Die Blockade der Meerenge von Hormus trifft nicht alle Golfstaaten gleichermaßen. Der Irak musste seine Produktion um 80 % zu drosseln, während sein Nachbar Saudi-Arabien dank seiner effizienten Infrastruktur (Ost-West-Pipeline und Lagerkapazitäten) seine Produktion nur um 25 % senken musste. Doch am schwersten trifft es Katar, dessen LNG-Exporte vollständig zum Erliegen gekommen sind, seit seine riesige Anlage in Ras Laffan angegriffen wurde. Diese Situation steht in starkem Kontrast zu der des Iran, der sein Öl weiterhin fast normal exportiert, insbesondere nach China – ein Beweis für seine vollständige Kontrolle über die Meerenge. So erklärt sich möglicherweise die umgekehrte Blockade durch die USA.
Während die Investoren als Reaktion auf die aktuellen Volumenverluste (20 % des internationalen Ölmarktes und 25 % des LNG-Marktes) den Blick auf den Öl- und Gaspreis richten, findet die eigentliche Zerrüttung weiter unten in der Wert–schöpfungskette bei den Raffinerieprodukten statt. Zur Blockade der Meerenge, durch die normalerweise das Äquivalent von 5 Mio. Barrel pro Tag an Produkten fließt (im Vergleich zum internationalen Markt von 25 Mio. Barrel pro Tag), kommt nämlich die Entscheidung Chinas hinzu, seine Exporte einzustellen, obwohl das Reich der Mitte in Asien üblicherweise ein Überschusslieferant ist. Im Einzelnen sind Kerosin, Diesel und Naphtha die Produkte, bei denen das Verhältnis von Angebot und Nachfrage am stärksten aus dem Gleichgewicht geraten ist, was zu einer erheblichen Ausweitung der Raffineriemargen führt.
Diese Situation hat bereits eine Reihe von Reaktionen auf der Nachfrageseite ausgelöst: 5 % der weltweiten Ethylenkapazität wurden in Asien stillgelegt, und mehrere Regierungen der Region haben Maßnahmen zur Einschränkung der Mobilität ergriffen. Gleiches gilt für die Fluggesellschaften der Region, die die von ihren Flotten bedienten Strecken reduzieren mussten. Die G7-Länder bleiben nicht untätig: Am 30. März fand ein Treffen der Finanz- und Energieminister der beteiligten Länder statt, doch das Ergebnis der Gespräche beschränkt sich auf die Veröffentlichung eines Textes, in dem sie ihren Willen bekräftigen, wachsam zu bleiben.
Dies gilt auch für die EZB, deren Präsidentin Christine Lagarde die Notwendigkeit einer „wachsamen“ Haltung betonte. Der Chefökonom Philip Lane verwies seinerseits auf den sog. synthetischen Preisindex, um ein Eingreifen der EZB angesichts dieses neuen Angebotsschocks zu rechtfertigen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Anleger derzeit zwei Zinserhöhungen seitens der EZB im Jahr 2026 erwarten; schließlich zeigen die jüngsten Inflationsindexes für den Euroraum bereits die ersten Auswirkungen der gestiegenen Energiepreise (+2,5 % im Jahresvergleich im März gegenüber +1,9 % im Februar).
Doch abgesehen von den direkten Auswirkungen des Preisanstiegs bei Kohlen–wasserstoffen, Düngemitteln, Helium und zuletzt Aluminium ist die zentrale Frage die nach den Zweitrundeneffekten auf die Kerninflation, die den Zentralbankern als Kompass dient, sowie deren logische Folge, die Preis-Lohn-Spirale. Für ein endgültiges Urteil zu diesem Thema ist es wohl zu früh, doch die Marktindikatoren geben in der aktuellen Unsicherheitslage einen Anhaltspunkt: Sowohl in den USA als auch in Europa deuten die Inflationserwartungen auf eine Beschleunigung in der zweiten Jahreshälfte hin, gefolgt von einem Rückgang ab Februar 2027.
Diese Situation gibt Anlass zu verschiedenen Überlegungen hinsichtlich der verschiedenen Anlageklassen. Bei Anleihen in der Eurozone berücksichtigt die Anpassung der kurzfristigen Zinsen nicht die Möglichkeit einer Rezession. Daher erscheint der 5- bis 7-jährige Abschnitt der Kurve attraktiv. Bei Aktien rückt diese x-te Ölkrise das Thema Elektrifizierung in all seinen Dimensionen (Kernkraft, Batterien, Übertragung und Verteilung…) erneut in den Fokus.
Schließlich ist Gold, das bis zum Ausbruch der Feindseligkeiten an der Spitze lag, unter dem kombinierten Einfluss der Glattstellung gewinnbringender Positionen und der Erholung des Dollars praktisch wieder auf das Niveau von Ende 2025 zurückgefallen. Das gelbe Metall dürfte nun von den Anlegern neu bewertet werden, sowohl im Falle eines „Taco“ (Trump always chickens out) als auch eines „Waco“ (Will Ayatollahs chicken out)…
Von Pierre Pincemaille, DNCA Investments, Teil von Natixis Investment Managers
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