Pincemaille: „Nicht einmal einen Monat! So kurz hatte das nun geplatzte Rahmenabkommen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran Bestand. Nun verklären sich die beiden Kriegsparteien jeweils zu den Hütern der Meerenge von Hormus, die erneut weitgehend unpassierbar ist. Diese zweite Blockade ereignet sich zu einem Zeitpunkt, zu dem die amerikanischen Ölvorräte auf den niedrigsten Stand seit 45 Jahren gesunken sind1, sodass die Folgen gravierender ausfallen könnten als im zweiten Quartal. Es bedarf also einer neuen Einschätzung der Lage, während die Aktienmärkte frische Allzeithochs erklimmen.
Der erstaunlich reibungslosen Erholung des Schiffsverkehrs nach der Unterzeichnung des Abkommens und dem gleichzeitigen Preissturz am Rohölmarkt liegt dieselbe Ursache zugrunde: der Wunsch der Golfstaaten, sich der Ölfässer, die sich seit der ersten Konfliktphase bei ihnen stauen, möglichst schnell zu entledigen. Diese Länder haben einen Abschlag auf den Referenzpreis in Kauf genommen, um ihre überschüssige Produktion zu Geld zu machen, bevor ihre Lagerkapazitäten gänzlich zu Neige gehen. Hierzu konnten sie die seit Beginn des Konflikts im Nadelöhr von Hormus feststeckenden Tanker nutzen. Fazit: In Windeseile sind die Rohölexporte wieder auf 80 % des Niveaus vor Ausbruch des Konflikts angestiegen. Seit die Öllieferungen wieder stocken, hat erwartungsgemäß der Ölpreis wieder angezogen.
Völlig anders sieht es bei Raffinerieerzeugnissen aus, die bekanntlich zur Berechnung der gesamtwirtschaftlichen Preisindizes herangezogen werden. Anders als bei Rohöl gibt es hier keine strategischen Reserven oder Akteure mit Überschüssen, die bereit wären, diese zu Schleuderpreisen an den Markt zu bringen. Aus diesem Grund wurden Raffinerieprodukte wie Diesel und Benzin schon vor Wiederaufnahme der Kampfhandlungen zu einem Preis von 90 bis 100 US-Dollar je Barrel Rohöleinheiten gehandelt. Berücksichtigt man überdies die Schäden an der russischen Förderinfrastruktur, so ist diese Zahl dem CEO von TotalEnergies zufolge derzeit in der Nähe von 130 US-Dollar anzusetzen. Die großen Gewinner der jetzigen Situation sind angesichts ihrer historisch hohen Margen somit die Raffinerien.
Eine weitere Situation, die es zu beobachten gilt: die des europäischen Gasmarkts. Obschon Katar nicht der Hauptlieferant der europäischen Länder ist, fällt auf, dass die Neuausrichtung der Gasströme seit Beginn des Konflikts auf Kosten unserer Region erfolgt ist. So zeigen sich in Europa bereits Schwierigkeiten, die Reserven mit Blick auf den Winter wieder aufzubauen. Glaubt man dem norwegischen Energiekonzern Statoil, so sind die europäischen Gasspeicher derzeit nur zu 53 % gefüllt, während es vor einem Jahr 61 % waren und der Durchschnittswert bei 66 % liegt. Der Statoil-CEO bezeichnet die Lage denn auch als „prekär“. Noch dazu hat die jüngste Hitzewelle aufgrund der vermehrten Klimatisierung insbesondere die Gaskraftwerke in Anspruch genommen, da eine Windflaute herrschte und die Stromproduktion der Kernkraftwerke gedrosselt werden musste. So erklärt sich der diesjährige Anstieg des europäischen Referenzpreises TTF: Dieser ist um +120 % auf 62 €/MWh geschnellt.
Weiter südlich sind nunmehr große Manöver im Gang, um zur Umgehung der Meerenge alternative Routen auszubauen. Die probateste Lösung scheint im Pipeline-Transport von Erdölprodukten zu bestehen, wie das Vorhaben der Vereinigten Arabischen Emirate zur Verdoppelung der Exportkapazitäten über den Hafen Fudschaira oder auch die vom Irak geplante Pipeline bis zum Mittelmeer beweisen. Das Thema beschäftigt auch die Analysten der US-Bank Goldman Sachs: Sie gehen davon aus, dass die Erweiterung oder der Bau von Ölpipelines eine Erhöhung der Transitkapazität um 3,8 Mio. Barrel/Tag bis Ende 2027 und um 7,3 Mio. Barrel/Tag bis 2028 ermöglichen dürften, bei einer Gesamtkapazität von 14 Mio. Barrel/Tag.
Trotz dieser ermutigenden Zahlen können diese Projekte auf kurzer Sicht jedoch nichts gegen eine mögliche operative Stressphase ausrichten. Aus diesem Grund sollten Anleger die weitere Entwicklung genau im Auge behalten, zumal eine historisch eher ungünstige Saison auf die Aktienmärkte zukommt.
An den Anleihemärkten dürfte dieses Wiederaufflammen der Teuerung die großen Zentralbanken in ihrem Straffungskurs bestätigen, allen voran die amerikanische, die sich einer besonders deutlichen KI-bedingten Inflation gegenübergestellt sieht. Bedenkt man überdies die flache Zinsstrukturkurve, so spricht wenig dafür, Durationsrisiken einzugehen, bevor das Öl wieder – um den US-Präsidenten zu zitieren – „fließt wie nie zuvor“ …
Patrick Sobotta, Geschäftsführer von Natixis IM für Mittel- und Osteuropa. ergänzt: „Trotz dieser ermutigenden Zahlen können diese Projekte auf kurzer Sicht jedoch nichts gegen eine mögliche operative Stressphase ausrichten. Aus diesem Grund sollten Anleger die weitere Entwicklung genau im Auge behalten, zumal eine historisch eher ungünstige Saison auf die Aktienmärkte zukommt.
An den Anleihemärkten dürfte dieses Wiederaufflammen der Teuerung die großen Zentralbanken in ihrem Straffungskurs bestätigen, allen voran die amerikanische, die sich einer besonders deutlichen KI-bedingten Inflation gegenübergestellt sieht. Bedenkt man überdies die flache Zinsstrukturkurve, so spricht wenig dafür, Durationsrisiken einzugehen, bevor das Öl wieder – um den US-Präsidenten zu zitieren – „fließt wie nie zuvor“ …“
Weitere beliebte Meldungen:
1 Auf das 43-Fache des Tagesverbrauchs.
2 Zwischen dem 10. und dem 12. Juli beträgt der Rückgang laut der Website Marine Traffic 52 %.