KI treibt nicht nur den Aktienmarkt – sie ist auch verantwortlich für strukturelle Veränderungen auf dem Markt für Unternehmensanleihen. Von der Bank of America befragte Investoren im Bereich Investment Grade erwarten für dieses Jahr ein Gesamtemissionsvolumen von 280 Milliarden Dollar seitens dieser Akteure auf den öffentlichen Anleihemärkten, verglichen mit 95 Milliarden Dollar im Jahr 2025.
Gerade die sogenannte Hyperscaler1 haben den KI-Boom lange aus einer Position finanzieller Stärke heraus genutzt. Sie verfügten über enorme freie Cashflows und waren gering verschuldet. Doch derzeit vollzieht sich ein entscheidender Wandel in der Art und Weise, wie auch sie ihre Geschäftstätigkeit finanzieren. Traditionell finanzierten führende Unternehmen der IT-Branche Investitionen intern aus dem operativen Cashflow und hielten dabei ihre Verschuldung auf einem minimalen Niveau. Das beispiellose Ausmaß der aktuellen und erwarteten KI-Investitionen hat diese Unternehmen jedoch gezwungen, externe Finanzierungsquellen zu erschließen. Der freie Cashflow bleibt nun in absoluten Zahlen hinter den Investitionsausgaben zurück, was eine strategische Umstellung auf Fremdfinanzierung erforderlich macht. Dieser Wandel stellt eine grundlegende Veränderung in der Finanzstruktur von Technologie–unternehmen dar und signalisiert den massiven Kapitalbedarf für die Entwicklung der KI-Infrastruktur.
Wie mittlerweile üblich, bot die Berichtssaison erneut Gelegenheit, die Investitions–prognosen für KI sogar noch weiter nach oben zu korrigieren: Für das laufende Jahr dürften die fünf US-Unternehmen nach Analystenkonsens 755 Milliarden Dollar ausgeben (+83 % gegenüber 2025) und sich im nächsten Jahr der symbolischen Marke von einer Billion Dollar nähern (892 Milliarden Dollar, +18 %). So hat beispielsweise Amazon im März Anleihen im Wert von 54 Milliarden Dollar (in Dollar und Euro) mit Laufzeiten von 2 bis 50 Jahren begeben, und der Konflikt im Nahen Osten hat eine massive Überzeichnung der US-Tranchen in Höhe von 126 Milliarden Dollar nicht verhindert.
Auch wenn die Emissionen sehr großer Volumina bisher erfolgreich waren, gehen sie mit einem Anstieg der von den Anlegern geforderten Rendite einher. Der Emissionsaufschlag (der Aufschlag gegenüber entsprechenden Sekundärmarktpapieren) lag bei der Amazon-Transaktion bei etwa 10 Basispunkten. Ebenso musste Meta bei der Platzierung Ende April bis zu 37 Bp. an Zusatzrendite (für seine vierzigjährige Anleihe) gegenüber dem im Oktober 2025 begebenen Vorgängerpapier aufbieten. Und der Financial Times zufolge erwägen die großen US-Banken die Lancierung von Instrumenten nach Art von SRTs2, um einen Teil der im Zusammenhang mit Rechenzentren eingegangenen Engagements aus ihren Bilanzen zu verbriefen und damit auf einen breiteren Anlegerkreis umzuverteilen.
Über den klassischen Zusammenhang zwischen einem Überangebot an Papieren und einem Renditeaufschlag hinaus wirkt sich die KI aufgrund von Disruptionsängsten auch auf die Spreads3 anderer Sektoren aus. Wie zu erwarten war, hat der Softwaresektor, von dem jüngst eine Rückkaufwelle bei Private-Credit-Fonds ausging, einen Bewertungsrückgang am Markt für öffentlich gehandelte Anleihen erlitten: Der Spread des High-Yield-Segments dieser Branche hat sich seit Jahresbeginn um rund hundert Basispunkte ausgeweitet. Bewertungsanpassungen beschränken sich jedoch nicht auf diesen Sektor; vielmehr ist das Phänomen auch auf manche Versicherungs–gesellschaften und Handelshäuser übergesprungen, die ebenfalls als anfällig gelten.
Investoren auf dem Kreditmarkt scheinen dieselben Schlussfolgerungen wie Aktienanleger zu ziehen und setzen vermehrt auf greifbare Vermögenswerte, die weniger dem Risiko ausgesetzt sind, von der KI ersetzt zu werden. Zu dieser Kategorie zählen etwa Unternehmen aus der Halbleiter- und der Pharmabranche. Wie zu erwarten war, ist es aufgrund der Preisexplosion bei fossilen Brennstoffen jedoch der Energiesektor, der in diesem Jahr den größten Bewertungsschub erfahren hat.
Im Gegensatz zu Aktienanlegern, die sich auf das Wachstum des Gewinns pro Aktie konzentrieren, interessieren sich Inhaber von Unternehmensanleihen hingegen in erster Linie für die Fähigkeit des Emittenten, seine Schulden zurückzuzahlen. Damit stellt sich die Frage nach den potenziellen Auswirkungen der KI auf die Ausfallraten. Es ist natürlich noch zu früh, um diese Frage zu beantworten, doch die bevorstehende Refinanzierungswelle im privaten Software-Sektor wird in naher Zukunft als Praxistest dienen.
Erfahrene Anleger betrachten den Kreditmarkt gewöhnlich als „Kanarienvogel in der Kohlengrube“. Diese Funktion als Krisenvorbote macht die allgemeine Analyse der Spreads in der aktuellen Phase umso wichtiger. Es ist festzustellen, dass die Anleger gelassen bleiben: Tatsächlich sind die Spreads seit Beginn des Konflikts sowohl im IG- als auch im HY-Segment in Europa stabil.
Diese Funktion als Krisenvorbote macht die allgemeine Spread-Analyse in der jetzigen Situation umso wichtiger. Ganz offensichtlich bleiben die Anleger zuversichtlich: Seit Ausbruch des Konflikts sind die Risikoaufschläge in Europa sowohl im IG- als auch im HY-Segment stabil geblieben.
Erweitert man den Blickwinkel, so fällt auf, dass sich die Spreads weiterhin im unteren Bereich der historischen Spannbreite befinden. Dies mahnt zur Vorsicht, außer bei den besonders kurzen Laufzeiten (ein bis drei Jahre), die bereits den veränderten Erwartungen an die Geldpolitik Rechnung tragen und kaum auf einen möglichen Anstieg der Ausfallrate reagieren dürften, falls die Blockade der Meerenge von Hormus zu einem Dauerzustand werden sollte …
Von Pierre Pincemaille, DNCA Investments, Teil von Natixis Investment Managers
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