Die Bepreisung der Natur: CO₂- und Biodiversitätszertifikate erklärt

CO₂-Zertifikate (Carbon Credits) und Biodiversitätszertifikate (Biodiversity Credits) werden häufig gemeinsam als Instrumente zur Bepreisung der Natur diskutiert. Dadurch kann der Eindruck entstehen, sie würden in Anlagestrategien eine ähnliche Rolle spielen. In der Praxis bepreisen sie jedoch unterschiedliche Dinge, verhalten sich an den Märkten unterschiedlich und sollten von Investoren entsprechend differenziert behandelt werden. Van Lanschot Kempen | 18.05.2026 13:54 Uhr
© Van Lanschot Kempen
© Van Lanschot Kempen

Für Investmentkomitees stellt sich nicht die Frage, ob solche Zertifikate grundsätzlich sinnvoll sind. Entscheidend ist vielmehr, welchen Platz sie heute in einer belastbaren Renditestory für Naturkapital einnehmen. Zertifikate können mit zunehmender Marktreife an Bedeutung gewinnen, sollten jedoch eher als ergänzende Erlösquelle und nicht als verlässlicher Renditemotor verstanden werden. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn sie prägt Governance, Due Diligence und das, was mit Überzeugung unterschrieben werden kann.

Warum das jetzt relevant ist

Investments in Naturkapital haben sich von absichtsgetriebenen Narrativen hin zu einer evidenzbasierten Entscheidungsfindung während der Haltedauer und, sofern relevant, beim Exit weiterentwickelt. Mit zunehmender Prüfungstiefe sind Zertifikate in den Fokus gerückt. Sie können das Interesse steigern, aber auch Bedenken auslösen, wenn sie im Investment Case zu viel Gewicht tragen sollen.

Eine klare Differenzierung zwischen CO₂- und Biodiversitätszertifikaten ermöglicht Investoren eine disziplinierte Sicht auf Risiko und Rendite – insbesondere in landbasierten Strategien, in denen Stewardship und operative Entscheidungen weiterhin im Mittelpunkt stehen.

Was ein CO₂-Zertifikat tatsächlich abbildet

CO₂-Zertifikate haben einen strukturellen Vorteil. CO₂ wird in Tonnen CO₂-Äquivalenten gemessen, und die Klimawirkung einer vermiedenen oder entfernten Tonne ist weitgehend vergleichbar – unabhängig davon, wo sie anfällt. Das bedeutet nicht, dass alle CO₂-Zertifikate gleichwertig sind oder dass die Messung trivial wäre. Es bedeutet jedoch, dass die Einheit selbst dem CO₂-Zertifikat ein Maß an Standardisierung verleiht, das andere Formen von Naturkapital nicht aufweisen.

In landbasierten Strategien entstehen CO₂-Zertifikate typischerweise durch Änderungen in der Flächenbewirtschaftung, durch Renaturierung oder Sequestrierung. In der Praxis bilden diese Erlöse selten die Kernthese eines Investments. Renditen werden weiterhin durch operative Performance und die Wertentwicklung der Fläche über die Zeit getrieben. CO₂-Zertifikate stehen neben diesen Fundamentaldaten und ersetzen sie nicht.

Das Risiko liegt nicht in der Existenz der CO₂-Märkte. Es liegt darin, dass Zertifikatserlöse als Ersatz für Stewardship, operative Disziplin und langfristige Eigentümerschaft behandelt werden. Geschieht dies, wird der Investment Case fragiler.

Biodiversitätszertifikate: Komplexität als Grundkonzept

Biodiversität ist von Natur aus standortspezifisch. Eine Verbesserung der Habitatqualität oder ökosystemarer Funktionen an einem Ort lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere Standorte übertragen, und Outcomes sind über Geografien, Habitate oder Arten hinweg selten vergleichbar. Dieser Unterschied ist struktureller, nicht zufälliger Natur, und er prägt die Funktionsweise von Biodiversitätszertifikaten.

Belastbare Baselines zu etablieren, Outcomes über die Zeit konsistent zu verifizieren und ausreichend Markttiefe für tragfähiges Vertrauen aufzubauen, gehören zu den zentralen Herausforderungen. Hinzu kommt ein Spannungsfeld bei Standardisierungsbemühungen: Vereinfachung mag die Marktentwicklung unterstützen, läuft jedoch Gefahr, jene ökologische Komplexität auszublenden, die Biodiversität ihren Wert verleiht.

Investoren brauchen heute keine perfekten Antworten. Sie benötigen aber Klarheit darüber, wo die Konfidenz hoch ist, wo Unsicherheit fortbesteht und was dies für das Underwriting der Renditen bedeutet.

Wie Investoren über Naturzertifikate denken sollten

Naturzertifikate übersetzen ökologische Outcomes in eine Form, die ökonomisch erfasst werden kann. Bei CO₂ steht eine global vergleichbare Einheit vermiedener oder entfernter Emissionen im Mittelpunkt. Bei Biodiversität spiegeln Zertifikate Verbesserungen in Ökosystemen wider, die per se lokal sind – etwa Habitatzustand, Artenvielfalt oder ökologische Funktion.

Manche Zertifikatsmärkte profitieren von etablierteren Methodologien und breiterer Partizipation, was das Vertrauen bei gut konzipierten Projekten stützt. Andere befinden sich in einem früheren Stadium, in dem Standards, Baselines und Nachfrage noch in Entwicklung sind. Wo Outcomes multidimensional und standortspezifisch sind, baut sich Konfidenz langsamer auf.

In landbasierten Strategien werden Zertifikate als zusätzlicher Erlös neben der Kernökonomik des Assets behandelt. Sie können die Rendite am Rand verbessern, werden jedoch nicht als primärer Renditetreiber herangezogen. Sobald die Renditeerreichung kritisch von Zertifikaten abhängt, steigt die Prüfungstiefe tendenziell, statt zu sinken.

Zertifikate sind daher als Ergänzung zu Eigentum, Bewirtschaftung und Stewardship zu verstehen. Die Kernrendite entsteht weiterhin daraus, wie die Fläche im Zeitverlauf gehalten, bewirtschaftet und gepflegt wird.

Wo Biodiversität heute Wert schafft

Ein Großteil des ökonomischen Wertes, der durch verbesserte Biodiversität entsteht, wird kurzfristig nicht direkt über Zertifikate monetarisiert. Praktiken wie Habitatrenaturierung, die Förderung der Bodenbiologie und der Schutz von Bestäubern können die langfristige Qualität und Resilienz der Fläche stärken.

Die finanzielle Wirkung zeigt sich häufig indirekt – über stabilere Erträge, geringere Inputkosten im Zeitverlauf und eine höhere Asset-Durabilität.

Für viele institutionelle Investoren ist dieser Zusammenhang zwischen Biodiversität und Asset-Qualität derzeit besser investierbar als der Rückgriff auf einen sich noch entwickelnden Zertifikatsmarkt.

Die Rolle von Zertifikaten beim Portfolioaufbau

In institutionellen Portfolios wird dieser Erlösstrom konservativ behandelt. Zertifikate werden nur selten in gleicher Weise als Kern-Cashflows unterschrieben wie Mieten, kontrahierte Einnahmen oder operative Margen. Sie gelten eher als Upside und werden über Szenarienbänder statt über Punktprognosen bewertet.

Hängt eine Strategie zur Erreichung ihres Renditeziels von Zertifikaten ab, verlangen Komitees in der Regel Klarheit über die Belastbarkeit der zugrundeliegenden Flächenökonomik ohne Zertifikate, die Integrität und Auditierbarkeit der Methodologie sowie die Governance-Kontrollen, die greifen, während sich Outcomes über die Zeit entwickeln.

Deshalb ist Stewardship ebenso wichtig wie Messung. Je früher der Markt und je länger der Zeithorizont, desto breiter sollte die Konfidenzspanne ausfallen. Dies entspricht einem umsichtigen Underwriting.

Ein glaubwürdigerer Ansatz zur Bepreisung der Natur

CO₂- und Biodiversitätszertifikate sind keine konkurrierenden Instrumente. Sie adressieren unterschiedliche Herausforderungen und befinden sich auf unterschiedlichen Reifestufen. Eine glaubwürdige Naturkapitalstrategie spiegelt diese Unterschiede wider, statt Gleichwertigkeit zu erzwingen.

CO₂-Zertifikate können als die etabliertere Quelle ergänzender Erlöse betrachtet werden. Biodiversitätszertifikate bleiben Mechanismen in einem frühen Stadium, deren Rolle sich mit fortschreitender Entwicklung von Standards, Konfidenz und Nachfrage klären sollte. Bis dahin entstehen viele der investierbarsten Biodiversitäts-Outcomes weiterhin aus Stewardship und Flächenbewirtschaftung – nicht aus handelbaren Instrumenten.

Realistische Erwartungen erlauben es Zertifikaten, messbare Verbesserungen zu unterstützen, ohne den Investment Case zu verzerren. Überversprechen riskiert, das Vertrauen in den breiteren Versuch zu untergraben, Natur verantwortungsvoll zu bepreisen.

Möchten Sie mehr erfahren? Besuchen Sie unsere Website, um weiterzulesen oder unser Whitepaper Natural Capital 3.0 herunterzuladen.

Weitere beliebte Meldungen:

Disclaimer

For Professional Investors only

Van Lanschot Kempen Investment Management NV (VLK Investment Management) is licensed as a manager of various UCITS and AIFs and is authorised to provide investment services and as such is subject to supervision by the Netherlands Authority for the Financial Markets.

This document is for information purposes only and provides insufficient information for an investment decision. This document does not contain investment advice, no investment recommendation, no research, or an invitation to buy or sell any financial instruments, and should not be interpreted as such.

The opinions expressed in this document are our opinions and views as of the date of publication only. These may be subject to change at any given time, without prior notice.

Performanceergebnisse der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Investmentfonds oder Wertpapiers zu. Wert und Rendite einer Anlage in Fonds oder Wertpapieren können steigen oder fallen. Anleger können gegebenenfalls nur weniger als das investierte Kapital ausgezahlt bekommen. Auch Währungsschwankungen können das Investment beeinflussen. Beachten Sie die Vorschriften für Werbung und Angebot von Anteilen im InvFG 2011 §128 ff. Die Informationen auf www.e-fundresearch.com repräsentieren keine Empfehlungen für den Kauf, Verkauf oder das Halten von Wertpapieren, Fonds oder sonstigen Vermögensgegenständen. Die Informationen des Internetauftritts der e-fundresearch.com AG wurden sorgfältig erstellt. Dennoch kann es zu unbeabsichtigt fehlerhaften Darstellungen kommen. Eine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen kann daher nicht übernommen werden. Gleiches gilt auch für alle anderen Websites, auf die mittels Hyperlink verwiesen wird. Die e-fundresearch.com AG lehnt jegliche Haftung für unmittelbare, konkrete oder sonstige Schäden ab, die im Zusammenhang mit den angebotenen oder sonstigen verfügbaren Informationen entstehen. Das NewsCenter ist eine kostenpflichtige Sonderwerbeform der e-fundresearch.com AG für Asset Management Unternehmen. Copyright und ausschließliche inhaltliche Verantwortung liegt beim Asset Management Unternehmen als Nutzer der NewsCenter Sonderwerbeform. Alle NewsCenter Meldungen stellen Presseinformationen oder Marketingmitteilungen dar.

Melden Sie sich für den kostenlosen Newsletter an

Regelmäßige Updates über die wichtigsten Markt- und Branchenentwicklungen mit starkem Fokus auf die Fondsbranche der DACH-Region.

Der Newsletter ist selbstverständlich kostenlos und kann jederzeit abbestellt werden.