Für die Vorstände der großen europäischen Banken werden die Ferien vielleicht nicht ganz so entspannend wie sonst. Schließlich beherrschen zwei große Themen ihre Szene: Die Konsolidierung im Sektor und Künstliche Intelligenz. Erstere hat jüngst auf nationaler wie europäischer Ebene eine unerwartete Wendung genommen. Letztere dürfte für eine Beschleunigung von Kostensenkungen sorgen, zugleich aber bestimmte Berufe in Bedrängnis bringen.
Jenseits der Alpen ist das Konsolidierungsgeschehen am 7. Juni in eine neue Runde gegangen. An diesem Datum hat das italienische Geldhaus Banco BPM seinem Rivalen Monte dei Paschi di Siena Gespräche über eine „Fusion auf Augenhöhe“ vorgeschlagen. Das Ziel wäre die Entstehung eines neuen italienischen Champions, der in einer Liga mit UniCredit und Intesa spielt. Diese plötzliche Heiratslust hat eine sofortige Reaktion der Großbank Intesa hervorgerufen, die in Absprache mit Unipol ein Angebot über stolze 30,6 Milliarden Euro für Banca Monte dei Paschi di Siena vorgelegt hat. Erklärtes Ziel ist eine Aufspaltung, nach der lediglich die (vormals von Mediobanca geführte) Firmenkundensparte sowie eine wertvolle Beteiligung an Generali (13 % des Kapitals) beibehalten würden, während das Privatkundengeschäft (vormals BMPS) an Unipol ginge.
Als wäre der Fall für die italienische Regierung nicht schon heikel genug, kommt noch hinzu, dass es sich beim Hauptaktionär von Banco BPM um keinen anderen als Crédit Agricole handelt und die Franzosen keinesfalls gewillt sind, sich widerstandslos ins Abseits drängen zu lassen. Zumal die Gruppe eben erst die Aufstockung ihrer Beteiligung auf 29,3 % über Käufe am Markt bekanntgegeben hat, womit sie gerade noch unter der Marke von 30 % bleibt, ab der sie zur Abgabe eines Kaufangebots über das gesamte Kapital verpflichtet wäre.
Ein nicht ganz so steiniger Weg scheint vor UniCredit in seinem Übernahmekampf um die Commerzbank zu liegen. Der Logik einer in den Worten des UniCredit-Chefs „unumgänglichen Konsolidierung“ folgend hat die italienische Bank am 8. Juli angekündigt, dass ihr bereits 17,6 % des Kapitals im Rahmen der Aktientausch-Offerte1 angedient worden seien. Rechnet man zu diesem Anteil noch die 29,99 % hinzu, die die Italiener bereits (direkt oder indirekt) an der Commerzbank halten, so kommt das von Andréa Orcel geführte Institut auf über 47 % der Stimmrechte. Und angesichts der Teilnahmequote von durchschnittlich 58 % in den letzten fünf Jahren dürfte UniCredit theoretisch beim kommenden Aktionärstreffen die Mehrheit der anwesenden Stimmen auf sich vereinen. Dies würde den Weg für eine Übernahme der Kontrolle im Aufsichtsrat ebnen, der daraufhin aller Voraussicht nach einen neuen Vorstand bestellen dürfte.
Erwartungsgemäß stemmt sich die Bundesregierung vehement gegen diesen in ihren Augen aggressiven Vorstoß. Die entscheidende Runde in diesem Ringen wird jedoch auf europäischer Ebene ausgetragen werden, wobei die EU-Kommission auf die Schaffung großer Player pocht, die im globalen Wettbewerb bestehen können. Vor diesem Hintergrund möchte sie nun ihre Regeln für Fusionen zwischen Unternehmen desselben Sektors überarbeiten.
Während das Thema Konsolidierung nur einen Teil der europäischen Akteure bewegt, ist künstliche Intelligenz ein Phänomen, dem sich keiner entziehen kann. Anfangs wurde KI von den Anlegern als fabelhaftes Werkzeug für Kostensenkungen wahrgenommen. Inzwischen aber fällt der Blick nuancierter aus, wie die jüngste Studie von Morgan Stanley belegt. Deren Analysten gehen davon aus, dass in den kommenden fünf Jahren mindestens 10 % der Beschäftigten im europäischen Bankwesen durch die KI-bedingten Produktivitätsschübe ‚ersetzt‘ werden könnten. Abfedern ließe sich dieser Trend durch die Alterspyramide, was das Risiko massiver Umstrukturierungen sowie letztlich das Ausführungsrisiko begrenzt.
Allerdings dürfte die Lernkurve nicht immer linear verlaufen, wie die Erfahrungen von Großbanken zeigen, die eine Kostenexplosion aufgrund des Verbrauchs jener tokens2 befürchten, von denen so viel die Rede ist. Um dieser Falle zu entgehen, haben BBVA und Crédit Agricole die Einrichtung einer Ad-hoc-Gesellschaft angekündigt, die die verschiedenen Geschäftsbereiche mit KI-Dienstleistungen versorgen soll.
Da sich KI in sämtliche Tätigkeiten einschleicht, stellt sich zudem die Frage nach den Risiken, die von dieser technologischen Revolution ausgehen. Wer dem Anthropic-Chef zuhört, denkt hier wohl als Erstes an das Cyberrisiko (und die mit ihm einhergehenden Kosten). Ganz konkret könnte sich jedoch das Aufkommen von Agenten zur Einlagenoptimierung als weiterer Stein im Schuh des Bankensektors entpuppen, der die Nettozinserträge in schwer quantifizierbarem Ausmaß unter Druck setzt. Umso gespannter darf man darauf sein, wie der CEO der Société Générale, der im Herbst seinen neuen Strategieplan vorstellen wird, auf diese Entwicklungen blickt.
Bis dahin bleibt festzustellen, dass sich die Kreditvergabe im Euroraum trotz der geopolitischen Spannungen blendend behauptet: Den jüngsten EZB-Zahlen zufolge haben die Kreditvolumen gegenüber dem Vormonat (+3,5 % im Mai) dank der Dynamik im Firmensegment (+4 %) leicht zugelegt. Bedenkt man, wie schwer diese Tätigkeit im Spartenmix der europäischen Player wiegt, so lässt sich hier ein hervorragendes Omen für die kommende Berichtssaison erkennen.
Dank der parallel zu den nachgebenden Ölpreisen wiedererwachten Risikobereitschaft hat sich die europäische Bankenbranche von ihrem Märztief kräftig erholt3 und liegt nun im Spitzenfeld der europäischen Sektorperformances seit Jahresbeginn. Seit diesem Aufschwung wird der Sektor nun wieder mit seinem langfristigen Durchschnitts-KGV (von 10 auf Basis der für 2027 erwarteten Gewinne) gehandelt.
Obwohl damit bereits viel Boden gutgemacht wurde, dürften zwei Argumente Anleger davon überzeugen, nach neuen Chancen in diesem Sektor Ausschau zu halten: seine relative Bewertung mit einem Abschlag oberhalb des historischen Durchschnitts (30 % gegenüber 25 % gemessen am relativen KGV) und vor allem der mit 8 % überaus großzügige Rückfluss an die Aktionäre (Dividenden und Aktienrückkäufe) zu einem Zeitpunkt, zu dem in anderen Regionen der Börsenlandschaft Cashflow in großem Stil in Investitionen gelenkt wird, deren Rentabilität noch mit großen Fragezeichen versehen ist…
Von Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments (Teil von Natixis Investment Managers)
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