Märkte auf Rekordhöhen werfen unweigerlich dieselbe Frage auf: Wie weit können sie noch steigen? Nachdem US-Aktien im vergangenen Jahr um mehr als 20 % zugelegt haben, fragen sich Anleger verständlicherweise, ob die Rallye überzogen ist. Doch der heutige Markt unterscheidet sich deutlich von den späten Konjunkturzyklus-Anstiegen, die in der Vergangenheit einer Korrektur vorausgingen.
Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass es sich hierbei um eine gewinngetriebene Rallye handelt. Während die Aktienkurse weiter gestiegen sind, ist das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 im vergangenen Jahr gesunken. Mit anderen Worten: Die Bewertungen sind weniger anspruchsvoll geworden, obwohl die Märkte neue Höchststände erreicht haben. Das ist ein deutlich anderes Umfeld als in früheren Phasen, in denen steigende Bewertungskennzahlen – und nicht verbesserte Fundamentaldaten – die Renditen antrieben.
Die jüngste Gewinnsaison hat dieses Bild bestätigt. Die Unternehmen haben die Erwartungen weiterhin übertroffen, obwohl die Analysten ihre Prognosen stetig nach oben korrigiert haben. Mehr als 80 % haben die Gewinnschätzungen übertroffen, was darauf hindeutet, dass die Unternehmensstärke weit über die größten AI-bezogenen Titel hinausreicht. Während sich der Immobilienmarkt weiterhin verhalten zeigt, beweisen die meisten anderen Bereiche der US-Wirtschaft weiterhin Widerstandsfähigkeit. Frühere Befürchtungen, dass geopolitische Spannungen – einschließlich möglicher Störungen in der Straße von Hormus – die Konjunktur erheblich bremsen würden, haben sich bislang noch nicht in den Unternehmensgewinnen niedergeschlagen.
Größere Transparenz bei KI-Investitionen
Auch die Debatte um künstliche Intelligenz hat sich weiterentwickelt. Investoren stellen nicht mehr in Frage, ob Hyperscale-Technologieunternehmen weiterhin massiv in KI investieren werden; stattdessen fragen sie, ob diese Investitionen letztendlich akzeptable Renditen erzielen werden. In dieser Berichtssaison haben die Unternehmensführungen mit größerer Transparenz reagiert und detailliertere Angaben zur Umsatzgenerierung, zu erwarteten Amortisationszeiten, Abschreibungsannahmen und den wirtschaftlichen Grundlagen ihrer Investitionspläne gemacht. Diese zusätzlichen Informationen haben dazu beigetragen, die Investoren davon zu überzeugen, dass KI-Ausgaben zunehmend wirtschaftlich fundiert sind.
Dennoch spiegelt die jüngste Volatilität bei Technologieaktien eine verständliche Vorsicht wider. Das durch KI generierte Gewinnwachstum ist nach wie vor außergewöhnlich, doch das Tempo des technologischen Wandels lässt eine ungewöhnlich große Bandbreite an langfristigen Ergebnissen zu. Gleichzeitig hat die sich verbessernde Performance von Small-Cap- und Value-Aktien den Anlegern tragfähige Alternativen zu dem mittlerweile stark konzentrierten Technologiehandel geboten. Die daraus resultierende Rotation scheint in erster Linie durch Positionierung und Portfoliodiversifizierung getrieben worden zu sein und nicht durch eine nennenswerte Verschlechterung der Fundamentaldaten.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Die Bewertungen von Wachstumsaktien haben sich im vergangenen Jahr deutlich zurückgesetzt, während die Gewinnerwartungen weiterhin robust sind. Die jüngste Schwäche im Technologiesektor deutet nicht auf das Ende des KI-getriebenen Marktes hin, sondern gleicht zunehmend einer gesunden Neukalibrierung nach einer Phase starker Performance.
Wichtiges Durationsmanagment bei Anleihen
Die bedeutendere strukturelle Frage könnte woanders liegen. Regierungen geben weiterhin erhebliche Mengen an Schuldtiteln aus, während viele der weltweit größten Unternehmen Kredite aufnehmen, um KI-Infrastruktur und andere langfristige Investitionen zu finanzieren. Dies schafft ein für Anleihen weniger günstiges Angebots-Nachfrage-Umfeld als das, was Anleger im vergangenen Jahrzehnt erlebt haben, und könnte den Aufwärtsdruck auf die Renditen aufrechterhalten. In diesem Umfeld gewinnt das Management des Durationsrisikos zunehmend an Bedeutung, während das Beibehalten von Engagements in den Sektoren Rohstoffe und Energie wertvolle Widerstandsfähigkeit bieten kann, sollten Inflations- oder geopolitische Risiken wieder auftauchen.
Rekordhochs verdienen zwar Beachtung, sind aber für sich genommen kein Signal dafür, dass sich die Märkte von den Fundamentaldaten abgekoppelt haben. Solange die Gewinne die Bewertungen weiterhin stützen, sind Anleger möglicherweise besser beraten, sich auf die Qualität und Breite der Unternehmensrentabilität zu konzentrieren als auf das Niveau des Index selbst.
Von Tim Murray, Kapitalmarktstratege bei T. Rowe Price
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