Mit immer leistungsfähigerer „agentischer KI“ geht eine gigantische Steigerung der Nachfrage nach Rechenleistung einher. Während eine Anfrage an eine „generative“ KI lediglich einen punktuellen Ressourcenverbrauch nach sich zog, ist ein Agent nahezu permanent in Betrieb. Mit diesem Prozess der Inferenz steigt der zur Erledigung einer Aufgabe betriebene Arbeitsaufwand, gemessen an der Zeiteinheit GPU, rasant an, sodass die gesamte Produktionskette unter Druck gerät.
Unter diesen Vorzeichen scheinen sich Speicherchips (DRAM) zur Straße von Hormus der Tech-Branche zu entwickeln. Bei keinem anderen Produkt ist das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage stärker ausgeprägt. Bedenkt man zudem die oligopolistische Marktstruktur hinsichtlich der Herstellung, so sind sämtliche Voraussetzungen für eine Situation beispielloser Preissteigerungen erfüllt: +260 % in einem Jahr! Auch die Jumbo-CapEx-Ankündigungen1 der koreanischen Player dürfte aufgrund der zur Umsetzung ihrer Pläne benötigten Zeiträume hieran so bald nichts ändern. Am anderen Ende der Kette erwartet die Verbraucher von Apple- und Microsoft-Produkten eine gesalzene Rechnung: Sie werden um 15 bis 30 % tiefer in die Tasche greifen müssen, um auf der Xbox zu spielen oder ihre Lieblingsserien auf dem iPad zu verfolgen.
Es wurden zahlreiche mehr oder weniger alarmierende Studien zu den Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt veröffentlicht, und vermutlich wird man mehrere Jahre warten müssen, um die auf Agenten zurückzuführenden Beschäftigungsverluste mit dem gebührenden Abstand einordnen zu können. Kurzfristig plagt den Sektor ein ganz anderes Problem: der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Zu diesem Ergebnis mag auch OpenAI gekommen sein, das mit Peter Steinberger just den Gründer von OpenClaw angeworben hat. Ziel ist es, von dessen Know-how zu profitieren, um den Agenten Codex in ChatGPT einzubinden. Sein nächster Konkurrent Anthropic steht dem in nichts nach: CEO Dario Amodei hat sich seiner Überzeugungskraft bedient, um die besten Google-Talente von einem Wechsel zu überzeugen.
Anthropic-Präsidentin Daniela Amodei bringt es auf den Punkt, wenn sie KI als „eine einzigartige Mischung geopolitischer, wirtschaftlicher und politischer Fragen“ beschreibt. Womöglich in Anbetracht des wachsenden politischen Drucks hat ihr Bruder Dario einen sozialen New Deal mit einer progressiven Vermögensbesteuerung angeregt, während Sam Altman laut über die Besteuerung von Kapitalerträgen nachdenkt. Alles nur Pose oder ehrliche Überzeugung? Eines muss man diesen Vorschlägen jedenfalls lassen: Sie stehen in genauem Widerspruch zur allgemeinen Sichtweise in den Vereinigten Staaten.
Während abzuwarten bleibt, ob sich diese Ideen durchsetzen, scheint die US-Regierung ihre Doktrin ebenfalls zu überdenken. In dem Land, in dem Privateigentum über alles gestellt wird, beginnt die aktuelle Administration, den Befürwortern des Interventionismus nachzugeben, um die Kontrolle über diese strategische Technologie zu behalten: Zum Verdruss ihrer europäischen Partner hat sie unvermutet die Unterbindung des Zugangs ausländischer Nutzer zu den Anthropic-Spitzenmodellen (Mythos5 und Fable5) angekündigt, um ihre Entscheidung anschließend jedoch zurückzunehmen.
Interventionismus
Jüngst kursierte das Gerücht einer öffentlichen Beteiligung an OpenAI und Anthropic – ein Anflug von Staatskapitalismus mitten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. China als großer Rivale der Vereinigten Staaten im Wettrennen um Innovationen ist ebenfalls auf der Hut: Soeben hat Peking die Übernahme des heimischen Vorzeige-Start-ups Manus durch den amerikanischen Facebook-Konzern Meta blockiert.
Mark Zuckerbergs Unternehmen hat übrigens als erstes das heikle Thema der Monetarisierung von Infrastruktur aufgeworfen. Wie Bloomberg berichtet, sucht Meta nach Möglichkeiten, seine überschüssigen Rechenkapazitäten als Cloud-Lieferant an Dritte zu vermieten. Dies erinnert an 2022, als sich die Anleger die berechtigte Frage nach der Investitionsrendite der vom Metaverse2 verschlungenen Summen stellten.
Ob es sich nun um einen Testballon oder eine echte strategische Wende handelt – für die AI winners, die dieses Jahr das Rennen anführen, könnte dieser mögliche Kurswechsel entscheidend sein. Man kann getrost darauf wetten, dass die laufende Berichtssaison eine erste Antwort auf diese grundlegende Frage liefern wird.
Von Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments (Teil von Natixis Investment Managers)
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