Starke Gewinne, schmale Rally: Was die Berichtssaison wirklich zeigt

Die aktuelle Berichtssaison zeigt deutliche Unterschiede zwischen USA und Europa: Während US-Unternehmen mit starken Gewinnsteigerungen überraschen, bleibt das europäische Umsatzwachstum schwach. Pierre Pincemaille von DNCA Investments analysiert Marktbreite, KI-Investitionen und Gewinntrends. Natixis Investment Managers | 05.06.2026 07:37 Uhr
Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments / © e-fundresearch.com / Natixis IM
Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments / © e-fundresearch.com / Natixis IM

Der Kontrast ist auffällig: Auf der einen Seite steht die makroökonomische Unsicherheit im Zusammenhang mit den Preisen für fossile Energieträger, auf der anderen der ungebrochene Anstieg der Gewinne je Aktie. Die zu Ende gehende Berichtssaison ist die dynamischste seit dem Ende der Covid-Pandemie – insbesondere in den USA. Sie zeigt einmal mehr, dass die Börse nur ein Teilabbild der Realwirtschaft ist.* Das liegt nicht zuletzt an sektoralen Verzerrungen, die sich zuletzt weiter verstärkt haben.

Dass die USA in der aktuellen makroökonomischen Phase dank ihrer weitgehenden Selbstversorgung mit fossilen Energieträgern relativ gut positioniert sind, war bekannt. Die Ergebnisse der Berichtssaison gehen jedoch deutlich darüber hinaus: Ein außergewöhnlich hohes Maß an positiven Überraschungen bei den Umsätzen** in Verbindung mit verbesserten operativen Margen ermöglichte es den börsennotierten US-Unternehmen, ein Wachstum der Gewinne je Aktie von 27 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2025 auszuweisen. Erwartet hatte der Konsens lediglich 13 Prozent. Zwar waren Technologie und Grundstoffe die wichtigsten Wachstumstreiber. Zugleich verzeichneten jedoch sieben der elf großen Sektoren ein zweistelliges Wachstum. Der Pharmasektor bildete dagegen den klaren Negativausreißer: Er war der einzige Sektor mit rückläufigen Gewinnen je Aktie (-5 Prozent).

Der Technologiesektor bestätigte seine herausragende Wachstumsdynamik. Analysten und Investoren richten ihren Blick inzwischen jedoch vor allem auf das Investitionsniveau der großen KI-Akteure. Wie mittlerweile üblich, haben die Hyperscaler ihre Ausgabenziele für dieses Jahr erneut nach oben angepasst: auf 725 Milliarden US-Dollar nach zuvor angekündigten 670 Milliarden US-Dollar. Das steht in deutlichem Kontrast zu den Investitionsabsichten kleinerer Unternehmen, deren entsprechender Indikator – der NFIB Capital Expenditure Index – auf den niedrigsten Stand seit 2009 gefallen ist.

Ein weiterer Fokus der Investoren gilt angesichts seines Beitrags zum US-BIP dem Konsumenten. Auch hier bestätigte sich die bereits in den vergangenen Quartalen beschriebene K-förmige Entwicklung. Unternehmen wie Kraft Heinz, McDonald’s oder Walmart berichteten allesamt von einem veränderten Verhalten einkommensschwächerer Haushalte. Diese leiden wenig überraschend unter den höheren Benzinpreisen, zumal ihre Sparquote bereits niedrig ist. Wohlhabendere Haushalte profitieren dagegen in vollem Umfang vom Vermögenseffekt der Aktienmärkte und bleiben konsumfreudig – zumindest legen dies die Aussagen von Unternehmen aus dem Premium-Dienstleistungssegment nahe.

In Europa blieb das Umsatzwachstum der Unternehmen unter den Erwartungen (-1 Prozent). Belastend wirkten Wechselkurseffekte – insbesondere die Euro-Dollar-Parität – sowie sektorale Gewichtungen, etwa die Überrepräsentation von zyklischem Konsum und Industrie. Angesichts dieser Gegenwinde arbeiteten die Unternehmensführungen weiter an ihren Kostenbasen, um die operativen Margen zu verbessern. Dadurch konnte das Quartal mit einem respektablen Wachstum der Gewinne je Aktie von 4,5 Prozent abgeschlossen werden.

Bemerkenswert ist, dass sich das Wachstum des Bankensektors inzwischen beiderseits des Atlantiks dem Marktdurchschnitt annähert. Nach vielen Quartalen positiver Revisionen dürfte dies ein Zeichen dafür sein, dass der Konsens die wirtschaftliche Realität des Sektors mittlerweile angemessen eingepreist hat. Die US-Banken nutzten die Gelegenheit, ihre Engagements im Bereich Private Credit offenzulegen. Wells Fargo ist gemessen an der Bilanzsumme mit 36 Milliarden US-Dollar am stärksten exponiert. Über dieses idiosynkratische Risiko hinaus werden Investoren künftig jedoch vor allem auf einen möglichen Anstieg der Risikokosten achten.

Die Berichtssaison bot den Unternehmensführungen zudem Gelegenheit, ihre aktuellen Sorgen einzuordnen. Die Auswertung der Telefonkonferenzen zeigt, dass der Konflikt im Nahen Osten die KI als dominierendes Thema abgelöst hat: In Europa verwiesen 75 Prozent der Unternehmen auf Auswirkungen – sei es durch Kosteninflation, logistische Probleme oder eine schwächere Nachfrage. Dieser Hintergrund spiegelt sich auch in den täglichen Kursreaktionen auf die Veröffentlichungen wider: Die Ausschläge bei Unternehmen, die enttäuschten, fielen stärker aus als bei jenen, die positiv überraschten.

Blickt man auf die Entwicklung der Erwartungen für das Gewinnwachstum je Aktie im Jahr 2026, so haben diese seit Ausbruch des Konflikts wieder an Dynamik gewonnen. Zwei Sektoren stechen dabei besonders hervor: Energie und Halbleiter. Der Energiesektor profitiert voll vom Preisumfeld, während Halbleiter von den Investitionen der großen Technologieunternehmen getragen werden. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Kommentars erwartet der Analystenkonsens für den S&P 500 ein Wachstum der Gewinne je Aktie von 24 Prozent, wobei die Technologie mehr als die Hälfte dazu beiträgt. In Europa wird ein Gewinnwachstum von 17 Prozent erwartet, mit breiter abgestützten Beiträgen aus zyklischem Konsum, Energie und Banken.

Diese positiven Revisionen der Gewinnerwartungen haben den Aktienmärkten seit dem Tiefpunkt Ende März zu einer kräftigen Erholung verholfen und sie auf neue Höchststände geführt. Unter der Oberfläche zeigt die Analyse der Performancebeiträge jedoch eine historisch sehr geringe Marktbreite – sowohl in den USA als auch in Europa.*** Diese Konzentration der Wertentwicklung sollte umsichtige Investoren daran erinnern, wie wichtig Diversifikation für ein besseres Rendite-Risiko-Profil ihrer Portfolios ist. Zugleich gilt es in einem offenkundig inflationären Umfeld, Unternehmen ohne ausreichende Preissetzungsmacht konsequent zu meiden.

Von Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments (Teil von Natixis Investment Managers)

Weitere beliebte Meldungen:

* Realwirtschaft, im Gegensatz zu Wall Street.
** 75 Prozent positive Überraschungen, wodurch das Umsatzwachstum 10 Prozent erreichte.
*** Lediglich 28 Prozent der Unternehmen im S&P 500 haben den Markt über einen rollierenden Dreimonatszeitraum übertroffen.

Performanceergebnisse der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Investmentfonds oder Wertpapiers zu. Wert und Rendite einer Anlage in Fonds oder Wertpapieren können steigen oder fallen. Anleger können gegebenenfalls nur weniger als das investierte Kapital ausgezahlt bekommen. Auch Währungsschwankungen können das Investment beeinflussen. Beachten Sie die Vorschriften für Werbung und Angebot von Anteilen im InvFG 2011 §128 ff. Die Informationen auf www.e-fundresearch.com repräsentieren keine Empfehlungen für den Kauf, Verkauf oder das Halten von Wertpapieren, Fonds oder sonstigen Vermögensgegenständen. Die Informationen des Internetauftritts der e-fundresearch.com AG wurden sorgfältig erstellt. Dennoch kann es zu unbeabsichtigt fehlerhaften Darstellungen kommen. Eine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen kann daher nicht übernommen werden. Gleiches gilt auch für alle anderen Websites, auf die mittels Hyperlink verwiesen wird. Die e-fundresearch.com AG lehnt jegliche Haftung für unmittelbare, konkrete oder sonstige Schäden ab, die im Zusammenhang mit den angebotenen oder sonstigen verfügbaren Informationen entstehen. Das NewsCenter ist eine kostenpflichtige Sonderwerbeform der e-fundresearch.com AG für Asset Management Unternehmen. Copyright und ausschließliche inhaltliche Verantwortung liegt beim Asset Management Unternehmen als Nutzer der NewsCenter Sonderwerbeform. Alle NewsCenter Meldungen stellen Presseinformationen oder Marketingmitteilungen dar.

Melden Sie sich für den kostenlosen Newsletter an

Regelmäßige Updates über die wichtigsten Markt- und Branchenentwicklungen mit starkem Fokus auf die Fondsbranche der DACH-Region.

Der Newsletter ist selbstverständlich kostenlos und kann jederzeit abbestellt werden.