Nachgefragt | EU-Taxonomie: Atomkraft? Jein Danke!

Die jüngste Ankündigung der EU-Kommission, Erdgas und Atomkraft im Rahmen der Taxonomie-Verordnung als grüne Energie zu klassifizieren, ist insbesondere in Deutschland und Österreich äußerst umstritten. Wie reagieren Produktanbieter, Asset Owner und Interessenverbände auf die EU-Pläne und inwiefern könnte die Akzeptanz von Taxonomie und SFDR im deutschsprachigen Raum dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden? e-fundresearch.com hat sich im Rahmen der neuesten Ausgabe von #Nachgefragt in der Fondsindustrie umgehört und dabei durchaus unterschiedliche Rückmeldungen erhalten. Funds | 20.01.2022 11:30 Uhr
© e-fundresearch.com / Canva / von den Unternehmen zur Verfügung gestellt / Canva
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e-fundresearch.com #Nachgefragt | EU-Taxonomie & Nuklearenergie: Atomkraft? Jein Danke!

Von "(...)der Widerstand gegen die Kernenergieerzeugung scheint eher auf Emotionen als auf rationalem Denken zu beruhen" bis hin zu "sollte Atomenergie den Weg in die Klasse nachhaltiger Energieträger finden, ist die Gefahr einer breiten Ablehnung der Taxonomie als Nachhaltigkeitsgrundlage für Finanzanlagen naheliegend". | Die am Silvesterabend durchgesickerte Ankündigung der EU-Kommission, Erdgas und Atomkraft im Rahmen der Taxonomie-Verordnung als grüne Energie zu klassifizieren, sorgt in Deutschland und Österreich tendenziell für Unverständnis, andernorts hingegen begrüßt man die Pläne als sinnvollen und effektiven Schritt im Kampf gegen die Klimakrise.

Um herauszufinden, welche konkreten Überlegungen hinter den jeweiligen Sichtweisen stecken und professionellen Investor:innen einen effizienten Überblick zu den unterschiedlichen Haltungen von Fondsgesellschaften gegenüber Investments in Atomkraft zu verschaffen, hat e-fundresearch.com sein Netzwerk mit folgender Fragestellung konfrontiert:

e-fundresearch.com #Nachgefragt: Die Frage der aktuellen Ausgabe

"Die jüngste Ankündigung der EU-Kommission, Erdgas und Atomkraft im Rahmen der Taxonomie-Verordnung als grüne Energie zu klassifizieren, ist insbesondere in Deutschland und Österreich äußerst umstritten. Wie steht Ihr Haus dem Streitpunkt "grüne Atomkraft" gegenüber? Und sofern es keine überraschende Kehrtwende gibt: Wie hoch schätzen Sie den Glaubwürdigkeitsverlust von SFDR & Taxonomie im deutschsprachigen Raum ein?"

Insgesamt 18 Häuser haben uns ein Statement zukommen lassen, alle erhaltenen Rückmeldungen haben wir Ihnen in der nachfolgenden Zitatgalerie unverfälscht zusammengestellt:

Zum Navigieren innerhalb der Zitatgalerie können auch die Pfeiltasten ← → eingesetzt werden, auf Mobilgeräten können Sie nach Belieben "swipen": 

Marcio da Costa, Senior Portfolio Manager SSA & Green Bonds, BANTLEON Bank AG
© Thomas Wieland

Marcio da Costa, Senior Portfolio Manager SSA & Green Bonds, BANTLEON Bank AG

Die EU-Taxonomie und die SFDR dienen primär der Kennzeichnung nachhaltiger Finanzanlagen. Auf diese Weise soll Geld in Bereiche gelenkt werden, die den Umwelt- und Klimaschutz unterstützen. Es besteht kein Zweifel an der Notwendigkeit von Atom- und Gasenergie als Brückentechnologie für den Übergang hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft. Dennoch halten wir die Subventionierung und Vermarktung als grüne Energiequelle für falsch. Wir sehen einerseits eine deutliche Gefährdung des "Do no significant harm Prinzips". Problematisch ist dabei die weiterhin ungeklärte Endlagerung radioaktiver Abfälle. Andererseits steht der Ausbau der Atomenergie mit Planungszeiträumen von mehreren Jahren bis Jahrzehnten einem raschen Umbau des Energieversorgungssystems im Weg. Die Subventionen kämen folglich zu spät zur Erzielung der Klimaneutralitätsziele. Sollte Atomenergie den Weg in die Klasse nachhaltiger Energieträger finden, ist die Gefahr einer breiten Ablehnung der Taxonomie als Nachhaltigkeitsgrundlage für Finanzanlagen naheliegend. Es dürfte sich nur eine regionale Akzeptanz in den Pro-Atom-Staaten etablieren, die sich unserer Erwartung nach nicht bis in den deutschsprachigen Raum ausdehnt.
Christoph Klein, Managing Partner, ESG Portfolio Management GmbH
© Volker Muth

Christoph Klein, Managing Partner, ESG Portfolio Management GmbH

ESG Portfolio Management schliesst Nuklearenergie weiterhin aus! Unsere Fonds sind als Artikel 9 Produkte der Offenlegungsverordnung klassifiziert. Somit ist die EU-Taxonomie eine wichtige Richtschnur für uns. Wir halten Nuklearenergie trotz der geringen CO2 Emissionen für nicht nachhaltig - aufgrund der ungeklärten Endlagerung und der möglichen Unfallgefahr. Dadurch sehen wir das wichtige "do no significant harm" Kriterium verletzt und können die Entscheidung der EU nicht nachvollziehen. Auch ökonomisch macht Nuklearenergie aus unserer Sicht wenig Sinn. Bau-, Betriebs- und Entsorgungskosten nachhaltiger erneuerbarer Energie sind mittlerweile erheblich günstiger als aktuelle Stomkraftwerke.
Vanda Kovacs-Wild, CFA, Portfoliomanagerin, Kathrein Privatbank Aktiengesellschaft
© Kathrein Privatbank AG

Vanda Kovacs-Wild, CFA, Portfoliomanagerin, Kathrein Privatbank Aktiengesellschaft

Wir bei Kathrein werden uns der Meinung der EU-Kommission, dass Atomkraft eine unterstützenswerte grüne Energie ist nicht anschließen. Wir werden unsere ESG-Investments weiterhin auf bewährten und anerkannten Zertifizierungen, wie etwa dem Österreichischen Umweltzeichen oder dem FNG Siegel ausrichten, deren Kriterien – auch in diesem Punkt – streng sind und deren Siegel die Einhaltung dieser Kriterien bestätigen. Die EU-Kommission plant mit ihrer EU-Taxonomie, dass Energie aus Erdgas und Atomkraft, unter bestimmten Bedingungen, als klimafreundlich eingestuft werden soll. Milde gesagt ist es eine Herausforderung, aber eher Wunschdenken eine einheitliche Einordnung von Geschäftsfeldern bzw. Aktivitäten in ein allgemein gültiges Klassifizierungssystem zu finden, das sich auf Europäischer Ebene mit den (Welt-)Anschauungen aller Mitgliedsländer vereinbaren lässt. Die politischen Interessen sind hier vielfältig und zum Teil gegenläufig. Der Taxonomie, die als Orientierungshilfe für Anleger dienen soll, wird es an Akzeptanz mangeln, insbesondere im deutschsprachigen Raum, wo Atomkraft kritisch und als nicht „nachhaltig“ oder „grün“ gesehen wird.
Jan Christian Sobotta, Leiter Wholesale Deutschland, Österreich & Liechtenstein, Swisscanto Asset Management International S.A.
© Jan Sobotta / Swisscanto Asset Management International S.A.

Jan Christian Sobotta, Leiter Wholesale Deutschland, Österreich & Liechtenstein, Swisscanto Asset Management International S.A.

"Wir stufen die Nukleartechnologie als nicht nachhaltig ein, da bis heute in den meisten Ländern nicht geklärt ist, wo der radioaktive Abfall endgelagert werden soll. Ausserdem besteht das Restrisiko eines radioaktiven Unfalls. Wir sind uns bewusst, dass mit Kernenergie nahezu kohlenstofffrei Strom erzeugt werden kann. Aber eine Technologie als nachhaltig zu deklarieren, die ein ungelöstes Abfallproblem hat, widerspricht der nachhaltigen Entwicklung."
Robert Balázs, Referent Regulatorik & Recht, FNG – Forum Nachhaltige Geldanlagen
© FNG – Forum Nachhaltige Geldanlagen

Robert Balázs, Referent Regulatorik & Recht, FNG – Forum Nachhaltige Geldanlagen

Das FNG hat sich bereits im August 2021 in einem Offenen Brief gegen die Aufnahme von Atomkraft in die EU-Taxonomie ausgesprochen. Renommierte ehemalige Leiter von internationalen Atomaufsichtsbehörden und das entsprechende Communiqué vom 06.01.2022 macht nochmal deutlich, dass Hoffnungen auf eine neue, saubere, sichere und billige Generation der Kernenergie noch Fiktion ist. Eine grüne Klassifizierung von Atom aber auch von Erdgas würde die europäischen Bestrebungen unnötig untergraben, einen internationalen Maßstab für einen glaubwürdigen, wissenschaftlich fundierten Standard zur Klassifizierung ökologisch nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten zu setzen. Weiterhin sehen wir die Gefahr, dass Kapitalflüsse in Aktivitäten gelenkt werden, die nicht mit den Pariser Klimazielen und dem Green Deal vereinbar sind. Dabei ist die Taxonomie für Investoren:innen entscheidend, um ihre Investitionsentscheidungen und Portfolios auf Net-Zero-Strategien ausrichten zu können. Es ist davon auszugehen, dass die Granularität von nachhaltigkeitsbezogenen Produktoffenlegungen unter der SFDR ebenfalls zunehmen wird, die bei Anlageentscheidungen für weitere Verunsicherung sorgen könnte.
Florian Hauer, ESG-Verantwortlicher, KEPLER-FONDS Kapitalanlagegesellschaft
© KEPLER-FONDS KAG

Florian Hauer, ESG-Verantwortlicher, KEPLER-FONDS Kapitalanlagegesellschaft

Auch wenn einige Länder der Nuklearenergie eine gewisse Rolle in der Energiewende zugestehen, lehnen wir auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und unserer Diskussionen im KEPLER Ethikbeirat und im KEPLER Energiebeirat die Aufnahme von Atomkraft in die EU-Taxonomie ab. Bei unseren strengen KEPLER ESG Fonds (KEPLER Ethik Fonds, KEPLER Umwelt Aktienfonds), aber auch bei unserem jüngsten Art. 8 ESG Fonds, dem KEPLER D-A-CH Plus Aktienfonds, werden wir auch weiterhin Produzenten von Atomstrom und Uran aus dem Anlageuniversum ausschließen. Sofern es keine überraschende Kehrtwende gibt, denken wir, dass die Glaubwürdigkeit der EU-Taxonomie (und des darauf später mal aufbauenden "EU Ecolabel" für Finanzprodukte) im deutschsprachigen Raum unten den letzten Entwicklungen leiden wird und die klassischen Nachhaltigkeits-Siegel (wie das Österreichische Umweltzeichen oder das FNG-Siegel) Auftrieb bekommen werden, da bei diesen Atomenergie als Mindest-Ausschlusskriterium definiert ist.
Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance, Deka Investment
© Deka

Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance, Deka Investment

Vorerst fokussiert sich die EU-Taxonomie auf die Felder Klimawandel und Klimaschutz. Damit ist sie zu eng ausgerichtet, um am breiten Kapitalmarkt Beachtung zu finden. Wegen der potenziellen Aufnahme von Unternehmen aus dem Gas- und Atomenergie, wird die Taxonomie zudem politisch aufgeladen und durch diese Industriepolitik Glaubwürdigkeit verspielt. Die Betreiber von Atomenergie verletzen den Grundsatz der Vereinten Nationen, nicht auf Kosten künftiger Generationen zu handeln. Richtig ist zwar, dass die Gewinnung von Atomenergie CO2 arm stattfindet, die Endlagerung der Brennstäbe jedoch weiterhin ungeklärt ist und damit auf die künftigen Generationen verlagert wird. Mit der Taxonomie werden es Unternehmen aus den Bereichen Atom und Gas am Kapitalmarkt leichter haben, potenzielle Investoren für sich zu gewinnen. Was zur Konsequenz hat, dass Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien zum Wettbewerber der Atomenergie gemacht werden, anstatt der Wettwerber um das Kapital innerhalb der Branche der Erneuerbaren Energie stattfindet.
Marco Meijer, Portfolio Manager für Fixed Income, Mediolanum International Funds Ltd.
© Mediolanum International Funds Ltd.

Marco Meijer, Portfolio Manager für Fixed Income, Mediolanum International Funds Ltd.

Für alle ist es von großer Bedeutung, dass die Länder die Treibhausgasemissionen reduzieren. Aus diesem Grund können wir uns bei der Energieerzeugung nicht allein auf erneuerbare Energien wie Wind, Sonne oder Wasserkraft verlassen. Die EU hat mit einer Einstufung von Kernkraft als „grün“ eine sehr pragmatische Entscheidung getroffen. Erdgas ist zwar umweltfreundlicher als Kohle, macht Europa aber von Lieferanten außerhalb der EU, vor allem aus dem Osten, abhängig. Auch Kernenergie ist nicht unproblematisch, aber angesichts der Emissionen und der Lieferabhängigkeit dem Erdgas vorzuziehen. In vielen Fällen könnten anstelle von Kohlekraftwerken Kernkraftwerke gebaut werden. Dem stand bislang der NIMBY-ism („Not in my backyard“) im Weg. Das Äquivalent im Deutschen wäre das Sankt-Florian-Prinzip. Der Widerstand gegen die Kernenergieerzeugung scheint eher auf Emotionen als auf rationalem Denken zu beruhen. Wenn die Politik die Gründe für diese Einstufung gut erklärt, werden die Menschen in den deutschsprachigen Ländern akzeptieren, dass diese Lösung die derzeit beste Alternative ist.
Dr. Christian Schärer, Partner & Portfoliomanager des uranium resources fund, Incrementum AG
© Incrementum AG

Dr. Christian Schärer, Partner & Portfoliomanager des uranium resources fund, Incrementum AG

Mit Blick auf die Klimapolitik stufen wir den Entscheid als sinnvollen realpolitischen Kompromiss ein. Er trägt den unterschiedlichen energiepolitischen Präferenzen innerhalb der Union Rechnung. Zudem nimmt die Kommission zur Kenntnis, dass bis auf weiteres nicht auf CO2-arm produzierte, 7x24 verfügbare Grundlast im Stromnetz verzichtet werden kann. Trotz aller Kontroversen: Gewinner ist auch das Klima, denn AKWs produzieren Strom nahezu CO2-neutral und Gaskraftwerke setzen deutlich weniger Treibhausgase frei als Kohlekraftwerke. Zudem sind die Kriterien für diese „grünen“ Investitionen restriktiv formuliert. Sie müssen nachweislich dem Übergang zur Klimaneutralität dienen. Dank dem grünen Stempel profitieren Atom- und Gaskraftwerke künftig von Konjunkturprogrammen und staatlichen Beihilfen. Auch Investorengelder lassen sich einfacher anzapfen. Wir erwarten, dass damit die Modernisierung von bestehenden AKWs mit dem Ziel der Laufzeitenverlängerung einfacher gelingt. Zahlreiche neue Projekte für den Bau von Reaktoren der aktuellen Generation erwarten hingegen nicht. Mehr Potential sehen wir für neue Reaktorkonzepte, die sicherer, flexibler und günstiger sind als die aktuelle AKW-Generation.
Isobel Edwards, Investment Analyst Green Bonds, NN Investment Partners
© NN Investment Partners

Isobel Edwards, Investment Analyst Green Bonds, NN Investment Partners

Das Green-Bond-Team von NN Investment Partners (NN IP) hat eine lange ESG-Historie – bereits bevor dieser Begriff überhaupt geprägt wurde. Unabhängig der Ankündigungen der EU werden wir unsere Impact-Bonds-Strategien nicht anpassen. Es dürfte sich allerdings auf Fonds und Unternehmen auswirken, die bisher nicht der Taxonomie entsprachen. Diese können nun ein Label nach Artikel 8 oder Artikel 9 erhalten oder eine grüne Anleihe emittieren. Die Ankündigung wird also die größten Auswirkungen auf diese sich an der Grenze der Nachhaltigkeit befindlichen Fonds/Unternehmen haben. Grüne Investoren wie NN IP werden jedoch in ihren Impact-Strategien weiterhin die gleiche Anlagepolitik bei Kernkraft verfolgen. Nach den Unterschriftsaktionen von NGOs in Deutschland und der Erklärung des neuen deutschen Umweltministers zu urteilen, ist dieses Ergebnis aufgrund des Signals, das es diesen Branchen gibt, enttäuschend. Auch wenn die deutsche Öffentlichkeit die EU-Taxonomie mangels Glaubwürdigkeit in Frage stellen mag, bietet sie für die jeweiligen Sektoren eine hervorragende Orientierungshilfe. Umsichtige Investoren werden weiterhin die zuverlässigsten Kategorien der EU-Taxonomie auswählen.
Alix Chosson, Lead ESG Analyst, Candriam
© Candriam

Alix Chosson, Lead ESG Analyst, Candriam

Von einem wissenschaftlichen Konsens sind wir jetzt zu einem politischen Kompromiss übergegangen. Wir glauben, dass damit ein mehrstufiger Ansatz für die Taxonomie geschaffen wird, der letztlich das grundlegende Ziel der EU-Agenda für nachhaltige Finanzen beeinträchtigen könnte: mehr Transparenz und eine gemeinsame Sprache darüber zu schaffen, was grün und nachhaltig bedeutet. Sowohl Kernkraft als auch Gas werden als Übergang gekennzeichnet, und die Einbeziehung wird sehr unterschiedlich begründet: Kernenergie produziert sehr wenig CO2, bringt aber andere Probleme mit sich. Gas gilt als Übergangsenergie, die die CO2-Menge reduzieren könnte, wenn sie fossile Brennstoffe wie thermische Kohle verdrängt und wenn hochmoderne Gas- und Dampfturbinenkraftwerke unter strengen Bedingungen betrieben werden. Der aktuelle energiepolitische Kontext hat bei diesem Kompromiss eine große Rolle gespielt: Dieser Wandel geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem Europa mit rekordverdächtig hohen Energiepreisen zu kämpfen hat, die die Regierungen und EU-Institutionen unter Druck setzen, die Erschwinglichkeit und Versorgungssicherheit zu schützen, während sie gleichzeitig ihre grüne Agenda umsetzen.
Sandra Crowl, Stewardship Director, Carmignac
© Carmignac

Sandra Crowl, Stewardship Director, Carmignac

Stromerzeuger, die ihre Emissionen nicht reduzieren, um den Temperaturanstieg geringer als 2°C zu halten, schließt Carmignac aus, ebenso Atom- oder Gaskraftwerke, die keine glaubwürdigen Anstrengungen in diese Richtung unternehmen. Wenn nationale Standards oder die Richtlinien der Kunden es verlangen, wenden wir zudem auch strengere Screening-Verfahren für Atom- und Gaskraftunternehmen an oder schließen sie aus. Strukturelle Ausstoßsenkungen in allen Unternehmensbereichen kosten Zeit. Und die nötigen Prozesse und technologischen Lösungen, aber auch alternative Energien, sind möglicherweise nicht schnell genug verfügbar, auch wenn wir sie fördern. Mit Übergangslösungen und einer Übergangszeit vermeiden wir Unterbrechungen der Energieversorgung und einen Anstieg der Energiekosten. Mit klaren Endterminen und genauen Leistungsschwellen oder Bedingungen, wie z. B. nur zeitlich begrenzten Genehmigungen für Kernenergie, bleiben einige Garantien für einen stufenweisen Ansatz bestehen. Länder, die sich von sehr umweltschädlichen Energiequellen wie Kohle verabschieden müssen, können so reibungslos zu nachhaltigeren erneuerbaren oder emissionsarmen Energiequellen übergehen.
Louis Larere, Co-Portfoliomanager des iMGP Sustainable Europe Fund, Zadig
© iMGP/Zadig

Louis Larere, Co-Portfoliomanager des iMGP Sustainable Europe Fund, Zadig

Die EU hatte schon immer eine Vorliebe für Bürokratie und Berichterstattung. Ab 2022 sollen Vermögensverwalter ihre Ausrichtung an einer europäischen Taxonomie offenlegen, die noch nicht vollständig definiert ist, während Unternehmen ihre Daten erst 2023 melden müssen, was zu einer Berichterstattungspflicht ohne verbindliche Regeln und ohne verfügbare Daten führt. Während das hehre Ziel dieser EU-Taxonomie darin besteht, Investitionen in "grüne" Aktivitäten zu lenken und die Energiewende zu beschleunigen, ist sie nicht sehr glaubwürdig. Dazu kommt die Debatte darüber, was grün bedeutet: Kernenergie hat eine hohe Energiedichte und erzeugt wenig CO2, dafür aber tödliche Strahlung und problematische Abfälle. Die mangelnde Glaubwürdigkeit dieser Taxonomie liegt hier auch im Zeitrahmen für Nuklearprojekte, der unrealistisch kurz gewählt ist. Gas wird wahrscheinlich niemals sauber sein, da es CO2 ausstößt und Technologien zur Kohlenstoffabscheidung noch nicht glaubwürdig sind, aber Gas ist im Moment notwendig, um a) Kohle zu ersetzen und b) die europäischen Energiesysteme auszubalancieren, um Energiekrisen, Inflationsspiralen und damit verbundene politische Risiken zu vermeiden.
Robert Schlichting, Head of Business Development, Lombard Odier Investment Managers
© Lombard Odier IM

Robert Schlichting, Head of Business Development, Lombard Odier Investment Managers

Was die Einbeziehung von Kernkraft betrifft, versuchen die Befürworter aktuell nicht, die Bedenken hinsichtlich der Sicherheit und der nuklearen Abfälle zu zerstreuen. Sondern sie sind der Auffassung, dass die Risiken des Klimawandels und der Luftverschmutzung heute zu groß sind, um eine kohlenstoffarme Energiequelle auszuschließen. Was uns allerdings überrascht, ist die Einbeziehung von Gas. Gas mag eine vorübergehende Rolle als Übergangstechnologie spielen, aber auf dieser Grundlage sollte Gas eher als "weniger braun" und nicht als "grün" eingestuft werden - was die Taxonomie ja zu definieren versucht. Aus unserer Sicht kann keiner dieser beiden Ansätzen, Taxonomie und SFDR, als das Maß aller Dinge angesehen werden, was nachhaltige Investitionen ausmacht. Unserer Meinung nach sind sie nicht für die Analyse von Übergangsindustrien geeignet, wie etwa Unternehmen aus der Stahl-, Zement- oder Chemieindustrie, die heute zwar einen hohen Kohlenstoffanteil haben, sich aber auf einem glaubwürdigen Weg der Dekarbonisierung befinden. Wir sind eher der Meinung, dass diese Regelwerke durch ein umfassenderes und zukunftsorientiertes Verständnis von Nachhaltigkeit ergänzt werden sollten.
Hector McNeil, Mitgründer und Co-CEO, White-Lable ETF Plattform HANetf
© HANetf

Hector McNeil, Mitgründer und Co-CEO, White-Lable ETF Plattform HANetf

Es ist und bleibt eine Herausforderung grüne Energie zu definieren und Themen wie Atomenergie werden immer für hitzige Diskussionen sorgen, wie die Kontroverse über die jüngste Ankündigung der EU-Kommission zeigt. Wir sind der Meinung, dass die SFDR-Taxonomie zwar weiterhin ein nützlicher Indikator für Anleger bleibt, um festzustellen, wie umweltfreundlich ein Investmentfonds ist, aber gleichzeitig stellt sie nur die Basis für weitere Analysen dar. Anleger mit besonderen Bedenken gegenüber bestimmten Energieformen werden sich immer sehr ausführlich mit einem Fonds befassen müssen, um sicherzustellen, dass er mit ihren Ansichten und Werten übereinstimmt. Die SFDR-Taxonomie ist also nur der Beginn einer Reise. Anleger sollten Fonds mit hohen SFDR-Ratings als Ausgangspunkt nutzen, um dann anhand eigener Präferenzen das passende Wunschinvestment zu finden.
Jean-Jacques Barbéris, Head of Institutional and Corporate Clients Coverage, Amundi
© ©Magali Delporte

Jean-Jacques Barbéris, Head of Institutional and Corporate Clients Coverage, Amundi

Amundi hat die Taxonomy von Anfang an sehr unterstützt. Die Branche braucht Referenzen, die von allen Akteuren geteilt werden. Wir glauben, dass die Taxonomie das Hauptkriterium sein wird, auf das Investoren achten werden, wenn die Verordnung in Kraft tritt. Wir werden uns an die neue Regelung anpassen, unabhängig davon, ob die Europäische Kommission beschließt, Gas und Atomkraft in die Taxonomie aufzunehmen oder nicht. Wir richten uns nach den Gesetzen und halten uns an die Beschlüsse der Regulierungsbehörden. Allerdings passen wir die ESG-Fonds an die Anlegerwünsche und Nachhaltigkeitslabels in den Märkten an, in denen wir tätig sind.
Dr. Oliver Pfeil, Sprecher der Geschäftsführung und Chief Investment Officer, EB – Sustainable Investment Management (EB-SIM)
© EB-SIM

Dr. Oliver Pfeil, Sprecher der Geschäftsführung und Chief Investment Officer, EB – Sustainable Investment Management (EB-SIM)

Die durch die EU-Kommission geplante Aufnahme von Atomenergie in die EU-Taxonomie schlägt hohe Wellen und wird kontrovers diskutiert. Als Vorreiter auf dem Gebiet für nachhaltiges Investieren folgen wir unserem eigenen Nachhaltigkeitsverständnis und klassifizieren Atomenergie als nicht nachhaltig, da zu hohe Sicherheitsrisiken bestehen und die Frage nach einem Endlager weiterhin nicht gelöst ist. So investieren wir auch konsequenterweise in unseren Impact-Fonds, wie z.B. dem EB-Öko-Aktienfonds, nicht in Unternehmen, die Atomstrom produzieren. Nach aktuellem Stand wird es also trotz Einführung der EU-Taxonomie für Investoren darauf ankommen, einen Asset-Manager auszuwählen, der glaubwürdig eine passende Nachhaltigkeitsstrategie verfolgt.
Walter Hatak, Head of Responsible Investments, Erste Asset Management
© Erste Asset Management

Walter Hatak, Head of Responsible Investments, Erste Asset Management

Das große mediale Interesse an den Kriterien der EU Taxonomie und der Einsatz höchster politischer Entscheidungsträger in der EU zeigt einen deutlichen Sinneswandel hinsichtlich der Bedeutung und des Einflusses nachhaltiger Investoren. Dieser Sinneswandel, dass nachhaltige Investoren ernst zu nehmen sind, ist gut begründet. Studien gehen davon aus, dass durch die Integration von Atomenergie in der EU Taxonomie deren Finanzierungskosten aufgrund der großen dahinterliegenden Kapitalströme spürbar reduzieren könnte und damit die Kosten von Atomstrom und dessen Wettbewerbsfähigkeit erhöhen würde. Selbst wenn Atomenergie in die EU-Taxonomie aufgenommen wird, bedeutet dies nicht automatisch , dass nachhaltige Investoren ihre zuvor getroffene ESG-Einschätzung zu Atomenergie revidieren. Kund:Innen der Erste Asset Management können sich jedenfalls sicher sein, dass in jenen nachhaltigen Fonds, wo Atomenergie schon bisher ausgeschlossen wurde, dies unabhängig von der EU Taxonomie auch so bleiben wird.

Marcio da Costa, Senior Portfolio Manager SSA & Green Bonds, BANTLEON Bank AG
© Thomas Wieland

Marcio da Costa, Senior Portfolio Manager SSA & Green Bonds, BANTLEON Bank AG

Die EU-Taxonomie und die SFDR dienen primär der Kennzeichnung nachhaltiger Finanzanlagen. Auf diese Weise soll Geld in Bereiche gelenkt werden, die den Umwelt- und Klimaschutz unterstützen. Es besteht kein Zweifel an der Notwendigkeit von Atom- und Gasenergie als Brückentechnologie für den Übergang hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft. Dennoch halten wir die Subventionierung und Vermarktung als grüne Energiequelle für falsch. Wir sehen einerseits eine deutliche Gefährdung des "Do no significant harm Prinzips". Problematisch ist dabei die weiterhin ungeklärte Endlagerung radioaktiver Abfälle. Andererseits steht der Ausbau der Atomenergie mit Planungszeiträumen von mehreren Jahren bis Jahrzehnten einem raschen Umbau des Energieversorgungssystems im Weg. Die Subventionen kämen folglich zu spät zur Erzielung der Klimaneutralitätsziele. Sollte Atomenergie den Weg in die Klasse nachhaltiger Energieträger finden, ist die Gefahr einer breiten Ablehnung der Taxonomie als Nachhaltigkeitsgrundlage für Finanzanlagen naheliegend. Es dürfte sich nur eine regionale Akzeptanz in den Pro-Atom-Staaten etablieren, die sich unserer Erwartung nach nicht bis in den deutschsprachigen Raum ausdehnt.
Christoph Klein, Managing Partner, ESG Portfolio Management GmbH
© Volker Muth

Christoph Klein, Managing Partner, ESG Portfolio Management GmbH

ESG Portfolio Management schliesst Nuklearenergie weiterhin aus! Unsere Fonds sind als Artikel 9 Produkte der Offenlegungsverordnung klassifiziert. Somit ist die EU-Taxonomie eine wichtige Richtschnur für uns. Wir halten Nuklearenergie trotz der geringen CO2 Emissionen für nicht nachhaltig - aufgrund der ungeklärten Endlagerung und der möglichen Unfallgefahr. Dadurch sehen wir das wichtige "do no significant harm" Kriterium verletzt und können die Entscheidung der EU nicht nachvollziehen. Auch ökonomisch macht Nuklearenergie aus unserer Sicht wenig Sinn. Bau-, Betriebs- und Entsorgungskosten nachhaltiger erneuerbarer Energie sind mittlerweile erheblich günstiger als aktuelle Stomkraftwerke.
Vanda Kovacs-Wild, CFA, Portfoliomanagerin, Kathrein Privatbank Aktiengesellschaft
© Kathrein Privatbank AG

Vanda Kovacs-Wild, CFA, Portfoliomanagerin, Kathrein Privatbank Aktiengesellschaft

Wir bei Kathrein werden uns der Meinung der EU-Kommission, dass Atomkraft eine unterstützenswerte grüne Energie ist nicht anschließen. Wir werden unsere ESG-Investments weiterhin auf bewährten und anerkannten Zertifizierungen, wie etwa dem Österreichischen Umweltzeichen oder dem FNG Siegel ausrichten, deren Kriterien – auch in diesem Punkt – streng sind und deren Siegel die Einhaltung dieser Kriterien bestätigen. Die EU-Kommission plant mit ihrer EU-Taxonomie, dass Energie aus Erdgas und Atomkraft, unter bestimmten Bedingungen, als klimafreundlich eingestuft werden soll. Milde gesagt ist es eine Herausforderung, aber eher Wunschdenken eine einheitliche Einordnung von Geschäftsfeldern bzw. Aktivitäten in ein allgemein gültiges Klassifizierungssystem zu finden, das sich auf Europäischer Ebene mit den (Welt-)Anschauungen aller Mitgliedsländer vereinbaren lässt. Die politischen Interessen sind hier vielfältig und zum Teil gegenläufig. Der Taxonomie, die als Orientierungshilfe für Anleger dienen soll, wird es an Akzeptanz mangeln, insbesondere im deutschsprachigen Raum, wo Atomkraft kritisch und als nicht „nachhaltig“ oder „grün“ gesehen wird.
Jan Christian Sobotta, Leiter Wholesale Deutschland, Österreich & Liechtenstein, Swisscanto Asset Management International S.A.
© Jan Sobotta / Swisscanto Asset Management International S.A.

Jan Christian Sobotta, Leiter Wholesale Deutschland, Österreich & Liechtenstein, Swisscanto Asset Management International S.A.

"Wir stufen die Nukleartechnologie als nicht nachhaltig ein, da bis heute in den meisten Ländern nicht geklärt ist, wo der radioaktive Abfall endgelagert werden soll. Ausserdem besteht das Restrisiko eines radioaktiven Unfalls. Wir sind uns bewusst, dass mit Kernenergie nahezu kohlenstofffrei Strom erzeugt werden kann. Aber eine Technologie als nachhaltig zu deklarieren, die ein ungelöstes Abfallproblem hat, widerspricht der nachhaltigen Entwicklung."
Robert Balázs, Referent Regulatorik & Recht, FNG – Forum Nachhaltige Geldanlagen
© FNG – Forum Nachhaltige Geldanlagen

Robert Balázs, Referent Regulatorik & Recht, FNG – Forum Nachhaltige Geldanlagen

Das FNG hat sich bereits im August 2021 in einem Offenen Brief gegen die Aufnahme von Atomkraft in die EU-Taxonomie ausgesprochen. Renommierte ehemalige Leiter von internationalen Atomaufsichtsbehörden und das entsprechende Communiqué vom 06.01.2022 macht nochmal deutlich, dass Hoffnungen auf eine neue, saubere, sichere und billige Generation der Kernenergie noch Fiktion ist. Eine grüne Klassifizierung von Atom aber auch von Erdgas würde die europäischen Bestrebungen unnötig untergraben, einen internationalen Maßstab für einen glaubwürdigen, wissenschaftlich fundierten Standard zur Klassifizierung ökologisch nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten zu setzen. Weiterhin sehen wir die Gefahr, dass Kapitalflüsse in Aktivitäten gelenkt werden, die nicht mit den Pariser Klimazielen und dem Green Deal vereinbar sind. Dabei ist die Taxonomie für Investoren:innen entscheidend, um ihre Investitionsentscheidungen und Portfolios auf Net-Zero-Strategien ausrichten zu können. Es ist davon auszugehen, dass die Granularität von nachhaltigkeitsbezogenen Produktoffenlegungen unter der SFDR ebenfalls zunehmen wird, die bei Anlageentscheidungen für weitere Verunsicherung sorgen könnte.
Florian Hauer, ESG-Verantwortlicher, KEPLER-FONDS Kapitalanlagegesellschaft
© KEPLER-FONDS KAG

Florian Hauer, ESG-Verantwortlicher, KEPLER-FONDS Kapitalanlagegesellschaft

Auch wenn einige Länder der Nuklearenergie eine gewisse Rolle in der Energiewende zugestehen, lehnen wir auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und unserer Diskussionen im KEPLER Ethikbeirat und im KEPLER Energiebeirat die Aufnahme von Atomkraft in die EU-Taxonomie ab. Bei unseren strengen KEPLER ESG Fonds (KEPLER Ethik Fonds, KEPLER Umwelt Aktienfonds), aber auch bei unserem jüngsten Art. 8 ESG Fonds, dem KEPLER D-A-CH Plus Aktienfonds, werden wir auch weiterhin Produzenten von Atomstrom und Uran aus dem Anlageuniversum ausschließen. Sofern es keine überraschende Kehrtwende gibt, denken wir, dass die Glaubwürdigkeit der EU-Taxonomie (und des darauf später mal aufbauenden "EU Ecolabel" für Finanzprodukte) im deutschsprachigen Raum unten den letzten Entwicklungen leiden wird und die klassischen Nachhaltigkeits-Siegel (wie das Österreichische Umweltzeichen oder das FNG-Siegel) Auftrieb bekommen werden, da bei diesen Atomenergie als Mindest-Ausschlusskriterium definiert ist.
Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance, Deka Investment
© Deka

Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance, Deka Investment

Vorerst fokussiert sich die EU-Taxonomie auf die Felder Klimawandel und Klimaschutz. Damit ist sie zu eng ausgerichtet, um am breiten Kapitalmarkt Beachtung zu finden. Wegen der potenziellen Aufnahme von Unternehmen aus dem Gas- und Atomenergie, wird die Taxonomie zudem politisch aufgeladen und durch diese Industriepolitik Glaubwürdigkeit verspielt. Die Betreiber von Atomenergie verletzen den Grundsatz der Vereinten Nationen, nicht auf Kosten künftiger Generationen zu handeln. Richtig ist zwar, dass die Gewinnung von Atomenergie CO2 arm stattfindet, die Endlagerung der Brennstäbe jedoch weiterhin ungeklärt ist und damit auf die künftigen Generationen verlagert wird. Mit der Taxonomie werden es Unternehmen aus den Bereichen Atom und Gas am Kapitalmarkt leichter haben, potenzielle Investoren für sich zu gewinnen. Was zur Konsequenz hat, dass Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien zum Wettbewerber der Atomenergie gemacht werden, anstatt der Wettwerber um das Kapital innerhalb der Branche der Erneuerbaren Energie stattfindet.
Marco Meijer, Portfolio Manager für Fixed Income, Mediolanum International Funds Ltd.
© Mediolanum International Funds Ltd.

Marco Meijer, Portfolio Manager für Fixed Income, Mediolanum International Funds Ltd.

Für alle ist es von großer Bedeutung, dass die Länder die Treibhausgasemissionen reduzieren. Aus diesem Grund können wir uns bei der Energieerzeugung nicht allein auf erneuerbare Energien wie Wind, Sonne oder Wasserkraft verlassen. Die EU hat mit einer Einstufung von Kernkraft als „grün“ eine sehr pragmatische Entscheidung getroffen. Erdgas ist zwar umweltfreundlicher als Kohle, macht Europa aber von Lieferanten außerhalb der EU, vor allem aus dem Osten, abhängig. Auch Kernenergie ist nicht unproblematisch, aber angesichts der Emissionen und der Lieferabhängigkeit dem Erdgas vorzuziehen. In vielen Fällen könnten anstelle von Kohlekraftwerken Kernkraftwerke gebaut werden. Dem stand bislang der NIMBY-ism („Not in my backyard“) im Weg. Das Äquivalent im Deutschen wäre das Sankt-Florian-Prinzip. Der Widerstand gegen die Kernenergieerzeugung scheint eher auf Emotionen als auf rationalem Denken zu beruhen. Wenn die Politik die Gründe für diese Einstufung gut erklärt, werden die Menschen in den deutschsprachigen Ländern akzeptieren, dass diese Lösung die derzeit beste Alternative ist.
Dr. Christian Schärer, Partner & Portfoliomanager des uranium resources fund, Incrementum AG
© Incrementum AG

Dr. Christian Schärer, Partner & Portfoliomanager des uranium resources fund, Incrementum AG

Mit Blick auf die Klimapolitik stufen wir den Entscheid als sinnvollen realpolitischen Kompromiss ein. Er trägt den unterschiedlichen energiepolitischen Präferenzen innerhalb der Union Rechnung. Zudem nimmt die Kommission zur Kenntnis, dass bis auf weiteres nicht auf CO2-arm produzierte, 7x24 verfügbare Grundlast im Stromnetz verzichtet werden kann. Trotz aller Kontroversen: Gewinner ist auch das Klima, denn AKWs produzieren Strom nahezu CO2-neutral und Gaskraftwerke setzen deutlich weniger Treibhausgase frei als Kohlekraftwerke. Zudem sind die Kriterien für diese „grünen“ Investitionen restriktiv formuliert. Sie müssen nachweislich dem Übergang zur Klimaneutralität dienen. Dank dem grünen Stempel profitieren Atom- und Gaskraftwerke künftig von Konjunkturprogrammen und staatlichen Beihilfen. Auch Investorengelder lassen sich einfacher anzapfen. Wir erwarten, dass damit die Modernisierung von bestehenden AKWs mit dem Ziel der Laufzeitenverlängerung einfacher gelingt. Zahlreiche neue Projekte für den Bau von Reaktoren der aktuellen Generation erwarten hingegen nicht. Mehr Potential sehen wir für neue Reaktorkonzepte, die sicherer, flexibler und günstiger sind als die aktuelle AKW-Generation.
Isobel Edwards, Investment Analyst Green Bonds, NN Investment Partners
© NN Investment Partners

Isobel Edwards, Investment Analyst Green Bonds, NN Investment Partners

Das Green-Bond-Team von NN Investment Partners (NN IP) hat eine lange ESG-Historie – bereits bevor dieser Begriff überhaupt geprägt wurde. Unabhängig der Ankündigungen der EU werden wir unsere Impact-Bonds-Strategien nicht anpassen. Es dürfte sich allerdings auf Fonds und Unternehmen auswirken, die bisher nicht der Taxonomie entsprachen. Diese können nun ein Label nach Artikel 8 oder Artikel 9 erhalten oder eine grüne Anleihe emittieren. Die Ankündigung wird also die größten Auswirkungen auf diese sich an der Grenze der Nachhaltigkeit befindlichen Fonds/Unternehmen haben. Grüne Investoren wie NN IP werden jedoch in ihren Impact-Strategien weiterhin die gleiche Anlagepolitik bei Kernkraft verfolgen. Nach den Unterschriftsaktionen von NGOs in Deutschland und der Erklärung des neuen deutschen Umweltministers zu urteilen, ist dieses Ergebnis aufgrund des Signals, das es diesen Branchen gibt, enttäuschend. Auch wenn die deutsche Öffentlichkeit die EU-Taxonomie mangels Glaubwürdigkeit in Frage stellen mag, bietet sie für die jeweiligen Sektoren eine hervorragende Orientierungshilfe. Umsichtige Investoren werden weiterhin die zuverlässigsten Kategorien der EU-Taxonomie auswählen.
Alix Chosson, Lead ESG Analyst, Candriam
© Candriam

Alix Chosson, Lead ESG Analyst, Candriam

Von einem wissenschaftlichen Konsens sind wir jetzt zu einem politischen Kompromiss übergegangen. Wir glauben, dass damit ein mehrstufiger Ansatz für die Taxonomie geschaffen wird, der letztlich das grundlegende Ziel der EU-Agenda für nachhaltige Finanzen beeinträchtigen könnte: mehr Transparenz und eine gemeinsame Sprache darüber zu schaffen, was grün und nachhaltig bedeutet. Sowohl Kernkraft als auch Gas werden als Übergang gekennzeichnet, und die Einbeziehung wird sehr unterschiedlich begründet: Kernenergie produziert sehr wenig CO2, bringt aber andere Probleme mit sich. Gas gilt als Übergangsenergie, die die CO2-Menge reduzieren könnte, wenn sie fossile Brennstoffe wie thermische Kohle verdrängt und wenn hochmoderne Gas- und Dampfturbinenkraftwerke unter strengen Bedingungen betrieben werden. Der aktuelle energiepolitische Kontext hat bei diesem Kompromiss eine große Rolle gespielt: Dieser Wandel geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem Europa mit rekordverdächtig hohen Energiepreisen zu kämpfen hat, die die Regierungen und EU-Institutionen unter Druck setzen, die Erschwinglichkeit und Versorgungssicherheit zu schützen, während sie gleichzeitig ihre grüne Agenda umsetzen.
Sandra Crowl, Stewardship Director, Carmignac
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Sandra Crowl, Stewardship Director, Carmignac

Stromerzeuger, die ihre Emissionen nicht reduzieren, um den Temperaturanstieg geringer als 2°C zu halten, schließt Carmignac aus, ebenso Atom- oder Gaskraftwerke, die keine glaubwürdigen Anstrengungen in diese Richtung unternehmen. Wenn nationale Standards oder die Richtlinien der Kunden es verlangen, wenden wir zudem auch strengere Screening-Verfahren für Atom- und Gaskraftunternehmen an oder schließen sie aus. Strukturelle Ausstoßsenkungen in allen Unternehmensbereichen kosten Zeit. Und die nötigen Prozesse und technologischen Lösungen, aber auch alternative Energien, sind möglicherweise nicht schnell genug verfügbar, auch wenn wir sie fördern. Mit Übergangslösungen und einer Übergangszeit vermeiden wir Unterbrechungen der Energieversorgung und einen Anstieg der Energiekosten. Mit klaren Endterminen und genauen Leistungsschwellen oder Bedingungen, wie z. B. nur zeitlich begrenzten Genehmigungen für Kernenergie, bleiben einige Garantien für einen stufenweisen Ansatz bestehen. Länder, die sich von sehr umweltschädlichen Energiequellen wie Kohle verabschieden müssen, können so reibungslos zu nachhaltigeren erneuerbaren oder emissionsarmen Energiequellen übergehen.
Louis Larere, Co-Portfoliomanager des iMGP Sustainable Europe Fund, Zadig
© iMGP/Zadig

Louis Larere, Co-Portfoliomanager des iMGP Sustainable Europe Fund, Zadig

Die EU hatte schon immer eine Vorliebe für Bürokratie und Berichterstattung. Ab 2022 sollen Vermögensverwalter ihre Ausrichtung an einer europäischen Taxonomie offenlegen, die noch nicht vollständig definiert ist, während Unternehmen ihre Daten erst 2023 melden müssen, was zu einer Berichterstattungspflicht ohne verbindliche Regeln und ohne verfügbare Daten führt. Während das hehre Ziel dieser EU-Taxonomie darin besteht, Investitionen in "grüne" Aktivitäten zu lenken und die Energiewende zu beschleunigen, ist sie nicht sehr glaubwürdig. Dazu kommt die Debatte darüber, was grün bedeutet: Kernenergie hat eine hohe Energiedichte und erzeugt wenig CO2, dafür aber tödliche Strahlung und problematische Abfälle. Die mangelnde Glaubwürdigkeit dieser Taxonomie liegt hier auch im Zeitrahmen für Nuklearprojekte, der unrealistisch kurz gewählt ist. Gas wird wahrscheinlich niemals sauber sein, da es CO2 ausstößt und Technologien zur Kohlenstoffabscheidung noch nicht glaubwürdig sind, aber Gas ist im Moment notwendig, um a) Kohle zu ersetzen und b) die europäischen Energiesysteme auszubalancieren, um Energiekrisen, Inflationsspiralen und damit verbundene politische Risiken zu vermeiden.
Robert Schlichting, Head of Business Development, Lombard Odier Investment Managers
© Lombard Odier IM

Robert Schlichting, Head of Business Development, Lombard Odier Investment Managers

Was die Einbeziehung von Kernkraft betrifft, versuchen die Befürworter aktuell nicht, die Bedenken hinsichtlich der Sicherheit und der nuklearen Abfälle zu zerstreuen. Sondern sie sind der Auffassung, dass die Risiken des Klimawandels und der Luftverschmutzung heute zu groß sind, um eine kohlenstoffarme Energiequelle auszuschließen. Was uns allerdings überrascht, ist die Einbeziehung von Gas. Gas mag eine vorübergehende Rolle als Übergangstechnologie spielen, aber auf dieser Grundlage sollte Gas eher als "weniger braun" und nicht als "grün" eingestuft werden - was die Taxonomie ja zu definieren versucht. Aus unserer Sicht kann keiner dieser beiden Ansätzen, Taxonomie und SFDR, als das Maß aller Dinge angesehen werden, was nachhaltige Investitionen ausmacht. Unserer Meinung nach sind sie nicht für die Analyse von Übergangsindustrien geeignet, wie etwa Unternehmen aus der Stahl-, Zement- oder Chemieindustrie, die heute zwar einen hohen Kohlenstoffanteil haben, sich aber auf einem glaubwürdigen Weg der Dekarbonisierung befinden. Wir sind eher der Meinung, dass diese Regelwerke durch ein umfassenderes und zukunftsorientiertes Verständnis von Nachhaltigkeit ergänzt werden sollten.
Hector McNeil, Mitgründer und Co-CEO, White-Lable ETF Plattform HANetf
© HANetf

Hector McNeil, Mitgründer und Co-CEO, White-Lable ETF Plattform HANetf

Es ist und bleibt eine Herausforderung grüne Energie zu definieren und Themen wie Atomenergie werden immer für hitzige Diskussionen sorgen, wie die Kontroverse über die jüngste Ankündigung der EU-Kommission zeigt. Wir sind der Meinung, dass die SFDR-Taxonomie zwar weiterhin ein nützlicher Indikator für Anleger bleibt, um festzustellen, wie umweltfreundlich ein Investmentfonds ist, aber gleichzeitig stellt sie nur die Basis für weitere Analysen dar. Anleger mit besonderen Bedenken gegenüber bestimmten Energieformen werden sich immer sehr ausführlich mit einem Fonds befassen müssen, um sicherzustellen, dass er mit ihren Ansichten und Werten übereinstimmt. Die SFDR-Taxonomie ist also nur der Beginn einer Reise. Anleger sollten Fonds mit hohen SFDR-Ratings als Ausgangspunkt nutzen, um dann anhand eigener Präferenzen das passende Wunschinvestment zu finden.
Jean-Jacques Barbéris, Head of Institutional and Corporate Clients Coverage, Amundi
© ©Magali Delporte

Jean-Jacques Barbéris, Head of Institutional and Corporate Clients Coverage, Amundi

Amundi hat die Taxonomy von Anfang an sehr unterstützt. Die Branche braucht Referenzen, die von allen Akteuren geteilt werden. Wir glauben, dass die Taxonomie das Hauptkriterium sein wird, auf das Investoren achten werden, wenn die Verordnung in Kraft tritt. Wir werden uns an die neue Regelung anpassen, unabhängig davon, ob die Europäische Kommission beschließt, Gas und Atomkraft in die Taxonomie aufzunehmen oder nicht. Wir richten uns nach den Gesetzen und halten uns an die Beschlüsse der Regulierungsbehörden. Allerdings passen wir die ESG-Fonds an die Anlegerwünsche und Nachhaltigkeitslabels in den Märkten an, in denen wir tätig sind.
Dr. Oliver Pfeil, Sprecher der Geschäftsführung und Chief Investment Officer, EB – Sustainable Investment Management (EB-SIM)
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Dr. Oliver Pfeil, Sprecher der Geschäftsführung und Chief Investment Officer, EB – Sustainable Investment Management (EB-SIM)

Die durch die EU-Kommission geplante Aufnahme von Atomenergie in die EU-Taxonomie schlägt hohe Wellen und wird kontrovers diskutiert. Als Vorreiter auf dem Gebiet für nachhaltiges Investieren folgen wir unserem eigenen Nachhaltigkeitsverständnis und klassifizieren Atomenergie als nicht nachhaltig, da zu hohe Sicherheitsrisiken bestehen und die Frage nach einem Endlager weiterhin nicht gelöst ist. So investieren wir auch konsequenterweise in unseren Impact-Fonds, wie z.B. dem EB-Öko-Aktienfonds, nicht in Unternehmen, die Atomstrom produzieren. Nach aktuellem Stand wird es also trotz Einführung der EU-Taxonomie für Investoren darauf ankommen, einen Asset-Manager auszuwählen, der glaubwürdig eine passende Nachhaltigkeitsstrategie verfolgt.
Walter Hatak, Head of Responsible Investments, Erste Asset Management
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Walter Hatak, Head of Responsible Investments, Erste Asset Management

Das große mediale Interesse an den Kriterien der EU Taxonomie und der Einsatz höchster politischer Entscheidungsträger in der EU zeigt einen deutlichen Sinneswandel hinsichtlich der Bedeutung und des Einflusses nachhaltiger Investoren. Dieser Sinneswandel, dass nachhaltige Investoren ernst zu nehmen sind, ist gut begründet. Studien gehen davon aus, dass durch die Integration von Atomenergie in der EU Taxonomie deren Finanzierungskosten aufgrund der großen dahinterliegenden Kapitalströme spürbar reduzieren könnte und damit die Kosten von Atomstrom und dessen Wettbewerbsfähigkeit erhöhen würde. Selbst wenn Atomenergie in die EU-Taxonomie aufgenommen wird, bedeutet dies nicht automatisch , dass nachhaltige Investoren ihre zuvor getroffene ESG-Einschätzung zu Atomenergie revidieren. Kund:Innen der Erste Asset Management können sich jedenfalls sicher sein, dass in jenen nachhaltigen Fonds, wo Atomenergie schon bisher ausgeschlossen wurde, dies unabhängig von der EU Taxonomie auch so bleiben wird.

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