Seit der Ankündigung der Seeblockade saudischer Häfen und der Angriffe der Houthis auf zwei saudische Öltanker hat sich der Schiffsverkehr im Roten Meer deutlich verlangsamt. Aline Goupil-Raguénès, Analystin beim französischen Investmenthaus Ostrum Asset Management, ist skeptisch, was die möglichen Auswege aus der Krise betrifft.
Goupil-Raguénès: „Ein Teil der saudischen Rohölexporte nach Asien könnte zwar über den Suezkanal und um das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet werden, doch dies würde die Transitzeiten erheblich verlängern – um fast vier Wochen – und die Transportkosten in die Höhe treiben. Zudem ist der Suezkanal zu flach für voll beladene Supertanker mit einer Ladekapazität von bis zu 2 Millionen Barrel Rohöl, die den Großteil der vom Terminal in Yanbu aus operierenden Tanker ausmachen. Folglich müssten diese Schiffe nur teilweise beladen fahren, um den Kanal passieren zu können, was einen weiteren wichtigen Engpass in der Lieferkette verursachen würde.“
Dass die Ölpreise derzeit nur moderat reagieren, führt sie zurück auf das Zusammenspiel mehrerer abmildernder Faktoren:
• Auf dem globalen Ölmarkt gab es vor dem Konflikt zwischen Januar und Februar ein Überangebot von fast 2 Millionen Barrel pro Tag.
• Als die Ölpreise stiegen, griffen die Volkswirtschaften zunehmend auf alternative Energiequellen zurück, darunter erneuerbare Energien und Kohle. China beispielsweise reduzierte seine Rohölimporte um fast 50 %.
• In Ländern wie den Vereinigten Staaten, Venezuela und Russland wurde mehr Öl gefördert; im Vergleich zum Niveau von 2025 um fast 2 Millionen Barrel pro Tag
• Zwischen März und Mai wurden Lagerbestände – vor allem in China – abgebaut, was zusätzliche 4,1 Millionen Barrel pro Tag besteuerte.
Doch diese Puffer gegen den Energieschock werden nach Ansicht der Analystin schwächer, weil der Spielraum bei der Nachfrage bereits ausgenutzt und die bislang ungenutzten Produktionskapazitäten bereits mobilisiert sind.
Goupil-Raguénès: „Die Freigabe von Notvorräten dauert an. Von den 400 Millionen Barrel, die von der IEA zur Verfügung gestellt wurden, haben die Mitgliedsländer bereits 290 Millionen freigegeben. Immerhin verfügen die IEA-Länder noch über beträchtliche strategische Reserven, darunter mehr als 1 Milliarde Barrel, die sich direkt im Besitz der Regierungen befinden. Doch die Versorgungslücke – bis Ende Mai hatten mehr als 1,1 Milliarden Barrel Rohöl den Markt nicht erreicht – übertrifft bereits die während der ersten Ölkrise von 1973, des Iran-Irak-Kriegs oder des Golfkriegs verzeichneten Ausfälle.“
Von Aline Goupil-Raguénès, Analystin im Strategieteam von Ostrum AM
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