeld. Eine moderate Durationspositionierung im Bereich zehnjähriger Laufzeiten bleibt daher attraktiv.
Fed bleibt vorsichtig – trotz politischem Druck
In den USA richtet sich der Blick auf den neuen Fed-Chair Kevin Warsh. Auf seiner ersten FOMC-Sitzung beließ die Notenbank den Leitzins unverändert in einer Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent. Die veröffentlichten Zinsprojektionen fielen jedoch falkenhafter aus als zuvor. Warsh selbst verzichtete weitgehend auf Forward Guidance und betonte die Inflationsbekämpfung. Der Markt interpretierte dies als Zeichen, dass Zinssenkungen vorerst nicht auf der Tagesordnung stehen.
Die US-Wirtschaft bleibt robust, die Beschäftigungszahlen sind trotz Schwankungen positiv und die Inflation verharrt oberhalb des Zwei-Prozent-Ziels. Inzwischen preist der Markt sogar eine mögliche Zinserhöhung bis Mitte kommenden Jahres ein. Entscheidend bleibt die weitere Inflationsdynamik. Solange sich diese lediglich stabilisiert und nicht erneut beschleunigt, spricht wenig für eine tatsächliche Anhebung. Bei US-Dollar-Anleihen mit hoher Zinssensitivität bleibt dennoch Vorsicht geboten: Die fiskalische Lage und die Inflationsrisiken haben sich nicht nachhaltig verbessert, während zugleich Wechselkursrisiken bestehen.
Credit-Märkte bleiben unterstützt, aber anspruchsvoll bewertet
Unternehmensanleihen profitieren weiterhin von der hohen Nachfrage nach Rendite. Selbst das starke Neuemissionsvolumen im zweiten Quartal konnte vom Markt gut aufgenommen werden. Besonders Euro-Investment-Grade-Anleihen erhalten Unterstützung, weil Zweifel an der fiskalischen Entwicklung vieler Staaten zunehmen. Gleichzeitig sind die Risikoaufschläge inzwischen stark komprimiert. Damit wird die Entwicklung der risikofreien Zinsen immer wichtiger für die Gesamtrendite.
Die All-in-Renditen bleiben attraktiv, doch der geringe Risikoaufschlag lässt weniger Raum für Fehler. Kreditselektion wird deshalb entscheidend. Fundamentaldaten vieler Sektoren sind zwar robust, einzelne Warnsignale – etwa die Gewinnwarnung von BMW infolge einer unerwartet schwachen Nachfrage in China – zeigen jedoch, dass Anleger den Markt nicht zu sorglos betrachten sollten. Sollte sich die Lage an der Straße von Hormus weiter hinziehen, könnten sich die Belastungen auch in höheren Risikoaufschlägen niederschlagen.
Defensive Qualität bleibt gefragt
Im aktuellen Umfeld sprechen mehrere Faktoren für eine vorsichtige, aber nicht grundsätzlich defensive Haltung. Die Nachfrage nach Unternehmensanleihen bleibt hoch, der Carry gewinnt angesichts niedriger Risikoaufschläge an Bedeutung und ausgewählte Segmente bieten weiterhin attraktive Risiko-Rendite-Profile. Attraktiv erscheinen in diesem Umfeld defensive Sektoren sowie Euro-Investment-Grade-Anleihen im Laufzeitenbereich um zehn Jahre. Auch im High-Yield- und Hybridsegment lassen sich weiterhin interessante Einzeltitel finden.
Entscheidend ist jedoch, flexibel zu bleiben. Die niedrigen Risikoaufschläge machen den Markt anfällig für Rückschläge, falls geopolitische Risiken länger anhalten oder die Zentralbanken restriktiver reagieren als erwartet. Eine Positionierung, die Qualität bevorzugt und zugleich Spielraum für zusätzliche Kreditrisiken nach einer möglichen Spreadausweitung lässt, erscheint daher besonders sinnvoll.
Über den Autor: John Petersen, CFA arbeitet seit 2023 als Portfoliomanager bei Eyb & Wallwitz. Er ist auf die fundamentale Anleihenselektion- und allokation spezialisiert und verantwortet als Co-Manager den Phaidros Funds Kairos Anleihen sowie individuelle Kundenmandate. Zuvor war Herr Petersen von 2019 bis 2022 bei der MEAG Munich ERGO Asset Management GmbH (MEAG) und von 2022 bis 2023 bei der Helaba Invest im Bereich Credit jeweils als Portfoliomanager tätig. Herr Petersen besitzt einen Master of Science in Financial Analysis von der Jönköping International Business School in Schweden. Zudem ist er CFA Charterholder.
Von John Petersen, Portfoliomanager bei Eyb & Wallwitz
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