Europäische Banken haben sich in diesem Jahr bereits stark entwickelt. Ist der Sektor noch attraktiv?
Die Bewertungen haben sich zwar ihrem langfristigen Durchschnitt angenähert. Gemessen an den für 2027 erwarteten Gewinnen liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis europäischer Banken aber nur bei rund 10. Der breite europäische Aktienmarkt wird dagegen mit etwa dem 13-Fachen bewertet.
Hinzu kommen Dividenden und Aktienrückkäufe mit einer Gesamtrendite von knapp 8 Prozent – fast doppelt so viel wie im europäischen Gesamtmarkt. Auch das weiterhin erhöhte Zinsniveau dürfte die Zinsüberschüsse der Banken vorerst stützen.
Was könnte die nächste Aufwärtsphase antreiben?
Entscheidend ist, dass die Banken ihr Geschäft weiter ausbauen und damit ihre hohen Ausschüttungen absichern. Die jüngsten Kreditdaten stimmen zuversichtlich: Nach Angaben der EZB lag das Kreditvolumen im Euroraum im Juni 3,4 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Kostensenkungen durch Konsolidierung und künstliche Intelligenz bieten zusätzliches Potenzial. Das sind jedoch eher mittelfristige Treiber, deren konkrete Ergebniswirkung bislang schwer abzuschätzen ist.
Wo liegen die größten Risiken?
Banken sind zyklisch. Eine deutliche Konjunkturabschwächung könnte zu höheren Kreditausfällen und Risikokosten führen. Allerdings verfügen die europäischen Institute heute über robustere Bilanzen und deutlich weniger notleidende Kredite als in früheren Krisen. Auch die jüngsten Einkaufsmanagerindizes zeigen eine ermutigende Tendenz. Geopolitische Risiken, insbesondere rund um die Straße von Hormus, bleiben jedoch relevant.
Künstliche Intelligenz dürfte trotz anfänglicher Investitionen langfristig eher Chancen bieten, da Banken viele standardisierte Prozesse automatisieren können. Auch die Konsolidierung birgt bislang überschaubare Risiken, solange sie innerhalb nationaler Märkte erfolgt. Grenzüberschreitende Übernahmen wie im Fall UniCredit und Commerzbank sind komplexer, für die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Banken aber wichtig.
Wie schneiden europäische Banken im Vergleich zu den USA und Japan ab?
Die Regionen bieten unterschiedliche Anlageargumente. Europäische Banken sind stärker im Privat- und Firmenkundengeschäft engagiert und vergleichsweise günstig bewertet. Fortschritte bei Regulierung und Konsolidierung könnten ihnen zusätzlichen Rückenwind geben.
US-Banken profitieren stärker von der hohen Aktivität an den Kapitalmärkten, sind jedoch vielfach ambitionierter bewertet. Japanische Banken wiederum gewinnen durch die Normalisierung der Geldpolitik und steigende langfristige Zinsen. Chancen gibt es damit in allen drei Regionen – allerdings aus unterschiedlichen Gründen.
Von Pierre Pincemaille, Portfoliomanager, DNCA Investments (Teil von Natixis Investment Managers)
Weitere beliebte Meldungen: