KI, Midterms und Konjunktur: So sollten sich Anleger für Ende 2026 positionieren

Jack Janasiewicz, Portfolio Manager und Stratege bei Natixis Investment Managers, erwartet für die US-Wirtschaft Ende 2026 eine Abkühlung, aber keine Rezession. Für Anleger setzt er auf eine Barbell-Strategie aus Technologie und zyklischen Value-Sektoren. Warum Midterm-Wahlen weniger wichtig sind als Gewinne und welche Chancen Europa bietet, erklärt er im Interview. Natixis Investment Managers | 09.09.2026 07:50 Uhr
Jack Janasiewicz, Portfolio Manager und Stratege bei Natixis Investment Managers / © e-fundresearch.com / Natixis Investment Managers
Jack Janasiewicz, Portfolio Manager und Stratege bei Natixis Investment Managers / © e-fundresearch.com / Natixis Investment Managers

1. Wie ist Ihr der makroökonomische Ausblick für die USA und die Weltwirtschaft im letzten Quartal 2026?

Ohne eine konkrete Prognose abgeben zu wollen, erwarten wir, dass sich die US-Wirtschaft im weiteren Verlauf des Jahres 2026 allmählich abkühlen wird. Je weiter die zweite Jahreshälfte 2026 voranschreitet, desto mehr dürften einige der Rückenwinde nachlassen, die die US-Wirtschaft in den ersten sechs Monaten gestützt haben.

Die Konsumausgaben erhielten durch Steuerrückerstattungen einen spürbaren Schub, dieser Impuls liegt nun hinter uns. Gleichzeitig geht das reale Lohnwachstum weiter zurück, was insbesondere Haushalte mit niedrigeren Einkommen zunehmend unter Druck setzen dürfte. Höhere Energiekosten sowie weiterhin hohe Lebensmittel- und Benzinpreise belasten die Verbraucher zusätzlich, wobei einkommensschwächere Haushalte die Auswirkungen stärker zu spüren bekommen.

Ein Großteil der Konsumausgaben wird ohnehin von Haushalten mit höheren Einkommen getragen. Diese profitieren nach wie vor von hohen überschüssigen Ersparnissen und Vermögenseffekten und sind daher weiterhin in der Lage, ihren Konsum aufrechtzuerhalten. Dennoch wird die zunehmende Belastung der unteren Einkommensgruppen die Konjunktur zumindest am Rande bremsen.

Auch der Arbeitsmarkt dürfte sich insgesamt weiter abkühlen. Die Einstellungsabsichten bleiben schwach, während das reale Lohnwachstum nach unten tendiert. Dies deutet darauf hin, dass am Arbeitsmarkt weiterhin ungenutzte Kapazitäten vorhanden sind. Ich würde die Lage am Arbeitsmarkt als schwach, aber dennoch als stabil bezeichnen – und weit entfernt von einer erneuten Anspannung. Das dürfte zwar kaum dazu beitragen, dass der Konsum wieder deutlich an Fahrt gewinnt, kann aber zumindest für eine gewisse Stabilisierung sorgen.

Der Immobilienmarkt bleibt weiterhin eine Belastung: Er verharrt in einer Art Stillstand und bietet kaum Aussicht auf eine Beschleunigung. Hohe Hypothekenzinsen und die geringe Erschwinglichkeit von Wohnraum bremsen die Wohnungsbauinvestitionen fort-laufend. Damit ist ein ehemals wichtiger Wachstumsmotor der US-Wirtschaft faktisch zum Stillstand gekommen.

Das verarbeitende Gewerbe hat in den vergangenen Quartalen zwar einige Lebenszeichen gezeigt, doch diese Stärke könnte sich als vorübergehend erweisen. Offenbar spielen hier vor allem Lagerbestandsentwicklungen eine Rolle. Die Unternehmen haben ihre Bestände wieder aufgefüllt – unter anderem aufgrund möglicher vorgezogener Käufe angesichts der Unsicherheit im Nahen Osten und der Sorge vor zusätzlichen Zöllen. Wie Einkaufsmanagerindizes und Logistikumfragen zeigen, wurden die Lagerbestände inzwischen wieder aufgebaut. Damit könnte die Nachfrage nach weiterer Lageraufstockung nachlassen, was künftig zu einer schwächeren Entwicklung im verarbeitenden Gewerbe führen dürfte.

Auch die Geldpolitik liefert Gegenwind: Der jüngste Anstieg der Realrenditen hat zu einer Verschärfung der Finanzierungsbedingungen geführt. Wie sich die Zinsen unter der neuen Führung der US-Notenbank entwickeln werden, bleibt abzuwarten. Aus unserer Sicht sind die Risiken für die weitere Entwicklung jedoch eher in Richtung höherer als niedrigerer Zinsen verschoben. Dies würde die Finanzierungsbedingungen künftig zusätzlich verschärfen.

Hinzu kommt, dass das Wachstum bislang auf einer relativ schmalen Basis steht. Da es zunehmend von allem getragen wird, was mit künstlicher Intelligenz zusammenhängt, läuft die Wirtschaft im Wesentlichen nur mit einem Motor. Sollte dieser Motor ins Stocken geraten, würde sich der Wachstumsausblick unmittelbar deutlich eintrüben.

Diese Belastungsfaktoren dürften zu einem langsameren Wachstum in den USA führen. Langsameres Wachstum sollte jedoch nicht mit schwachem Wachstum verwechselt werden. Vielmehr dürfte sich das Wachstum wieder seinem langfristigen Trend annähern, also einem realen BIP-Wachstum von etwa 1,7 bis 1,9 Prozent. Das wäre immer noch ausreichend, um die Wirtschaft zu stützen und das Rezessionsrisiko in Schach zu halten.

2. Midterm-Wahlen: Wie haben sich die Märkte nach früheren Wahlen entwickelt und was könnte diesmal passieren?

In den drei Monaten vor den Midterm-Wahlen haben sich die Märkte traditionell eher konsolidiert, bevor ab Ende Oktober bis zum Jahresende häufig eine Rally einsetzte. Während die Märkte in dieser Phase tendenziell seitwärts und volatil verlaufen, nimmt die Schwankungsintensität historisch betrachtet zu.

Was die Reaktion der Märkte auf den Wahlausgang betrifft, signalisieren die Prognosemärkte derzeit mit großer Deutlichkeit die Erwartung einer geteilten Regierung, eines sogenannten „divided government“. Sofern die Finanzmärkte diesem Thema Aufmerksamkeit schenken, dürfte ein solches Ergebnis inzwischen weitgehend eingepreist sein.

Historisch betrachtet hat ein „divided government“ allerdings tendenziell bessere nachfolgende Marktrenditen hervorgebracht als eine Regierung, bei der eine Partei sowohl das Präsidentenamt als auch den Kongress kontrolliert. Darüber hinaus gehörten das dritte und vierte Jahr eines US-Präsidentschaftszyklus – in diesem Fall 2027 und 2028 – in den vergangenen 50 Jahren tendenziell zu den ertragsstärksten Jahren für die Aktienmärkte.

Der mit Abstand wichtigste Faktor für die Renditen bleibt jedoch die Frage, an welchem Punkt des Konjunktur- und Gewinnzyklus wir uns befinden. Befinden sich die Märkte inmitten einer wirtschaftlichen Expansion mit starkem Gewinnwachstum, treten politische Wahlergebnisse in der Regel in den Hintergrund – Gewinne sind wichtiger als Politik.

3. Welche Strategien empfehlen sich angesichts politischer Unsicherheit und möglicher Marktvolatilität?

Wir raten unseren Kunden, an ihrem Kurs festzuhalten: Volatilität, die durch geopolitische Ereignisse ausgelöst wird, ist in der Regel von kurzer Dauer. Entscheidend ist der zugrunde liegende fundamentale makroökonomische Trend. Politische Entwicklungen haben in den meisten Fällen nur begrenzten Einfluss auf den Konjunkturzyklus. Anleger sollten daher darauf vorbereitet sein, kurzfristige Überreaktionen zu nutzen, die zu einem Ausverkauf am Markt führen. Solche Rückschläge dürften gute Gelegenheiten bieten, Positionen bei Schwäche aufzustocken.

Dabei sollte man sich vor Augen führen, dass sich die Aktienmärkte trotz der zahlreichen negativen Schlagzeilen der vergangenen Quartale auf oder nahe ihren Allzeithochs befinden. Von Zöllen über Iran bis hin zu neuen Fed-Präsidenten und dem deutlichen Rückgang bei Momentum-Aktien: Sowohl die Märkte als auch die Wirtschaft haben sich als widerstandsfähig erwiesen. Dies unterstreicht unseren zentralen Punkt: Fundamentaldaten und Unternehmensgewinne treiben die Märkte. Und beide Faktoren bleiben unterstützend. Die Politik ist meist eher ein Nebenschauplatz.

4. Wie ist der aktuelle Zustand der US-Wirtschaft – und welche Sektoren erscheinen besonders attraktiv beziehungsweise anfällig?

Wir erwarten vor dem Hintergrund eines langsameren, aber keineswegs schwachen Wachstums, dass die US-Wirtschaft widerstandsfähig bleibt und das Rezessionsrisiko vergleichsweise gering ist. Wir empfehlen weiterhin eine ausgewogene Positionierung zwischen Technologieaktien und den zyklischen Value-Bereichen des Marktes – insbesondere Gesundheitswesen, Finanzwerte, Energie und Grundstoffe. Diese Bereiche würden wir gegenüber defensiven Sektoren bevorzugen.

Den gegenwärtigen Markt würden wir als einen Rotationsmarkt bezeichnen: Anleger wechseln von einem Marktsegment in ein anderes, anstatt Aktien grundsätzlich zu verkaufen und das Kapital in Cash oder Anleihen umzuschichten. Zuletzt haben wir eine Rotation aus Teilen der KI-bezogenen Sektoren und Branchen in den breiteren Markt beobachtet – insbesondere in zyklische Value-Segmente. Ein Engagement in beiden Bereichen sorgt für eine gewisse Diversifikation und ermöglicht es Anlegern zugleich, von einer breiten Marktstärke zu profitieren – unabhängig davon, welche dieser Rotationen gerade stattfindet. Energie kann darüber hinaus als sinnvoller Portfolio-Hedge dienen, falls die Entwicklungen im Nahen Osten zu einer länger anhaltenden Volatilität führen sollten.

Wir empfehlen Anlegern zudem, ihr Portfolio genau zu überprüfen. Durch Kurssteigerungen, Neuemissionen und eine breitere Beteiligung über Unternehmen, die indirekt in zweiter oder dritter Ebene vom KI-Trend profitieren, kann der Anteil KI-bezogener Technologiewerte im Gesamtportfolio leicht deutlich größer geworden sein. Es erscheint daher sinnvoll, einen Teil dieses Engagements wieder auf ein angemesseneres Niveau zurückzuführen.

Viele Anleger fragen sich, ob der Technologie- und KI-Boom inzwischen eine Blase darstellt. Wir glauben das nicht. Dennoch sind wir der Ansicht, dass Anleger Technologieaktien mindestens entsprechend ihrer Gewichtung im Gesamtmarkt halten und den Sektor nicht untergewichten sollten. Der Gewinnausblick bleibt ausgesprochen robust, die Margen sind gesund und das Umsatzwachstum ist stark.

Die Kombination aus Technologieaktien und den genannten zyklischen Value-Sektoren schafft eine ausgewogene Barbell-Strategie. Sie sollte Anlegern sowohl dann zugutekommen, wenn sich die Umschichtung aus Technologieaktien in den breiteren Markt fortsetzt, als auch dann, wenn der Technologiesektor seine Marktführerschaft behauptet.

5. Gibt es derzeit attraktivere Märkte als die USA?

Wir bevorzugen weiterhin US-Aktien gegenüber Aktien aus anderen Regionen. Allerdings empfehlen wir, den Umfang dieser Übergewichtung zu reduzieren. Der Gedanke dahinter ähnelt der zuvor beschriebenen Strategie. Der US-Aktienmarkt weist eine starke Konzentration auf Technologie und KI auf. Sollte sich die Marktstärke auf eine breitere Basis stellen, dürfte Kapital aus Technologieaktien in stärker zyklisch geprägte Bereiche der Weltwirtschaft fließen. Davon könnten Märkte außerhalb der USA, beispielsweise Europa, profitieren.

Da sich die verschiedenen Regionen der Welt zunehmend danach unterscheiden, wie stark sie vom Technologie- und KI-Thema geprägt sind, wird es für Anleger immer wichtiger, auf eine ausgewogene und diversifizierte Positionierung zu achten. Diese Diversifikation sollte sich nicht nur auf unterschiedliche Sektoren erstrecken, sondern auch auf verschiedene Regionen.

Ein Engagement sowohl in US-amerikanischen als auch in internationalen Aktien bietet daher eine sinnvolle Mischung aus Technologie und KI auf der einen sowie dem breiteren zyklischen Wirtschaftskomplex auf der anderen Seite.

Von Jack Janasiewicz, Portfolio Manager und Stratege bei Natixis Investment Managers

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