Der juristische Schlagabtausch zwischen Elon Musk und Sam Altman vor einem kalifornischen Gericht über den wirtschaftlichen Zweck von OpenAI ist zugunsten von Altman ausgegangen: Der Tesla-Eigentümer scheiterte mit seiner Klage wegen Verjährung. Damit ist der Weg für einen Börsengang von OpenAI grundsätzlich frei – sofern sich nicht Berichte des Wall Street Journal bewahrheiten. Demnach soll OpenAI seine eigenen Ziele bei neuen Nutzern und Umsätzen verfehlt haben, nicht zuletzt unter dem Wettbewerbsdruck von Google Gemini und Anthropic. Sollte sich diese Verzögerung bestätigen, wäre sie für das KI-Ökosystem allerdings nicht zwangsläufig negativ. Denn inzwischen gibt es neben dem Erfinder von ChatGPT weitere glaubwürdige Anbieter – und gerade diese Breite ermöglicht es der gesamten Branche, auf Hochtouren zu laufen.
In diesem Zusammenhang dürfte der Börsengang von SpaceX zu einem Lackmustest werden. Das andere Unternehmen von Elon Musk, dessen Prospekt am 20. Mai veröffentlicht wurde, dürfte rund 80 Milliarden US-Dollar einsammeln – und damit den bisherigen Rekord von Saudi Aramco mit 26 Milliarden US-Dollar deutlich übertreffen. Investmentbanker rechnen mit einer Marktkapitalisierung zwischen 1,75 und 2,0 Billionen US-Dollar, gestützt unter anderem durch die KI-Sparte des Konzerns, xAI. Die Erstnotiz ist für den 12. Juni vorgesehen. Sollte der Börsengang erfolgreich verlaufen, könnte das persönliche Vermögen des Gründers erstmals weltweit die Marke von einer Billion US-Dollar erreichen.
Eine Billion US-Dollar ist auch ungefähr der Betrag, den die Hyperscaler1 nach Schätzungen von Bank of America im Jahr 2027 in Rechenzentren investieren dürften. Wie stark sich das Paradigma in der Branche verschoben hat, zeigt der Blick zurück auf das Jahr 2025: Damals gaben diese fünf großen US-Technologiekonzerne „nur“ 450 Milliarden US-Dollar aus. Die Investitionssummen sind inzwischen so gewaltig, dass sie sich auch in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen der USA niederschlagen. Im Jahr 2025 steuerten die mit KI verbundenen Bereiche – Informationsverarbeitung, Software und Rechenzentren – rund 40 Prozent zum Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts bei.2
Da die operativen Ergebnisse nicht im gleichen Tempo steigen, haben einige dieser Unternehmen begonnen, Personal abzubauen, um den Rückgang der freien Cashflow-Generierung zu begrenzen. Am entschiedensten geht Meta vor: Der Konzern hat angekündigt, sich von 10 Prozent seiner Beschäftigten zu trennen. Doch der Trend im gesamten Sektor ist eindeutig. Nach Angaben der Beratungsgesellschaft Challenger stieg die Zahl der Entlassungen im ersten Quartal gegenüber dem ersten Quartal 2025 um 40 Prozent.
Über den Technologiesektor hinaus bleibt die Wirkung von KI auf den Arbeitsmarkt eine der großen Unbekannten. Die jüngste Studie von Goldman Sachs zu diesem Thema bestätigt, dass Branchen mit hohem Substitutionsrisiko überdurchschnittliche Arbeitslosenquoten aufweisen. Zugleich zeigt sich in Sektoren, in denen KI eine „augmentierende“, also ergänzende Wirkung entfaltet, das umgekehrte Bild bei Neueinstellungen und Arbeitslosenquoten. Rechnet man zudem die positiven Beschäftigungseffekte aus dem Bau neuer Rechenzentren hinzu, ist das Szenario einer Job-Apokalypse keineswegs ausgemacht.
Die beschleunigten Investitionen der Hyperscaler in den Bau dieser digitalen Fabriken haben immer stärkere Nebenwirkungen. Rechenzentren sind ausgesprochen metallintensiv – allen voran bei Kupfer und Aluminium –, was den Anstieg der Rohstoffpreise zusätzlich begünstigt. Ein weiteres, gut bekanntes Thema ist ihr Energieverbrauch. Die Analysten von Goldman Sachs erwarten, dass sich die Kapazität dieser digitalen Infrastrukturen in den USA zwischen Ende 2025 und Ende 2027 verdoppeln wird. Bis dahin könnten Rechenzentren 8,5 Prozent der US-Stromnachfrage ausmachen.
Vor diesem Hintergrund hat NextEra, der Energieversorger aus Florida, ein Übernahmeangebot für Dominion im Volumen von stattlichen 67 Milliarden US-Dollar vorgelegt. Ziel ist es, den größten Stromversorger des Landes zu schaffen. Der US-Strommarkt ist weiterhin stark fragmentiert, und die explodierende Nachfrage wirkt als Katalysator für Konsolidierung. Das gilt insbesondere für Virginia, wo sich die sogenannte „Data Center Alley“ befindet – die weltweit größte Konzentration von Rechenzentren. Die dort geplanten Projekte könnten künftig bis zum Dreifachen der heutigen Netzkapazität benötigen. Angesichts solcher Perspektiven wird nachvollziehbar, warum Betreiber größere finanzielle Spielräume benötigen, um die Modernisierung eines alternden Stromnetzes stemmen zu können.
Kurzfristiger betrachtet bot die jüngste Berichtssaison den Investoren Gelegenheit, innerhalb der Mega Caps des Sektors stärker zu differenzieren. Zwar erzielten die Mag73 mit einem Gewinn je Aktie von plus 50 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2025 ihr stärkstes Wachstum seit dem ersten Quartal 2024. Ihre Aktienkursentwicklung fiel jedoch keineswegs einheitlich aus. Alphabet, die Muttergesellschaft von Google, ging aus dieser Phase als klarer Gewinner hervor – getragen vom starken Wachstum des Cloud-Geschäfts von 62 Prozent und der KI-Strategie des Konzerns, insbesondere Gemini und der Entwicklung eigener Prozessoren. Meta dagegen wurde von den Investoren abgestraft. Sie stellen zunehmend infrage, ob der Konzern seine weiter steigenden Investitionsausgaben monetarisieren kann. Meta erwartet nun Capex in einer Spanne von 125 bis 145 Milliarden US-Dollar, nach zuvor 115 bis 135 Milliarden US-Dollar.
Der Fall Meta zeigt exemplarisch, wie groß der Wille der Unternehmen ist, den historischen KI-Umbruch auf keinen Fall zu verpassen – selbst wenn dafür ein Teil der kurzfristigen Börsenperformance geopfert werden muss. Dieses Verhalten der Industrie dürfte die Wachstumsperspektiven für cloudbasierte Rechenleistung weiter untermauern und damit auch die damit verbundene physische Nachfrage stützen – nach Energie, Kabeln, Metallen und weiterer Infrastruktur.
In diesem Umfeld dürften gut informierte Investoren weiterhin nach Chancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette suchen, anstatt sich ausschließlich auf die größten Marktkapitalisierungen zu konzentrieren. Deren kumuliertes Gewicht nähert sich inzwischen einer kritischen Schwelle. Die zehn größten US-Technologieunternehmen4 stehen mittlerweile für 40 Prozent des S&P 500 – ein Niveau, das an die TMT-Blase des Jahres 2000 und an die „Nifty Fifty“ der 1970er-Jahre erinnert.
Von Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments (Teil von Natixis Investment Managers)
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