Ronald Stöferle, Fondsmanager, Research, Incrementum AG
Die BRICS-Allianz, ein Zusammenschluss aufstrebender Wirtschaftsnationen, befindet sich an der Schwelle einer maßgeblichen Expansion durch die Integration von sechs neuen Mitgliedern. Diese strategische Erweiterung erhöht den Anteil am globalen BIP drastisch auf 37%. Diese "BRICS-11"-Koalition könnte eine bedeutende Neuausrichtung im globalen Finanzsystem signalisieren, vor allem durch die Reduzierung der US-Dollar-Abhängigkeit. Mit US-Staatsanleihen von 1,5 Billionen Dollar sind sie nun die größten Kreditgeber der USA. Zudem dominieren vier Mitgliedsstaaten etwa 50% des globalen Ölexportmarktes, was ihre Position im Ölsektor unterstreicht. Die Diskussion über eine BRICS-Währung intensiviert sich, wobei Gold als potenzieller Stabilitätsanker in einem wechselhaften monetären System gesehen wird. Diese Trends könnten eine neue Ära einleiten, in der Gold wieder einen zentralen Platz in der Währungspolitik einnimmt.
Diese Entwicklungen reflektieren einen anhaltenden historischen Konflikt, der seit der Aufklärung und der Französischen Revolution besteht: ein Kampf zwischen den Kräften, die den Status quo erhalten wollen, und progressiven Bewegungen, die nach Veränderung streben.
Cathy Hepworth, Head of Emerging Markets Debt, PGIM Fixed Income
Die Expansion der BRICS-Staaten spiegelt den verschärften Wettbewerb zwischen den Großmächten und die Veränderung der wirtschaftlichen Landschaft wider. Insbesondere China ist bestrebt, seinen wirtschaftlichen und geopolitischen Einfluss auf größere Teile der rohstoffreichen Entwicklungsländer auszuweiten. Falls das Ziel darin besteht, die Verwendung des US-Dollars im Welthandel und den Einfluss des IWF und der Weltbank zu verringern und eine Alternative zur G7 zu schaffen, dann haben die BRICS+ noch viel Arbeit vor sich, um Fragen der Transparenz, der Rechtsstaatlichkeit, der Institutionen und der Ungleichgewichte anzugehen. Wenn der wahre Grund für China darin besteht, eine potenzielle Absicherung gegen eine weitere Abkopplung vom Westen zu schaffen, könnten sich einige Mitgliedsländer dagegen wehren, im Wesentlichen als Spielball zu dienen. Außerdem ist nicht klar, dass die Gruppe den Welthandel oder die Kapitalströme dominieren wird. Diese Investitionsmöglichkeiten würden auch ohne den erweiterten Block bestehen. Die Verlagerung von Lieferketten (Nearshoring), Investitionen in die Energiewende und auseinandergehende/idiosynkratische Wachstumschancen werden bessere Triebkräfte für Investitionsströme sein.
Emanuele Del Monte, Senior Portfolio Manager of Developed and Emerging Government Bonds and FX Team, Eurizon
Beim letzten Treffen der BRICS-Staaten wurde auf Initiative Chinas ein wichtiger Schritt zur Erweiterung der Gruppe um Argentinien, Ägypten, Äthiopien, Iran, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate unternommen: Die BRICS-Länder wollen ihren wirtschaftlichen Einfluss vor allem nutzen, um den negativen Auswirkungen der Dollarisierung und des Inshoring- und Friendshoring-Trends der G7-Länder entgegenzuwirken. Auch wenn die Erweiterung in politischer Hinsicht als wichtiger Sieg betrachtet werden kann, ist sie nicht der Beginn einer viel stärker polarisierten Welt zwischen den westlichen Demokratien und dem globalen Süden. Erstens bleibt abzuwarten, ob die nächste Regierung in Argentinien diesen Beschluss ratifizieren wird; zweitens lehnen die meisten dieser Länder die Idee einer von China geführten Organisation ab, und alle unterhalten wichtige diplomatische und Handelsbeziehungen zum Westen, die sie durch ihre BRICS-Mitgliedschaft nicht gefährden wollen; und schließlich ist der wichtigste Aspekt die Tatsache, dass die Organisation keine institutionellen Gemeinsamkeiten aufweist und die politischen und wirtschaftlichen Systeme der Mitgliedsländer sehr unterschiedlich sind.
Raheel Altaf, EM Fondsmanager, Artemis IM
Nach der Ankündigung einer Erweiterung der BRICS-Staaten um 6 Länder (Argentinien, Ägypten, Äthiopien, Iran, Saudi-Arabien, VAE) stehen diese Entwicklungsländer erneut im Fokus. Aufgrund der schwierigen Koordination untereinander betrachten wir eine gemeinsame Währung als recht utopisch. Verbesserte Beziehungen sowie sicherheits-, gesundheits- und bildungspolitische Kooperationen sind aber denkbar. In den nächsten Jahrzehnten dürfte das globale Wachstum eher vom Osten ausgehen. Seit der globalen Finanzkrise treiben die asiatischen Länder mehr Handel untereinander, um auf die sinkende westliche Nachfrage zu reagieren. Mit dem vor 6 Jahren initiierten Megaprojekt „Neue Seidenstraße“ hat China seine Beziehungen in Asien, Afrika und Lateinamerika gestärkt. Der Ukraine-Krieg führt zu weiterer Polarisierung, denn Russland lenkt seine Exporte nach Osten und Süden um. Davon sollten Volkswirtschaften rund um diese Handelsrouten stark profitieren. Unternehmen mit wachsenden Marktanteilen dürften auch attraktive Anlagen darstellen und ihre Präsenz in den Binnenmärkten der Schwellenländer stärken. Aus Diversifizierungssicht spricht somit viel für ein Engagement in diesen neuen Wachstumsmotoren.
Michael Langham, Emerging Markets Analyst, abrdn
Die Erweiterung wird die Bedeutung der Gruppe als Forum für geopolitische Diskussionen stärken, insbesondere im Nahen Osten, wo die meisten neuen Mitglieder herkommen und wo China versucht, seinen Einfluss zu vergrößern. Die Gruppe wird ihre Erweiterung wahrscheinlich auch als Instrument nutzen, um indirekt Einfluss auf internationale Institutionen und internationale politische Debatten zu nehmen.
Es wäre jedoch ein Fehler, die geopolitischen Ziele der Mitglieder als homogen zu betrachten. Brasilien, Indien und Südafrika haben sich dagegen gewehrt, dass die Gruppe als direkte Herausforderung des Westens gesehen wird. Ein Großteil der Aufmerksamkeit wird sich auf die Ausweitung der Handels- und Finanzbeziehungen zwischen den Mitgliedern richten - einschließlich der erweiterten Verwendung lokaler Währungen. Dennoch werden diejenigen, die von einem Ende der Dollar-Hegemonie träumen, weiterhin enttäuscht werden.