Warum es weiterhin Mehrwert schafft, am ESG-Kurs festzuhalten

In den vergangenen zehn Jahren hat sich ESG vom Randthema zum Mainstream entwickelt, wobei Investoren Fonds und Strategien aufgelegt haben, die als „grün“, „nachhaltig“ oder „ESG-fokussiert“ gebrandet wurden. Die Begeisterung der Investoren erreichte 2021 und 2022 ihren Höhepunkt und trieb die Bewertungen von Unternehmen, die mit der grünen Transformation in Verbindung stehen, auf Rekordniveaus. Van Lanschot Kempen | 15.12.2025 13:15 Uhr
© Van Lanschot Kempen
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In den vergangenen zehn Jahren hat sich ESG vom Randthema zum Mainstream entwickelt, wobei Investoren Fonds und Strategien aufgelegt haben, die als „grün“, „nachhaltig“ oder „ESG-fokussiert“ gebrandet wurden. Die Begeisterung der Investoren erreichte 2021 und 2022 ihren Höhepunkt und trieb die Bewertungen von Unternehmen, die mit der grünen Transformation verbunden sind, auf Rekordniveaus. Luc Plouvier, Senior Portfolio Manager für unsere Global-Dividendenstrategie, erklärt, dass sich das Blatt inzwischen gewendet hat.

In den vergangenen Quartalen war ein deutlicher Wandel von Zuflüssen zu Abflüssen bei ESG-bezogenen Investmentfonds zu beobachten, was ein klares Signal dafür ist, dass die Popularität nachlässt. Einige der früheren ESG-Lieblinge hatten Schwierigkeiten, die hohen Erwartungen zu erfüllen, und sahen sich mit Projektverzögerungen, Kapitalengpässen und enttäuschenden Renditen konfrontiert. Das ESG-Pendel hat sich von Überschwang hin zu wachsender Skepsis bewegt. In dieser Ausgabe von „Market Musings“ möchten wir unseren Ansatz in Bezug auf ESG hervorheben. Wir erwarten, dass dieser Ansatz weiterhin einen Mehrwert für das Portfolio schaffen wird.

Standhaft bleiben bei ESG

Während einige Investoren von einem Extrem ins andere gewechselt sind, zunächst indem sie ESG unkritisch übernommen und es anschließend vollständig verworfen haben, sind wir weiterhin der Ansicht, dass ein durchdachter, integrierter Ansatz der wirksamste bleibt. ESG ist kein Trend, dem man je nach Stimmungslage folgt oder den man wieder aufgibt, sondern ein Rahmenwerk zum Verständnis langfristiger Risiken und Chancen. Durch die Verankerung von ESG in unserem Investmentprozess wollen wir die Widerstandsfähigkeit der Portfolios stärken, neue Wachstumstreiber identifizieren und zu einer nachhaltigeren Wirtschaft beitragen. Unsere Philosophie ist dabei unverändert geblieben: ESG ist wichtig, muss jedoch ausgewogen und mit Augenmaß verfolgt werden und nicht in Extremen.

Unser ESG-Ansatz: Pragmatismus und analytische Strenge

Unser Ansatz in Bezug auf ESG basiert auf Pragmatismus und analytischer Strenge. Wir bevorzugen Inklusion gegenüber Exklusion und sind der Überzeugung, dass der Dialog mit Unternehmen häufig wirksamer ist als Desinvestitionen, um substanzielle Veränderungen zu bewirken. Wir verlassen uns nicht ausschließlich auf ESG-Scores, sondern führen eigene Bewertungen durch, die auf dem direkten Austausch mit dem Management, branchenspezifischen Erkenntnissen und einem tiefgehenden Verständnis der Wesentlichkeit beruhen. Dieser Ansatz ermöglicht es uns, die mit ESG verbundenen Risiken und Chancen zu identifizieren und gleichzeitig Schlussfolgerungen auf Basis oberflächlicher Beobachtungen zu vermeiden.

Selektive Ausschlüsse auf Prinzipienbasis

Auch wenn wir Inklusion gegenüber Exklusion bevorzugen, erachten wir in bestimmten Fällen die ESG-Probleme als zu gravierend, und ein begrenzter Spielraum für Verbesserungen macht ein Investment nicht vertretbar. Unternehmen, die an der Herstellung kontroverser Waffen beteiligt sind, etwa Antipersonenminen, Streumunition, chemische und biologische Waffen sowie Atomwaffen, werden direkt aus unserem Anlageuniversum ausgeschlossen. Neben kontroversen Waffen meiden wir Unternehmen, die strukturell gegen internationale Konventionen verstoßen und über Jahre hinweg keine Verbesserungen gezeigt haben. Tabak wird ebenfalls ausgeschlossen, basierend auf einem prinzipienbasierten Entscheidungsrahmen, der die schädlichen Auswirkungen auf Gesundheit, Wirtschaft und Umwelt berücksichtigt. Darüber hinaus schließen wir Unternehmen aus, die im Kohlebergbau oder in Ölsanden tätig sind. Unsere Ausschlusskriterien entwickeln sich im Zeitverlauf weiter. Auf Basis neuer Informationen und Entwicklungen bei internationalen Standards wie dem UN Global Compact passen wir unsere Ausschlusskriterien regelmäßig an. Für bestimmte mandats- oder kundenspezifische Vorgaben wenden wir zusätzliche Ausschlusskriterien an.

ESG-Integration als Bestandteil von Investmententscheidungen

Die Integration von ESG steht im Zentrum unseres Investmentansatzes. Wir beurteilen das ESG-Profil jedes Unternehmens individuell und berücksichtigen dabei wesentliche Risiken der jeweiligen Branche, das spezifische Risikoprofil des Unternehmens, seine Praktiken, die Offenlegung sowie die Exponierung gegenüber vergangenen Kontroversen und zukünftigen ESG-Chancen. Auf Grundlage unserer fundamentalen ESG-Analyse bilden wir uns eine Meinung über die Qualität des ESG-Profils eines Unternehmens und vergeben einen proprietären ESG-Risikoscore. Dieser ESG-Score fließt sowohl in unsere Risikobewertung des Unternehmens als auch in unsere Bewertung ein. Mit Unternehmen, die schlecht abschneiden, treten wir aktiv in den Dialog, mit dem Ziel, ESG-Risiken im Zeitverlauf zu reduzieren und langfristigen Wert zu erschließen.

Wir stützen uns auf Daten externer ESG-Berater ebenso wie auf von Unternehmen selbst berichtete Daten, doch unsere finale Bewertung erfolgt stets intern. Unterschiede zwischen ESG-Ratinganbietern geben häufig den Anstoß, den Dialog mit Unternehmen zu suchen, um deren Offenlegung zu verbessern.

Wirksame Veränderungen durch Engagement vorantreiben

Engagement ist der Bereich, in dem große Unterschiede erzielt werden können. Unser Engagement-Prozess definiert klare Ziele, deren Fortschritte und Ergebnisse nachverfolgt und dokumentiert werden. Wir beobachten genau, welche Fortschritte Unternehmen machen, und nutzen kontinuierlich unseren Einfluss, um ihre ESG-Performance zu verbessern. Ein Engagement kann an einem von vier Meilensteinen ansetzen: das Ansprechen eines Problems gegenüber dem Unternehmen, die Anerkennung des Themas durch das Unternehmen, die Ausarbeitung einer Strategie oder die Zusage zu Verbesserungen sowie die Umsetzung dieser Strategie. Wird der vierte Meilenstein erreicht, wird das Engagement abgeschlossen, und wir beobachten die weitere Entwicklung des Unternehmens.

Ein aktuelles Beispiel ist unser Engagement bei unseren Investments in Südkorea. Wir investieren dort in Versicherungs- und Bankengruppen. Über viele Jahre wurden die Aktien zu niedrigen Gewinn- und Buchwertmultiplikatoren gehandelt. Einer der wesentlichen Gründe dafür war, dass die Unternehmen nur einen Bruchteil ihrer Gewinne über Dividenden oder Aktienrückkäufe an die Aktionäre zurückführten. Die niedrige Ausschüttungsquote wirkte sich negativ auf externe ESG-Ratings aus, da sie auf eine schwache Corporate Governance hindeutete. Durch den Dialog mit den Unternehmen haben unsere Beteiligungen Pläne zur Erhöhung der Ausschüttungen an die Aktionäre entwickelt. In der Folge kam es zu einer deutlichen Neubewertung der Aktien. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass Engagement und nicht Exklusion häufig der wirksamste Weg ist, um ESG-Risiken und -Chancen zu adressieren.

Fazit: Kurs halten bei ESG

Der aktuelle Gegenwind gegenüber ESG unterstreicht die Bedeutung von Disziplin, fundierter Analyse und der Vermeidung vereinfachender Narrative. Während einige Investoren ihre Haltung zu ESG von einem Extrem ins andere verschoben haben, bleiben wir davon überzeugt, dass ein durchdachter und integrierter Ansatz der effektivste Weg nach vorne ist. ESG ist kein Trend, der je nach Marktstimmung verfolgt oder aufgegeben werden sollte, sondern ein Rahmenwerk zur Identifikation und Bewertung langfristiger Risiken und Chancen. Durch die konsequente Einbettung von ESG in den Investmentprozess und die Bevorzugung von Engagement gegenüber Ausschlüssen lässt sich weiterhin Mehrwert für Portfolios schaffen.

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