Nächste Finanzkrise? Ökonom warnt vor vier zentralen Risiken

Patrick Artus, Senior Economic Advisor bei der Natixis Investment Managers Tochtergesellschaft Ossiam und Professor an der Paris School of Economics, sieht vier potenzielle Auslöser für eine Finanzkrise: Bank-Deregulierung, Stablecoins, Tech-Bewertungen und Private Debt. Alle Faktoren haben ihren Ursprung in den USA – und bergen laut Artus erhebliche Risiken für Märkte und Kreditvergabe. Die Folgen könnten sinkende Aktienbewertungen und steigende Kreditspreads sein. Natixis Investment Managers | 28.11.2025 10:39 Uhr
Patrick Artus, Senior Economic Advisor des französischen Vermögensverwalters Ossiam, einer Tochter von Natixis Investment Managers / © e-fundresearch.com / Ossiam
Patrick Artus, Senior Economic Advisor des französischen Vermögensverwalters Ossiam, einer Tochter von Natixis Investment Managers / © e-fundresearch.com / Ossiam

Vier potenzielle Auslöser mit Ursprung in den USA 

Patrick Artus, Senior Economic Advisor des französischen Vermögensverwalters Ossiam, einer Tochter von Natixis Investment Managers, sieht vier potenzielle Auslöser für eine Finanzkrise – und alle könnten sie, wie so oft, ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten haben: die Deregulierung der Banken in den Vereinigten Staaten (1), die Entwicklung der Stablecoin-Märkte (2), die sehr hohen Bewertungen von US-Technologieunternehmen (3) und den Boom der privaten Kreditmärkte (4). Eine Finanzkrise würde nach Ansicht des Professors an der Paris School of Economics (PSE) und ehemalige Chefvolkswirt der Investmentbank Natixis zu einem Rückgang der Aktienbewertungen und einer deutlichen Ausweitung der Kreditspreads führen.

1. Deregulierung der US-Banken 

Artus zur Deregulierung der Banken: „Die nach der großen Finanzkrise in den Vereinigten Staaten eingeleitete Regulierung wird beendet; Deregulierung soll eine Erholung der Kreditvergabe durch Banken ermöglichen. Die Regierung unter Donald Trump will die 20-prozentige Erhöhung des aufsichtsrechtlichen Kapitals der Banken (bekannt als „Basel III Endgame”) nicht umsetzen. Sie will zudem das zusätzliche Kapital reduzieren, das die größten Banken (G-SIBs, Global Systematically Important Banks) vorhalten müssen. Sie beabsichtigt, das Verhältnis des Kernkapitals zu den risikogewichteten Aktiva der Bank (Supplementary Leverage Ratio, SLR) von 5% auf einen Bereich zwischen 3,4% und 4,3% senken. Und sie will die Stresstests für Banken vereinfachen.“

2. Risiken im Stablecoin-Markt 

Artus zur Entwicklung des Stablecoin-Markts: „Das Risiko besteht in der Möglichkeit massiver Verkäufe, die durch einen geringen Wertverlust gegenüber dem Dollar ausgelöst werden (dies ist bereits geschehen). Der ausstehende Betrag der ausgegebenen Stablecoins wird durch den Emittenten garantiert, der für jeden ausgegebenen Dollar an Stablecoins einen Dollar an hochwertigen Vermögenswerten (hauptsächlich Schatzwechsel) hält. Das Krisenrisiko steigt, wenn Stablecoin-Emittenten keinen Zugang zu Refinanzierungen durch die Federal Reserve haben. Der GENIUS Act erlaubt Nichtbanken die Ausgabe von Stablecoins und verbietet deren Vergütung, was eine Schwachstelle in diesem Mechanismus darstellt.“

3. Überbewertung im Technologiesektor 

Artus zur hohen Bewertung des Technologiesektors: „Das KGV der im Nasdaq gelisteten Unternehmen liegt bei 37, nicht börsennotierte Unternehmen wie etwa OpenAI erreichen eine Bewertung von 500 Milliarden Dollar. Die Anleger unterschätzen jedoch, dass wir noch nicht wissen, wie der Markt für Anbieter von Modellen für künstliche Intelligenz organisiert sein wird: Handelt es sich um einen oligopolistischen Markt, werden diese Anbieter hochprofitabel sein, handelt es sich jedoch um einen wettbewerbsorientierten Markt, wird die Rentabilität geringer ausfallen, wobei die mit dem Einsatz von KI verbundenen Überschüsse den KI-Nutzern zugutekommen.“

4. Boom und Risiken im Private Debt 

Artus zu Private Debt: „Die ausstehenden privaten Finanzierungen (Private Equity, Infrastrukturkredite, private Unternehmenskredite) werden in diesem Jahr 3 Billionen US-Dollar erreichen. In den letzten 10 Jahren sind in den Vereinigten Staaten private Kredite um 14,5% pro Jahr, Industrie- und Gewerbekredite an Unternehmen um 3% pro Jahr und die Gesamtkredite (Bank- und Privatkredite) an Unternehmen um 5,5% pro Jahr gestiegen. Das Risiko dieses sehr schnellen Wachstums besteht darin, dass die privat finanzierten Unternehmen stärker verschuldet sind als diejenigen, die durch Bankkredite finanziert werden; die Verschuldungsquote beträgt laut Berechnungen von JP Morgan Credit Research 4,6 für Bankkredite und 5,7 für private Kredite. Gleichzeitig sind sie weniger profitabel sind als diejenigen, die mit Bankkrediten finanziert werden (das Verhältnis von EBITDA zu Zinszahlungen beträgt laut JP Morgan Credit Research 3,9 für Unternehmen, die mit Bankkrediten finanziert werden, und 2,1 für diejenigen, die mit privaten Krediten finanziert werden). Damit sind Private Debt Fonds anfälliger für Kreditausfälle als Banken.“

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