Bousbih: „Ähnlich wie beim Ukraine-Schock ist allerdings der Grad an Betroffenheit: Wie schon 2022 ist es erneut Europa, das am stärksten leidet. Zwar hat es seine Abhängigkeit von Flüssigerdgas (LNG) aus Katar verringert (dessen Anteil an den gesamten Gasimporten sank von über 30 Prozent im Jahr 2017 auf 8 Prozent im Jahr 2025) doch ist die Versorgung fragmentierter geworden und wird durch niedrige Gasspeicherstände noch verschärft. Italien importiert weiterhin 35% seines LNG-Bedarfs aus Katar und ist damit am stärksten von einem raschen Anstieg der Gaspreise betroffen. Auch Belgien und Polen sind anfällig, da sie nach wie vor 17 Prozent bzw. 25 Prozent ihrer LNG-Importe aus Katar beziehen.
Der aktuelle Energieschock hat die Inflationserwartungen wieder angeheizt und zu einer deutlichen Abflachung der europäischen Renditekurven für Staatsanleihen geführt, verursacht durch einen Anstieg der kurzfristigen Zinsen. Die Inflationsbreakevens stiegen insbesondere am kurzen Ende der Kurve, was eine Neubewertung der Inflationserwartungen und der geldpolitischen Aussichten bestätigt.
Allerdings liegt die 10-jährige Inflationsbreakeven-Rate in Deutschland mit 2,13% weiterhin deutlich unter dem Niveau von 3%, das nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine erreicht wurde. Dies deutet darauf hin, dass die Märkte noch keine anhaltenden inflationären Auswirkungen des Konflikts erwarten. Eine der auffälligsten Ähnlichkeiten mit dem Schock von 2022 bleibt die Unempfindlichkeit der chinesischen Zinssätze, wobei die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen stabil bei etwa 1,8% liegt.“
Kevin Dunzel, Senior Sales Director bei Natixis Investment Managers ergänzt: „Im Jahr 2022 war das Epizentrum der Marktbelastungen ein klassisches makroökonomisches Ungleichgewicht: eine steigende Inflation aufgrund eines plötzlichen Anstiegs der Energiepreise, der wiederum einen abrupten geldpolitischen Straffungszyklus auslöste. Im Jahr 2026 ist das Risiko finanzieller und endogener Natur. Es entsteht durch die Anhäufung von Leverage in bestimmten Segmenten des Finanzsystems, insbesondere in denen, die mit künstlicher Intelligenz verbunden sind. Viel Kapital ist in KI geflossen, stark finanziert durch Schulden, oft außerhalb der traditionellen Bankkanäle – in einem Umfeld, in dem die Kapitalkosten strukturell höher sind als in den 2010er Jahren. Das Risiko besteht daher nicht mehr in einer breit angelegten Inflation, sondern vielmehr in einer finanziellen Instabilität, die durch die Verschuldung und die Finanzierungsstruktur der KI-Investitionen verursacht wird.“
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