Der US-amerikanische Vermögensverwalter Loomis Sayles feiert seinen 100. Geburtstag. Die Tochter von Natixis IM mit Sitz in Boston versteht sich als aktiver Investor. Vor allem die Growth-Equity-Strategie von Loomis Sayles basiert auf einem fundamentalen, Bottom-up- Ansatz, der ein konzentriertes Portfolio aus hochwertigen Unternehmen aufbaut, die über nachhaltige Wettbewerbsvorteile, profitables Wachstumspotenzial und einen inneren Wert verfügen, der vom Markt nicht vollständig widergespiegelt wird.
Erläuterungen dazu gibt Aziz Hamzaogullari, Gründer und Chief Investment Officer (CIO) des Teams „Growth Equity Strategies“ bei Loomis, Sayles & Company.
Die Anlagephilosophie Ihres Hauses stützt sich auf drei Hauptdimensionen: Qualität, Wachstum und Bewertung. Was zeichnet ein Unternehmen in Ihren Augen aus, wenn Sie sich für eine Investition in eine Aktie entscheiden? Welcher Faktor macht den entscheidenden Unterschied?
Für uns zeichnet ein Unternehmen von hoher Qualität aus, dass sein Geschäftsmodell selbst mit dem nötigen Zeit- und Kapitalaufwand nur sehr schwer nachzuahmen wären. Vielen Unternehmen gelingt es nicht, ihren „Burggraben“, also ihre Wettbewerbsvorteile, zu verteidigen. Dennoch gibt es diese wenigen außergewöhnlichen Unternehmen, die in der Lage sind, ihre Wettbewerbsvorteile aufrechtzuerhalten und folglich über ein Jahrzehnt oder sogar länger hohe Renditen auf ihr investiertes Kapital zu erzielen. So definieren wir also ein außergewöhnliches Unternehmen.
Natürlich interessieren wir uns als wachstumsorientierte Anleger auch sehr für strukturelles und säkulares Wachstum, das wir als langfristiges Wachstum der Cashflows definieren – und auch dieser Ansatz ist sehr selten. Zudem gibt es nur sehr wenige Unternehmen, die in der Lage sind, ihr Cashflow-Wachstum über, sagen wir, fünf bis zehn Jahre hinaus aufrechtzuerhalten.
Die durchschnittliche Haltedauer von Investoren ist aber erheblich kürzer als der Zeitraum, den Sie hier nennen….
Genau! Wir glauben, dass unser wichtigster Wettbewerbsvorteil in dem liegt, was wir „Zeitarbitrage“ nennen, also der Identifizierung außergewöhnlicher Unternehmen, deren Bewertung jedoch falsch ist, da sich die meisten anderen Investoren eben auf die kurzfristige Perspektive konzentrieren. Und der beste Beweis dafür ist: Wenn man sich heute einen durchschnittlichen Wachstumsfonds in den USA ansieht, stellt man fest, dass er eine Umschlagshäufigkeit von 80 bis 100 % in seinem Wertpapierportfolio aufweist. Das bedeutet also, dass deren Zeithorizont bei etwa einem Jahr liegt.
Wir hingegen legen große Geduld an den Tag. Wir können Jahre warten; die Umschlagshäufigkeit unseres Portfolios lag in den letzten 20 Jahren bei etwa 11 bis 12 %. Diese Zahl umfasst sogar die Zugänge und Abgänge im Portfolio. Die tatsächliche Umschlagshäufigkeit der Wertpapiere liegt unter 10 %, was bedeutet, dass wir diese Wertpapiere im Durchschnitt weit über 10 Jahre halten. Die Hälfte unseres Portfolios besteht aus Unternehmen, die wir seit 10 Jahren oder länger halten.
Nehmen Sie Amazon als Beispiel. Im Juni waren es 20 Jahre, dass wir Amazon halten. Natürlich gibt es Tausende Fonds, die die Amazon-Aktie von 2006 bis heute mal in ihrem Portfolio hatten. Betrachtet man jedoch den Prozentsatz dieser Fonds, die Amazon über den gesamten Zeitraum gehalten haben, so sind es weniger als ein Prozent.
Ihr aktuelles Portfolio umfasst nur 30 bis 35 Positionen, und die größten zehn machen 60 Prozent des Volumens aus. Was bedeutet diese hohe Konzentration für das Risikomanagement?
Schon unser Investmentuniversum ist durch den Fokus auf Wachstumsunternehmen mit hoher Marktkapitalisierung kleiner als das von Wettbewerbern, Wir beobachten etwa 200 Unternehmen weltweit, wählen daraus durch unseren fundamentalen Filter aber tatsächlich nur zwischen 30 und 35 aus, die wir langfristig halten.
Doch die Konzentration ist nur die eine Seite unserer Strategie. Die nächste Frage ist aber die nach der Größe und der Haltedauer einer einzelnen Position. Bei der Analyse dieses Punktes stellten wir fest, dass die Mediangröße unserer Positionen um ein Vielfaches höher war als die unserer Wettbewerber.
Bei dieser starken Konzentration ist es natürlich wichtig, die Diversifikation im Auge zu behalten. Wir investieren beispielsweise in Vertex, ein Pharmaunternehmen, das Medikamente für Patienten mit Mukoviszidose bereitstellt. Vertex weist eine sehr geringe Korrelation mit einem Unternehmen wie Nvidia auf, das wir ebenfalls im Portfolio haben und dessen Wachstum hauptsächlich auf künstlicher Intelligenz basiert. Dieses wiederum weist eine sehr geringe Korrelation mit einem Unternehmen wie Monster Beverage auf, dessen Wachstum durch den steigenden Pro-Kopf-Verbrauch von Energy-Drinks angetrieben wird. Und auch dieses Unternehmen weist wiederum eine sehr geringe Korrelation mit einem Unternehmen wie Boeing auf, dessen Wachstum hauptsächlich auf der langfristigen Entwicklung der Luftfahrtbranche beruht.
Wie gelingt es Ihnen, angesichts des ständigen Stroms an schockhaften Ereignissen, die langfristige Perspektive zu halten?
Uns geht es darum, schrittweise ein Portfolio aufzubauen, das von einem Konjunkturzyklus zum nächsten widerstandsfähig bleibt. Dabei sind Schocks und Korrekturen ein fester Bestandteil des Investierens
Betrachtet man die Geschichte der Märkte in den letzten 150 Jahren, so stellt man fest, dass der Markt in diesen 150 Jahren 23 Korrekturen von 15 % oder mehr erlebt hat. Das bedeutet, dass Anleger im Durchschnitt alle sechseinhalb Jahre mit einer größeren Marktkorrektur konfrontiert sind. Dabei handelt es sich natürlich um einen Durchschnittswert: Manchmal sind die Abstände länger, manchmal kürzer.
Seit ich als Anlageexperte tätig bin, hat sich diese Häufigkeit übrigens erhöht. Heute erleben wir etwa alle viereinhalb Jahre eine größere Korrektur. Und auch ihr Ausmaß nimmt zu!
Als Anleger haben Sie zwei Möglichkeiten. Sie können dies akzeptieren und davon ausgehen, dass es ein fester Bestandteil des Investierens ist – und akzeptieren, dass es weiterhin passieren wird und dass es keine Möglichkeit gibt, dies zu ändern! Wenn Sie sich diese 150 Jahre Geschichte ansehen und jedes dieser Ereignisse Revue passieren lassen, werden Sie sich fragen, wie viele Menschen diese Ereignisse vorhergesagt haben. Die Antwort lautet: Es waren nur sehr wenige. Und wenn es jemandem gelang, ein solches Ereignis vorherzusagen, war er in der Regel nicht in der Lage, das nächste vorherzusagen.
Es handelt sich um strukturelle und unvorhersehbare Umwälzungen. Wir müssen die Tatsache akzeptieren, dass wir sie nicht vorhersagen können: Man konnte beispielsweise die Covid-Pandemie ebenso wenig vorhersagen wie das Auftreten der Spanischen Grippe. Was Sie hingegen tun können, ist, die Realität dieser Unsicherheit zu akzeptieren und daraus Kapital zu schlagen!
Wie lässt sich das erreichen?
Um von diesen Umbrüchen zu profitieren, muss man verstehen, dass gerade dann, wenn ein Umbruch eintritt, sich eine der größten Chancen bietet, da diese exogenen Faktoren Störungen auf dem Markt verursachen.
Weil wir in unserer regelmäßigen Analyse jene wirklich außergewöhnlichen Unternehmen identifiziert haben, die in der Lage sind, diesen Turbulenzen standzuhalten – seien es Kriege, Pandemien, hohe oder niedrige Inflation, Deflation, technologische Umbrüche usw. –, versuchen wir, durch diese Krisen hindurchzuschauen und davon zu profitieren. Wir verfolgen weder einen „Risk-on“-) noch einen „Risk-off“-Ansatz, sondern sind der Ansicht, dass Risiko ohnehin immer vorhanden sein wird. Und um damit umzugehen, investieren wir in Unternehmen mit vielfältigen Wachstumsmotoren.
Gehört KI zu solchen Wachstumsmotoren? Was unterscheidet die echten langfristigen Gewinner im Zusammenhang mit dieser Technologie vom „Hype“?
Zunächst einmal sind wir der Ansicht, dass KI eine wahrhaft disruptive Technologie ist. Aber wie bei jeder größeren Disruption unterschätzen Anleger das Ausmaß dieser Disruption, überschätzen aber die Anzahl der Gewinner.
Der beste Beweis dafür ist, dass Themenfonds (also Fonds, die in ein bestimmtes Thema investieren) langfristig in der Regel eine sehr schlechte Performance aufweisen. Im Durchschnitt liegen ihre Ergebnisse sogar deutlich unter denen des Marktes, da sie in ein bestimmtes Thema investieren – anstatt sich darauf zu konzentrieren, die zukünftigen Gewinner zu identifizieren.
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