Der Kater nach dem US-Iran-Abkommen

Der Ölmarkt bleibt trotz diplomatischer Entspannung angespannt: Sinkende Brent-Preise treffen auf knappe Reserven, fragile Lieferketten und offene Energiefragen. Natixis Investment Managers | 23.06.2026 12:29 Uhr
Kevin Dunzel, Senior Sales Director, Natixis Investment Managers / © e-fundresearch.com / Natixis Investment Managers
Kevin Dunzel, Senior Sales Director, Natixis Investment Managers / © e-fundresearch.com / Natixis Investment Managers

Wird schon gutgehen! Gerade erst hat die Internationale Energieagentur vor einem unmittelbar bevorstehenden Eintritt des Ölmarkts in den „roten Bereich“ gewarnt, weil die Reserven weltweit in Rekordtempo zu Neige gehen*, und doch halten sich die Anleger lieber an die siegessicheren Erklärungen des amerikanischen Präsidenten nach der Unterzeichnung eines Rahmenabkommens mit dem Iran. Nach einem äußerst hohen Stand von rund 145 Dollar pro Barrel im April ist der Preis für Dated Brent – der misst, wie angespannt das Zusammenspiel aus Ölangebot und -nachfrage in der Realität ist – um rund 65 Dollar auf ein Niveau abgerutscht, das um 80 Dollar pro Barrel pendelt.

Die Marktteilnehmer haben nicht erst die offizielle Bekanntgabe des deal abgewartet, um ihre Rohölnachfrage anzupassen. Schon am Vortag der Ankündigung war der Dated-Brent-Preis um 55 Dollar in die Tiefe gerauscht. Die Bank Goldman Sachs hat sich der Analyse dieser kontraintuitiven Situation angenommen und eine Reihe möglicher Gründe für den Preisverfall aufgezeigt. So hat die Kombination aus vermehrten Exporten aus dem amerikanischen Kontinent** und gesunkenen chinesischen Importen*** das Risiko eines Versorgungsengpasses abgefedert. Zu diesen makroökonomischen Erklärungen kommt ein mikroökonomischer Aspekt hinzu: die Anpassung der Nachfrage seitens der preissensibelsten Abnehmer von Erdölderivaten, allen voran Fluggesellschaften und Unternehmen der Petrochemie.

Den zu den führenden Playern im Rohstoffhandel zählenden Konzern Trafigura, der unlängst Quartalszahlen offengelegt hat, scheinen diese Erklärungen nicht zu überzeugen. Zwar hat ihm das Know-how seiner Trader satte Gewinne beschert (4 Milliarden Dollar), doch dieser Detailausschnitt lenkt womöglich vom größeren Bild ab: Der Trafigura-Finanzchef warnt vor einem drohenden „Wendepunkt“ am physischen Ölmarkt.

Es mag die Realität dieses Gleichgewichts aus Angebot und Nachfrage sein, das die Anleger bewogen hat, auf eine rasche diplomatische Lösung zur Aufhebung der Blockade der Meerenge zu setzen, zumal in den Vereinigten Staaten demnächst die driving season anbricht. Die Gallone Benzin lässt sich wieder für unter 4 Dollar tanken, doch der Preisanstieg gegenüber März beträgt noch immer 30 %. Es überrascht also nicht, dass die Zustimmungswerte zum Inflationsmanagement des US-Präsidenten derzeit denen von Biden im Nachgang der Corona-Pandemie entsprechen (28 %).

Unter all diesen Vorzeichen haben die Analysten von Morgan Stanley einen Blick auf die nächste Etappe am Energiemarkt gewagt. Auch nach der Öffnung der Straße von Hormus gebe es noch eine ganze Reihe an Hürden zu überwinden – vom Abschluss von Versicherungen über die Beschaffung von Tankern und die Anwerbung von Arbeitskräften bis hin zum Hochfahren der Produktionsanlagen. Da sich keins dieser Probleme von heute auf morgen lösen wird, rechnen die Verfasser damit, dass die Ölprduktion bis Dezember lediglich 80 % des Vorkriegsniveaus erreichen dürfte.

Sollte dieses Szenario eintreten, so wäre wieder eine klassische Wirtschaftlichkeits­analyse für diesen Rohstoff unter Berechnung der Grenzkosten möglich, die den Ausschlag für die Rohölpreise geben. Die Bernstein-Analysten haben sich dieser Aufgabe angenommen, um sich ein besseres Bild von den Fundamentaldaten des Ölmarkts und der langfristigen Preisentwicklung zu machen. Hierzu haben sie Daten der fünfzig größten börsennotierten oil majors zusammengetragen, die zusammen zwei Drittel der Produktion von Nicht-OPEC-Mitgliedern auf sich vereinen. Auf der Grundlage der Geschäftsberichte ergeben sich für das laufende Jahr inflationsbereinigte Grenzkosten in Höhe von 77 Dollar/Barrel.

Dass die Barrelpreise wieder auf dieses Niveau zusteuern, entbindet die Regierungen nicht davon, ihre langfristige Energiepolitik zu hinterfragen, vor allem im Hinblick auf Sicherheit. Diese wird nur über eine Diversifizierung der Versorgungsquellen bei Öl und Gas sowie vor allem einen beschleunigten Ausbau der nichtfossilen Energieträger und energieeffizienter Lösungen zu erreichen sein.

Diesbezüglich hat die IEA ihren Investitionsausblick nun aktualisiert: In ihrem jüngsten Jahresbericht geht die Kooperationsplattform davon aus, dass der Energiesektor seine Ausgaben im laufenden Jahr auf weltweit rund 3.400 Milliarden Dollar aufstocken wird (+5 % gegenüber 2025), bei einem Anteil fossiler Energien von 35 %. Die verbleibenden 2.200 Milliarden Dollar werden in CO2-arme Energien, Netze, Batterien und Energieeffizienz fließen.

Kevin Dunzel, Senior Sales Director bei Natixis Investment Managers ergänzt: "Wer ein Engagement bei diesen Themen aufbauen möchte, hat angesichts der breiten Palette an Sektoren (Versorger, Transport, Industrie etc.) auf vier Kontinenten die Qual der Wahl und muss nicht erst warten, bis die Engstelle am Golf womöglich eines Tages wieder uneingeschränkt passierbar ist.“

Weitere beliebte Meldungen:

*Im Mai betrug der Rückgang laut dem jüngsten IEA-Monatsbericht 143 Mio. Barrel (-4,6 Mio. Barrel/Tag).

**Brasilien, Venezuela und Guyana.

***Die Importe beliefen sich dem Analysehaus Kpler zufolge im Mai auf ein Zehn-Jahres-Tief von durchschnittlich 6,7 Mio. Barrel/Tag

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