Pincemaille: „Nach der Symbolwirkung des größten Börsengangs aller Zeiten scheint der Weg frei für weitere großangelegte Kapitaltransaktionen im Technologiesektor. Schon ist das Wettrennen zwischen OpenAI und Anthropic um den nächsten IPO1 eröffnet. Beide Unternehmen haben mit nur wenigen Tagen Abstand Unterlagen bei der US-Börsenaufsicht SEC2 eingereicht. Somit lautet die Preisfrage, welches von ihnen als erstes seinen Börseneinstand geben und dabei Presseberichten zufolge Kapital in der Größenordnung von 50 Milliarden Dollar einwerben wird.
Als neuer Anlegerliebling hat Anthropic jüngst bei einer Finanzierungsrunde 65 Milliarden Dollar aufgenommen, sodass das von Dario Amodei geführte Unternehmen nun mit 965 Milliarden Dollar bewertet ist. Zur Erinnerung: Die Finanzierungsrunde davor hatte Anthropic auf 380 Milliarden Dollar taxiert, wobei Claude Cowork und Claude Code damals noch nicht am Markt waren. Dieser Erfolg hat den derzeit mit 860 Milliarden Dollar bewerteten Rivalen OpenAI dazu inspiriert, mit seiner Lösung Codex den Schwerpunkt seiner Angebotspalette auf das lukrative Programmiergeschäft zu verlagern.
Bereits börsennotierte KI-Akteure benötigen ebenfalls frisches Geld, um ihre Expansion zu finanzieren. So strebt etwa Google erstmals seit zwanzig Jahren eine Kapitalerhöhung an. Der Konzern aus Mountain View denkt in großen Maßstäben und plant den Verkauf neuer Aktien im Wert von rund 80 Milliarden Dollar. 10 Milliarden davon hat bereits die Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway zugesagt, deren neuer CEO Greg Abel in die großen Fußstapfen von Warren Buffett tritt.
Ein weiterer Finanzierungskanal der Branche sind die Anleihemärkte. Die Schuldtitel der Hyperscaler sind unter Anlegern weiterhin heiß begehrt, wie die jüngste Transaktion von Nvidia beweist: Der Chip-Hersteller, der zuletzt 2021 den Fremdkapitalmarkt angezapft hatte, entschied sich bei seiner jüngsten Emission angesichts der hohen Nachfrage auf eine Volumenaufstockung von 20 auf 25 Milliarden Dollar.
Dank ihres Zugangs zu den Finanzmärkten können die Amazon, Google, Meta, Microsoft und Oracle dieser Welt dem Motto „Klotzen statt kleckern“ treu bleiben: Die Konsensschätzung liegt nunmehr bei einer Investitionshöhe von 757 Milliarden Dollar im laufenden Jahr (+85 % gegenüber 2025) sowie bei 920 Milliarden Dollar im Jahr 2027 (+22 %). Jüngstes Beispiel für eine Anhebung des CapEx-Ausblicks ist Oracle. Der einst auf Software spezialisierte Konzern hat sein Ausgabenziel abermals angepasst und setzt nun 90 bis 95 Milliarden Dollar im Jahr 2027 an (während der Konsens von 85 Milliarden ausgeht). Sein Aktienkurs sackte am Tag dieser Ankündigung prompt um 10 % ab und notiert nun bei der Hälfte seines Hochs vom September 2025. Die Strategie der Gruppe scheint dies bislang nicht infrage zu stellen.
Während sich noch nicht abschätzen lässt, ob und wann sich die Investitionsausgaben stabilisieren werden, sprudeln entlang der gesamten Wertschöpfungskette und insbesondere bei Halbleitern weiterhin die Aufträge. Einer rasant steigenden Chip-Nachfrage seitens der Tech-Giganten steht ein frappierendes Unterangebot gegenüber. Die Hersteller müssen gar ein Kontingentsystem einführen und können ihre Preise deutlich anheben, sodass Marktbeobachter bereits von einer ‚chipflation‘ sprechen. Diese Situation schlägt sich in der operativen Performance von Micron nieder, das seinen Quartalsgewinn innerhalb eines Jahres um das Fünfzehnfache steigern konnte. Und sie ist auch den Beschäftigten der großen asiatischen Konzerne wie Samsung Electronics nicht entgangen: Nach einem zähen Ringen zwischen den Gewerkschaften und der Konzernleitung hat diese in eine Änderung des Sondervergütungspakets für Mitarbeiter der Halbleitersparte eingewilligt, die sich nun jeweils über Aktien im Wert von 600 Millionen Won (340.000 Euro) freuen können.
Dass die Früchte der Wertschöpfung nun anders verteilt werden, hat die Anleger nicht daran gehindert, das neue Paradigma dieser Branche zur Kenntnis zu nehmen. Dies liegt auch daran, dass das starke Geschwindigkeitsgefälle zwischen dem Kapazitätsausbau bei der Speicherproduktion und der explodierenden Nachfrage der Rechenzentren diesem Sektor eine beispiellose Prominenz beschert. Der hieraus resultierende Bewertungszuwachs hat einer Reihe an Akteuren Zugang zum sehr exklusiven Club der Unternehmen mit einem Börsenwert von über einer Billion Dollar verschafft (Samsung, Micron und SK Hynix). Insgesamt vereint der Halbleitersektor mittlerweile rund 12 % der weltweiten Marktkapitalisierung auf sich, während es 2022 lediglich 2,7 % waren!
Angesichts dieser Beobachtung sind verschiedene Punkte anzumerken: Der beispiellose Anstieg des Gewichts von Halbleiterwerten in den Börsenindizes geht mit einem außerordentlich hohen Anlegerkonsens3 wie auch mit einem wahren Hype unter Kleinanlegern einher. In der zweiten Juniwoche haben die beiden größten Halbleiter-ETFs Kapital in einer noch nie dagewesenen Höhe von insgesamt 4,5 Milliarden Dollar eingesammelt.“
Patrick Sobotta, Geschäftsführer von Natixis IM für Mittel- und Osteuropa. ergänzt: „Generell erhöht sich mit der jüngsten Entwicklung des börsennotierten KI-Ökosystems, der zunehmenden Indexkonzentration und der Positionierung unweigerlich die Gefahr, dass die Volatilität ansteigt und das momentum in die Gegenrichtung umschlägt. Unter diesen Vorzeichen stellt die goldene Regel der Diversifizierung einen guten Kompass dar, um als Anleger unfallfrei durch den Sommer zu kommen.“
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1 Initial Public Offering.
2 Securities and Exchange Commission
3 Laut der jüngsten Umfrage der Bank of America.