DNCA-Stratege warnt: Öl-Lagerbestände geben Anlass zur Sorge

Pierre Pincemaille, Portfoliomanager bei DNCA Investments, Teil von Natixis IM, warnt: Steigende Ölpreise, knappe Lagerbestände und Risiken rund um die Straße von Hormus könnten Aktienmärkte, Inflation und US-Konjunktur belasten. Natixis Investment Managers | 27.05.2026 09:33 Uhr
Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments / © e-fundresearch.com / Natixis IM
Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments / © e-fundresearch.com / Natixis IM

Die umgekehrte Korrelation zwischen dem Ölpreis und der Tendenz an den Aktienmärkten hat letzere zu neuen Bestmarken vorstoßen lassen. Rückenwind bot hierbei eine Berichtssaison mit erstaunlich vielen positiven Überraschungen. Doch diese guten Nachrichten sind nunmehr eingepreist, und die Marktteilnehmer sind klar zuversichtlich positioniert*. Und die kurzfristigen Reaktionen des Ölpreises auf jede Nachricht – erst gestern dämpften US-Militärschläge gegen iranische Raketenstellungen und Boote Hoffnungen auf ein Abkommen und auf die Öffnung der Straße von Hormus und sorgten sofort für Preisauftrieb am Ölmarkt – zeigen, dass sich der Ölmarkt nach wie vor in einer fundamental ernsten Lage befindet. Also könnten die Anleger getrost die altbekannte Börsenweisheit beherzigen: „Sell in May and go away!“

Gerade die Lagerbestände für Öl und seine Derivate geben Anlass zur Sorge. Im jüngsten Monatsbericht der Internationalen Energieagentur ist zu lesen, dass bei mehreren Erdölderivaten derzeit Knappheit herrscht. Betroffen sind Naphtha, das als Ausgangsprodukt von Kunststoffen dient, LPG (ein Gemisch aus Butan und Propan) und Kerosin. Der Markt ist dermaßen aus dem Takt geraten, dass die IEA für das laufende Jahr nun einen Rückgang der globalen Nachfrage (-420 Tsd. Barrel/Tag gegenüber 2025) wie auch eine Verknappung des Angebots (über das Jahr gesehen durchschnittlich -3,9 Mio. Barrel/Tag) erwartet, was die Käufer dazu zwingt, ihre Reserven anzuzapfen. Diese erschöpfen sich in den OECD-Ländern besonders schnell: Um 250 Mio. Barrel sind die Bestände im März und April geschrumpft.

Der Iran hingegen scheint sich weitgehend der Situation angepasst zu haben: Zwar sind die iranischen Exporte seit Beginn des Konflikts auf ein Viertel eingebrochen**, doch hat das Land seine Lagerkapazitäten an Land und auf dem Meer so stark ausgeweitet, dass eine abrupte Einstellung der Ölförderung vermieden werden konnte. Überdies werden Rohölexporte mit einer zeitlichen Verzögerung bezahlt, sodass sich der Liquiditätszyklus des Landes lediglich verlängert hat und die iranische Wirtschaft die Folgen zeitversetzt zu spüren bekommen wird.

An der Zapfsäule macht sich die Explosion der Rohölpreise hingegen deutlich bemerkbar, vor allem in den Vereinigten Staaten: Jüngsten Daten zufolge hat sich die Gallone Benzin auf die symbolisch wichtige Marke von 4,5 Dollar verteuert, was einem Anstieg um rund 50 % gegenüber dem 27. Februar entspricht. Dieser Teuerungsschub überträgt sich zwangsläufig auch auf die Inflation. Abzulesen ist dieser Effekt am jüngsten Verbraucherpreisindex, der im April auf ein Dreijahreshoch von 3,8 % (im Vorjahresvergleich) angezogen ist. Kein Wunder also, dass die Zustimmungswerte zum Inflationsmanagement des US-Präsidenten auf 25 % gesunken sind.

Die mikroökonomische Ebene bleibt ebenfalls nicht verschont. Hier hat die Krise ihr erstes großes Opfer seit Ausbruch des Konflikts gefordert: Spirit Airlines und seine fünfzehntausend Beschäftigten. Das 1992 gegründete Unternehmen, das 2025 fünf Prozent der amerikanischen Inlandsflüge durchführte, stand bereits seit Sommer 2025 unter chapter 11. Mit dem Steilflug der Kerosinpreise hat sich die wirtschaftliche Schieflage der Fluggesellschaft weiter zugespitzt, sodass der Schuldenstand nicht mehr mit einer Fortführung des Betriebs vereinbar war.

Historisch gesehen waren geopolitische Einschläge dieser Art stets Beschleuniger einer Neuaufstellung der Erdöllogistik, und der laufende Konflikt dürfte da keine Ausnahme bilden. Als naheliegendste Lösung für eine Umgehung der Meerenge scheint sich ein Pipeline-Netz nach Vorbild der während des Iran-Irak-Kriegs errichteten „Petroline“ zu empfehlen, die über eine Länge von 1.201 km Saudi-Arabien von Ost nach West durchquert. Diese Auffassung vertritt zumindest der TotalEnergies-CEO Patrick Pouyanné, der anlässlich der World Policy Conference Stellung zu diesem Thema bezog. Pouyanné zufolge lässt sich schlecht auf dieses günstige Öl verzichten, und ein Pipeline-Netz sei eine gangbare Option, um die Abhängigkeit vom Nadelöhr am Golf zu verringern, dessen Blockade den Iranern ein immenses Druckmittel verschafft.

Kurzfristig ist die Frage berechtigt, wie die US-Ölbranche reagieren wird, die aufgrund ihrer Größe und ihres Modells kurzer Zyklen als Einzige in der Lage ist, den Einbruch der Exporte aus dem arabisch-persischen Raum zumindest teilweise aufzufangen. In der letzten Phase extremer Aufwärtssprünge bei den Ölpreisen (2022-23) wurde die Ausweitung der Bohrungen im hochergiebigen Perm-Becken (Midland und Delaware) zu einem Großteil von privaten Akteuren gestemmt. Allerdings wurden seitdem 60 % von ihnen von börsennotierten Unternehmen aufgekauft – lediglich 20 % der Fördertätigkeit liegt heute noch in den Händen dieser unabhängigen Produzenten. Was die gelisteten Unternehmen betrifft, die nunmehr einen deutlich überwiegenden Teil der regionalen Erdölgewinnung verantworten, so ist ihre Botschaft zumindest unmissverständlich: „No change“, so der Exxon-Finanzchef. Ähnliche Töne schlägt auch sein Pendant beim Konkurrenten Chevron an, der sich lieber auf die Cash-Generierung als auf die Aufstockung der Fördermengen konzentriert.

Dennoch könnte demnächst wieder mehr Öl in den Markt fließen, und zwar aus dem Nahen Osten: Nach sechs Jahrzehnten spannungsgeladener Beziehungen haben die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Opec-Mitgliedschaft aufgekündigt. Der Vertreter der VAE hatte in der Vergangenheit Kritik an den von Saudi-Arabien forcierten Förderquoten des Kartells geäußert. Und da der Föderation der sieben Emirate für einen ausgeglichenen Staatshaushalt ein niedrigerer Ölpreis reicht als dem wahhabitischen Königreich, hat sie folgerichtig beschlossen, ihre Fördermengen um potenziell rund 1 Mio. Barrel/Tag zu erhöhen. Doch solange die Erweiterung der Erdöl-Pipeline bis zum Hafen von Fudschaira noch nicht fertiggestellt ist, muss erst die Straße von Hormus wieder passierbar werden, bevor sich dieses industrielle Vorhaben in die Tat umsetzen lässt.

Von Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments (Teil von Natixis Investment Managers)

*Equity allocation at its highest level since January 2022, according to Bank of America’s latest survey.

** From 2 mb/d before the conflict to 567 kb/d in early April, according to Kepler.

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