Ölkrise: 2026 ist nicht 2022

Die IEA warnt vor der größten Bedrohung der globalen Energiesicherheit: Die Blockade der Straße von Hormus treibt Öl- und Gaspreise sowie die Volatilität nach oben. Pierre Pincemaille (DNCA Investments) analysiert die Folgen für Inflation, Wachstum, EZB-Zinsen und Anleger. Natixis Investment Managers | 01.04.2026 08:17 Uhr
Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments / © e-fundresearch.com / DNCA Invest
Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments / © e-fundresearch.com / DNCA Invest

Die Internationale Energieagentur nimmt kein Blatt vor den Mund: Ihr Direktor, Fatih Birol, ist der Ansicht, dass „wir vor der größten Bedrohung für die globale Energiesicherheit in der Geschichte stehen“. Und da zwischen dem physischen Markt und dem Terminmarkt nur ein kleiner Schritt liegt, haben die Anleger diese Situation auf dem Terminmarkt wahrgenommen, wo die Volatilität des Rohölpreises auf ein noch nie dagewesenes Niveau* gestiegen ist. Die Schwankungen der Öl- und Gaspreise wecken schmerzhafte Erinnerungen an das Jahr 2022 und geben Anlass, sich trotz der geringen Vorhersehbarkeit der laufenden Verhandlungen Gedanken über die kurzfristigen wirtschaftlichen und monetären Auswirkungen dieses neuen Preisregimes zu machen.

In ihrer jüngsten Studie von Mitte März hat die IEA die Schwere der Lage zur Kenntnis genommen und sowohl ihre Angebotsprognosen aufgrund der Blockade der Straße von Hormus als auch ihre Nachfrageprognosen infolge des Preisanstiegs drastisch nach unten korrigiert. Trotz dieser Anpassungen bleibt Hoffnung: Die Organisation rechnet mit einer Normalisierung im Juni und stellt fest, dass die aktuellen Lagerbestände auf dem höchsten Stand seit Februar 2021 liegen (8.210 Mio. Barrel). Ein Teil dieser strategischen Reserven wird übrigens von den 32 Mitgliedsländern der IEA freigegeben, um der Dringlichkeit der Lage gerecht zu werden. So werden 400 Millionen Barrel wieder in den Markt zurückgeführt, um die Auswirkungen der logistischen Störungen im Zusammenhang mit der Sperrung der Meerenge zu begrenzen. Zum Vergleich: Dieselben Länder hatten 2022 nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine beschlossen, 182 Mio. Barrel strategischer Reserven freizugeben. Auch hier war es der Terminmarkt, der den Anlegern zeigte, dass diese Maßnahme nur einen vorübergehenden Effekt auf die Preise hatte, wahrscheinlich weil sie weitgehend erwartet worden war.

Betrachtet man die Situation auf makroökonomischer Ebene, dürfte die Anfälligkeit der USA gegenüber diesem Angebotsschock relativ begrenzt sein. Im Jahr 2022 hatte Fed-Präsident Jay Powell als rule of thumb einen Anstieg der Inflation um 20 Basispunkte und einen Rückgang des BIP um 10 Basispunkte bei einem Anstieg des Ölpreises um 10 Dollar pro Barrel angegeben. Auf längere Sicht wird sich also Konflikt zwar zu Lasten der amerikanischen US-Verbraucher, aber zugunsten der Schieferölproduzenten auswirken.

In der Eurozone hat die EZB bei der letzten Sitzung des EZB-Rats ein als „ungünstig“ bezeichnetes alternatives Szenario vorgestellt: Es basiert auf einem Ölpreis von 119 $/b und einem Gaspreis von 87 €/MWh. Diese Annahmen würden das BIP-Wachstum im Jahr 2026 um 30 Basispunkte verringern und die Inflation um 90 Basispunkte verstärken. Eine Art doppelte Belastung, die die Stagflationsängste wieder aufflammen lässt.

Dieses geopolitische Ereignis hat vorhersehbar für einige Unruhe im „Falken“-Flügel des Rates der Europäischen Zentralbank gesorgt: Die Gouverneure Lettlands und der Slowakei reagierten umgehend und forderten eine präventive Anhebung der Leitzinsen. Frau Lagarde versicherte ihrerseits, dass „die EZB das Notwendige tun wird, um die Inflation in den Griff zu bekommen“. Infolgedessen rechnen die Märkte nun mit drei Zinserhöhungen in diesem Jahr, was zu einem Sell-off am kurzen Ende der Kurve und zu einer Abflachung derselben führt.

Auch wenn das Trauma des Inflationsschubs nach COVID bei den europäischen Zentralbankern noch immer präsent ist, muss daran erinnert werden, dass sich die aktuelle Situation aus mindestens drei Gründen unterscheidet: Im Jahr 2022 standen die gesamten Lieferketten unter Druck, die Lohndynamik war für die Arbeitnehmer günstiger und die Geldpolitik war akkommodierend. Um einen umfassenden historischen Überblick zu erhalten, ist es sicherlich sinnvoll, weiter in die Vergangenheit zurückzugehen: Zwischen August 2007 und Juli 2008 stieg der Ölpreis von 70 $/b auf 140 $/b, und sein Höchststand am 3. Juli fiel mit der Anhebung der Leitzinsen der EZB um 25 Basispunkte zusammen. Anschließend musste die EZB diese um 325 Basispunkte senken, um den Auswirkungen der großen Finanzkrise entgegenzuwirken.

Jim Daley, ehemaliger Leiter des Ölhandels beim Handelshaus Marc Rich + Co (dem späteren Glencore), definierte das „schwarze Gold“ mit folgenden Worten: „Öl ist nichts anderes als eine Form von Geld“. Einige Jahrzehnte später scheinen die Ereignisse ihm Unrecht zu geben, da diese ganz besondere Form des Geldes für das reibungslose Funktionieren der Weltwirtschaft unverzichtbar bleibt. Und der aktuelle Konflikt wirft ein grelles Licht auf die logistische Anfälligkeit von Energie sowie auf den gestiegenen Wert strategischer Vorräte in Krisenzeiten.

Diese Situation dürfte für Anleger ein Weckruf sein und sie dazu zwingen, mittelfristig eine höhere Risikoprämie einzukalkulieren, zumal die Terminkurve für Rohöl im sogenannten „Contango“ liegt, der Preis für eine zukünftige Lieferung also höher ist als der Spotpreis. Dies dürfte rezessive Auswirkungen haben, wodurch die Erwartungen hinsichtlich steigender Leitzinsen wahrscheinlich zu aggressiv sind. Zudem macht die Abflachung der Zinskurven auf beiden Seiten des Atlantiks Long-Positionen weniger attraktiv und dürfte Investoren dazu veranlassen, sich auf kürzere Laufzeiten umzustellen.

Von Pierre Pincemaille, DNCA Investments, Teil von Natixis Investment Managers

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* $38 spread between the intraday high ($119.48) and low on March 9

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