Der neue Chef der amerikanischen Notenbank Fed war offenkundig die erste Wahl des amtierenden US-Präsidenten Trump und er wird auch von Beobachtern durchwegs positiv als ausgewiesener Experte mit einschlägiger Erfahrung beurteilt. Doch kaum im Amt und inmitten der weiter bestehenden Krise am Persischen Golf (damit verbunden ein höherer Ölpreis und Inflationsdruck), scheint sich für Kevin Warsh die zweifelsohne schwierige Aufgabe, mithilfe klarer Kommunikation überzeugende Souveränität und Entschlossenheit in der Zinspolitik zu vermitteln, komplexer zu gestalten als ursprünglich gedacht. Denn zum einen drängt die schon länger bestehende Inflation weit über dem angepeilten Ziel von 2 % zum Handeln, zum anderen ist sie jedoch vor allem Ergebnis einer konfliktbedingten Angebotsverknappung, insbesondere am Ölmarkt, mit ungewissem Zeithorizont.
Aber auch die US-Wirtschaft zeigt sich trotz der geopolitischen Einflussfaktoren weiterhin robust und der Arbeitsmarkt – die zweite Komponente des Dual-Mandats der Fed – weist keine Anzeichen von Schwäche auf. Der Markt hat die Aussagen des neuen Fed-Chefs, wonach die Inflation wieder in Richtung der Zielsetzung gebracht werden soll, als „behind the curve“, also als zu zögerlich, ausgelegt, da diesem Ansinnen bislang keine Aktionen gefolgt sind.
Dementsprechend waren weitere Renditeanstiege bei US-Staatsanleihen die Folge, womit der Markt die Notenbank schon die längste Zeit vor sich hertreibt. Eine wohl nicht wünschenswerte Konstellation, die sich früher oder später auflösen muss, indem entweder die Inflation bald wieder abkühlt und damit den bisherigen Wait-and-see-Modus der Fed bestätigt. Oder die Notenbank muss andernfalls erst nachholen, was der Markt über die Renditeentwicklungen bereits vorweggenommen hat.
Sowohl die Entscheidung als auch die Kommunikation haben Auswirkungen auf die Kredibilität der Notenbank und könnte unter Umständen zu Verwerfungen führen. Diese würden sich wohl auch am Euro-Rentenmarkt niederschlagen, wo die Renditen infolge erhöhter Inflation und gemäß dem Zinspfad der EZB ebenfalls schon geraume Zeit nach oben tendieren. Beim jüngsten Economic Symposium in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming war die Rede von Fed-Chef Warsh zwar neuerlich ein klares Bekenntnis zur Inflationsbekämpfung, sie hat aber erwartungsgemäß keine konkreten zinspolitischen Ankündigungen hervorgebracht. Unserer taktischen Markteinschätzung folgend bleibt unsere Präferenz für Aktien gegenüber Anleihen bestehen.
Staatsanleihen: Weiterhin positive Einschätzung bei deutschen und französischen Papieren
Wir schließen mit Ausnahme deutscher und französischer Papiere sämtliche Staatsanleihen-Positionen, insbesondere das Untergewicht von US-Staatsanleihen gegenüber deutschen und australischen Papieren. Bei französischen Staatsanleihen mussten wir zuletzt Spread-Ausweitungen hinnehmen, eine weitere signifikante Ausweitung scheint aus unserer Sicht jedoch unwahrscheinlich, trotz der Schwierigkeiten des französischen Staatshaushalts.
Unternehmensanleihen: USD High Yield-Unternehmensanleihen bleiben widerstandsfähig
Vor allem Spreads von USD-High-Yield-Unternehmensanleihen scheinen – entgegen unserer Erwartung – unerschütterlich. Die wirtschaftliche Situation präsentiert sich nach wie vor gut; Credit-Spread-Tiefstände wie zuletzt 2007 rechtfertigt diese unserer Meinung nach trotzdem nicht. Etwaige Trigger-Events für ein Repricing (Zölle, Straße von Hormus, Energiepreise etc.) zeigen de facto keine Wirkung. Wir bleiben bis auf Weiteres abwartend.
Emerging-Markets-Anleihen: Gelassenheit trotz globaler Unsicherheiten
Emerging Markets-Anleiherenditen aber auch Emerging-Markets-Risikoprämien haben sich zuletzt kaum bewegt. Wir waren bei Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen lange vorsichtig positioniert. Nun heben wir diese Position auf und positionieren uns neutral. Ähnlich wie bei anderen Spread-Assets gibt es bei dieser Assetklasse de facto kaum eine Reaktionswirkung auf makroökonomische oder geopolitische Events.
Entwickelte Aktienmärkte: Gewinndynamik überstrahlt Ölpreissorgen
Die internationalen Aktienmärkte präsentierten sich unverändert in den letzten Wochen sehr freundlich. Stärkster Unterstützungsfaktor bleibt der Blick auf die sehr gute Gewinnentwicklung der Unternehmen. Selbst der erneute Anstieg beim Ölpreis hat die Stimmung nur leicht getrübt, hat aber auf die Notenbankpolitik in den nächsten Monaten unverändert Auswirkungen. Kurzfristig scheint die Stimmung etwas optimistisch zu sein, angesichts der Unterstützung von der Gewinnseite bleiben wir in Aktien moderat positiv gestimmt.
Emerging-Markets-Aktien: Technologie-Sektor hält den Vorsprung
Weiterhin können sich Emerging-Markets-Aktienmärkte dieses Jahr besser behaupten als entwickelte Märkte. Stark getrieben wird das vom Technologiesektor, der performanceseitig heraussticht. Interessant ist, dass die Bewertung trotz guter Wertentwicklung leicht zurückgeht. Dies ist auf die starke Gewinnentwicklung zurückzuführen, insbesondere im asiatischen Raum, der die gesamte Emerging-Markets-Region dominiert.
Rohstoffe: Edelmetalle zurück auf Kurs
Die internationalen Rohstoffmärkte präsentierten sich zuletzt durch die Bank stärker. Edelmetalle hatten nach der starken Phase zu Beginn des Jahres und einer anschließenden Konsolidierung zuletzt wieder einen starken Lauf. Energierohstoffe bleiben weiter sehr volatil aufgrund des USA/Iran-Hickhacks. Aktuell halten wir in der Taktischen Asset Allokation keine Rohstoffposition.
Von Karin Kunrath, Chief Investment Officer von Raiffeisen Capital Management
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