Für Zentralbanker weltweit ist das Leben wahrlich kein langer ruhiger Fluss. Kaum war ein Abklingen der Zolleffekte spürbar, da wurde das Rahmenwerk für die währungspolitischen Analysen jäh vom Konflikt in Nahost erschüttert. Die neue Herausforderung lässt sich mit „mehr Inflation, weniger Wachstum“ auf den Punkt bringen – ein Dilemma, das sich mit zunehmender Höhe der Nettoimporte an Gas und Erdöl umso misslicher darstellt. Und obschon die Unterzeichnung einer Absichtserklärung einen deutlichen Ölpreisrückgang bewirkt hat, zeigt sich gerade wieder, wie prekär Lage weiterhin. Sie zwingt die Notenbanker zur Vorsicht, und Anlegern sollte sie Anlass für einen Rückblick auf die Geldpolitik der drei wichtigsten Zentralbanken sein: der EZB, der BoJ und der Fed.
Eröffnet hat den jüngsten Sitzungsreigen die EZB, die mit einer einstimmig beschlossenen Leitzinsanhebung einmal mehr bewiesen hat, dass sie seit ihrer Gründung stets eine stärkere Aversion gegen Überschreitungen des Zwei-Prozent-Ziels hatte als gegen dessen Unterschreitung. Die böse Erinnerung an ihre verzögerte Antwort auf die Folgen der Corona-Krise hat einige ihrer Mitglieder bewogen, sich bei Ausbruch des Konflikts rasch für präventive Zinserhöhungen auszusprechen. Wobei nicht vergessen werden darf, dass sich die heutige gesamtwirtschaftliche Lage in mehreren Punkten von der damaligen unterscheidet: im weniger angespannten Arbeitsmarkt, im Fehlen eines Nachholeffekts und in den geringeren haushaltspolitischen Spielräumen. Und was aus Sicht der Ratsmitglieder am entscheidendsten gewesen sein dürfte: Auf mittlere und lange Sicht wird nicht mit einer aus dem Ruder laufenden Inflation gerechnet, was das Risiko von Zweitrundeneffekten zwischen Preisen und Gehältern begrenzt. Unter diesen Vorzeichen scheint die vom Markt für das laufende Jahr erwartete weitere Zinserhöhung angemessen.
In einem völlig anderen Zyklus befindet sich die japanische Zentralbank. Nach 25 Jahren der Deflation haben die im Nachgang der Pandemie anziehenden Preise die Bank of Japan zur Aufgabe ihrer ultralockeren Geldpolitik gezwungen. So hat sie sich jüngst dazu entschieden, ihre Leitzinsen auf 1 % heraufzusetzen, den höchsten Stand seit 1995. Dass die Notenbank eine rasche Übertragung der Preisanstiege bei fossilen Energien auf die übrigen Wirtschaftsbereiche konstatiert, deutet zudem auf eine Fortführung der geldpolitischen Normalisierung hin. Auch hier darf getrost von einem weiteren Aufwärtsschritt in diesem Jahr ausgegangen werden.
Während sich die Entscheidungen beider Banken bereits im Vorfeld ihrer Sitzungen deutlich abgezeichnet hatten, wurde die erste Zusammenkunft des FOMC** unter dem Vorsitz des neuen Präsidenten Kevin Warsh seitens der Fed watchers ausgiebig kommentiert. Beim Wettrennen um diesen Posten hatte dieser den KI-Boom als ein Phänomen dargestellt, das strukturelle Produktivitätsgewinne und damit letztlich ein höheres nichtinflationäres Wirtschaftswachstum ermöglichen könne. Seitdem ist er wieder auf seinen alten Kurs eingeschwenkt: den eines ‚Inflationsfalken‘.
Anders ausgedrückt: Die derzeitige Reaktionsfunktion des neuen Fed-Präsidenten wird eher von der Preisentwicklung als von den Trends am Arbeitsmarkt diktiert. Wohl aus diesem Grund pocht Warsh so sehr darauf, dass die US-Notenbank Preisstabilität gewährleisten muss. Allerdings wiegt beim Zinsentscheid auch sein Votum nicht schwerer als das der anderen stimmberechtigten Mitglieder. Umso aufschlussreicher ist der Blick auf die Entwicklung des dot plot: Nach der Märzsitzung befanden zwölf Mitglieder mindestens eine Zinssenkung im Jahr 2026 für notwendig; sieben bevorzugten den Status quo. Drei Monate später plädiert nur eine einzige Taube für eine Leitzinssenkung, während neun Mitglieder mindestens eine Aufwärtsanpassung als angemessen betrachten!
Abgesehen davon, dass sie die Markterwartungen im Hinblick auf Leitzinsanhebungen verändern, verschaffen diese semantische Verschiebung in den Aussagen der US-Notenbank und der Verzicht auf zukunftsgerichtete Hinweise (forward guidance***) der Fed zwar mehr Flexibilität, machen sie aber auch unberechenbarer. Hieraus dürfte sich eine erhöhte Volatilität am kurzen Ende der US-Zinskurve ergeben, dem Segment, das sich geldpolitischen Entscheidungen gegenüber besonders sensitiv zeigt.
Die Anleger haben denn auch unverzüglich auf diese veränderten Gegebenheiten reagiert und die zweijährigen US-Zinsen seit der letzten Fed-Sitzung um rund zehn Basispunkte über 4,10 % hinaus ansteigen lassen. Bei einer solchen Bear-Flattening-Konstellation*** lässt die derzeitige Steigung der amerikanischen Zinskurve keine angemessene Vergütung für Anleger zu, um das mit einer langen Duration verbundene direktionale Risiko einzugehen. Dafür aber öffnet sich mit dem Rückgang der langfristigen Breakeven-Inflation**** seit der Unterzeichnung der Absichtserklärung zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran ein Fenster für Investitionen in einem strukturell inflationären Umfeld, unabhängig von Preissprüngen am Ölmarkt…
Von Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments (Teil von Natixis Investment Managers)
*Federal Open Market Committee.
**Auf den Pressekonferenzen im Anschluss an FOMC-Sitzungen kommunizierter geldpolitischer Ausblick.
*** Ein Anstieg der Renditen, begleitet von einer Abflachung der Zinsstrukturkurve.
**** Fünf-Jahres-Inflations-Breakeven-Rate (5-Jahres-Forward).
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