Von TOP GUN zu Private Equity: Im Gespräch mit Will Craig von Wellington

Ein Exklusiv-Interview über die Parallelen zwischen Kampfjets und illiquiden Märkten, warum Einhörner „gradually, then suddenly“ sterben und wie sich ein liquider Riese in der Private-Markets-Welt differenziert. Managers | 16.12.2025 12:00 Uhr
William W. Craig – Managing Director and Investment Director, Private Investments Capital Formation von Wellington Management / © e-fundresearch.com / Wellington Management
William W. Craig – Managing Director and Investment Director, Private Investments Capital Formation von Wellington Management / © e-fundresearch.com / Wellington Management

Ein Rückblick auf eines unserer redaktionellen Highlights des Jahres 2025

Wenn Will Craig über Risikomanagement spricht, ist das keine akademische Übung. Bevor Craig als Investment Director die Private-Markets-Sparte von Wellington Management mitgestaltete, absolvierte er das Elite-Programm der US Navy: TOP GUN. Im Sommer 2025 traf die Chefredaktion von e-fundresearch.com im Rahmen der "USA-Tripnotes" Recherche-Reise Craig in Boston zum exklusiven Gespräch. Was auf den ersten Blick wie ein harter Bruch im Lebenslauf wirkt – vom Cockpit eines Kampfjets in die Welt von Venture Capital und Late-Stage Growth –, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als logische Konsequenz einer disziplinierten Denkweise.

Fokus im Rauschen der Daten

„In einem Jet gibt es unendlich viele Informationen, die auf einen einprasseln. Man muss entscheiden, worauf man sich konzentriert, Prioritäten setzen und den Rest ausblenden“, erklärt Craig seine Philosophie. Diese Fähigkeit, „Signal“ von „Noise“ zu trennen, sei auch in den Private Markets entscheidend, wenngleich mit einem entscheidenden Unterschied: der Zeit.

Während im Luftkampf Sekunden entscheiden, ist der Feedback-Loop im Private-Equity-Geschäft extrem lang. Craig warnt davor, sich von kurzfristigen Ergebnissen leiten zu lassen:

„Man muss sich auf das konzentrieren, was man kontrollieren kann: den Prozess, die Philosophie und die Inputs. Wenn man sich zu sehr auf den unmittelbaren Output fokussiert, verliert man sich im Lärm. Das gilt für das Fliegen eines Jets ebenso wie für das Investieren.“

Die Evolution der Wertschöpfung: Amazon vs. Spotify

Wellington, traditionell bekannt als Haus für liquide Assets (Aktien und Anleihen), investiert bereits seit über zwei Jahrzehnten in private Unternehmen. Doch 2014 fiel die strategische Entscheidung, diese Aktivitäten in einer dedizierten Plattform zu bündeln, die heute rund 9 Milliarden US-Dollar an „Committed Capital“ verwaltet.

Weitere #Tripnotes:

Der Grund für diesen Schritt war eine fundamentale Verschiebung der Kapitalmärkte, die Craig am Beispiel zweier Tech-Giganten illustriert: „Amazon ging 1997 nach nur drei Jahren an die Börse, mit einer Marktkapitalisierung von etwa 450 Millionen Dollar. Das gesamte massive Wachstum fand danach an den öffentlichen Märkten statt.“

Vergleicht man dies mit Spotify, zeigt sich das neue Paradigma. Das Unternehmen blieb zehn Jahre privat und ging erst 2018 mit einer Bewertung von rund 30 Milliarden Dollar an die Börse. „Die Wertschöpfung, die früher Small-Cap-Investoren an der Börse vorbehalten war, findet heute in den privaten Märkten statt“, so Craig. Das Ziel von Wellington war es, diesen „Late Stage Growth“-Bereich für institutionelle Anleger systematisch zu erschließen.

Der Kater nach der Party: Bewertungen und die „Down Round“

Das Gespräch in Boston fiel in eine Zeit, in der sich die Private Markets von den Exzessen der Jahre 2020/2021 erholten. Das Fundraising ist härter geworden – die Dauer, um einen neuen Vintage zu raisen, stieg von 12 auf rund 18 Monate. Noch gravierender war jedoch die Bewertungsproblematik.

Die Zinswende beendete die Ära des billigen Geldes, doch viele private Bewertungen in den Büchern reflektierten noch die alte Welt. Craig sieht hier eine notwendige Bereinigung:

„Die Bewertungen der letzten Runden waren oft nicht real. Unternehmen haben zwei Optionen: In die Bewertung hineinwachsen – was Jahre dauert – oder die bittere Pille schlucken, zu einer niedrigeren Bewertung listen und sich dem Urteil des öffentlichen Marktes stellen.“

Craig verweist auf Beispiele wie Circle, Chime oder CoreWeave. Viele dieser Firmen mussten beim IPO Abschläge von 30 bis 50 Prozent gegenüber ihrer letzten privaten Finanzierungsrunde hinnehmen. Doch das Entscheidende: „Der Appetit am öffentlichen Markt ist da. Diese Aktien haben sich post-IPO gut entwickelt. Das Problem ist oft eher psychologischer Natur – die Angst vor der ‚Down Round‘ und der Verwässerung.“

Der Hemingway-Effekt bei Einhörnern

Besonders im Venture-Bereich sieht Craig noch aufgestauten Korrekturbedarf. Die Zahl der „Unicorns“ (Start-ups mit über einer Milliarde Dollar Bewertung) explodierte von etwa 40 im Jahr 2014 auf über 1.200 im Jahr 2025. Viele dieser Bewertungen stehen jedoch nur auf dem Papier, da es kein „Material Event“ (wie eine neue Finanzierungsrunde) gab, das eine Neubewertung erzwungen hätte.

Craig zitiert dazu treffend Ernest Hemingway auf die Frage, wie man bankrottgeht: „Gradually, then suddenly.“

„Du bist am Mittwoch ein 4-Milliarden-Dollar-Unternehmen und am Donnerstag nichts mehr wert, weil das Cash ausgeht. Wir haben diesen stillen Tod bei einer ganzen Reihe von Unternehmen gesehen“, so der Wellington-Experte nüchtern.

Strategie: Die Thermopylen des Kapitals

Wie positioniert sich Wellington in diesem Umfeld? Will Craig macht deutlich, dass man nicht im „Mega-Cap Buyout“-Markt mit Platzhirschen wie Blackstone oder Apollo konkurrieren will. „Dort ist Kapital fast schon eine Commodity“, gibt er zu. Wellingtons „Edge“ liegt im Bereich Venture und Growth sowie in der Verzahnung mit der öffentlichen Seite.

Weitere #Tripnotes:

Der Informationsfluss zwischen den Public-Market-Analysten und dem Private-Team sei der entscheidende Vorteil – die Grenzen verschwimmen („blurred lines“). Zudem nutzt Craig eine weitere militärische Analogie, um die Attraktivität von Venture und Growth zu beschreiben: Die Schlacht bei den Thermopylen.

So wie der schmale Pass in der Antike die zahlenmäßige Überlegenheit der Perser neutralisierte, wirken die Kapazitätsbeschränkungen im Venture-Bereich als Schutzmechanismus für Renditen. „Ein Unternehmen will in dieser Phase nur eine bestimmte Menge an Kapital. Das begrenzt den Zufluss von ‚Hot Money‘ und verhindert, dass die Alpha-Quellen so schnell wegarbitriert werden wie in effizienteren Märkten“, erklärt Craig.

Fazit

Für Investoren bleibt die Botschaft klar: Die einfache Arbitrage der Nullzins-Ära ist vorbei. Wer in Private Markets erfolgreich sein will, braucht – ähnlich wie ein Pilot – die Disziplin, sich nicht vom Rauschen des Marktes ablenken zu lassen, sondern stur auf die Qualität der Assets und die Realität der Cashflows zu achten. Oder wie es Craig formuliert: „Es geht darum, den Prozess zu kontrollieren. Der Rest folgt von selbst.“

Über den Gesprächspartner: 

William W. Craig, Managing Director and Investment Director, Private Investments 

Als Investment Director der speziellen Private-Equity-Fonds von Wellington ist William W. Craig für die Geschäfts- und Investitionsaufsicht dieser alternativen Anlagestrategien verantwortlich. Er ist an der Überwachung aller Aspekte dieser Fonds beteiligt, darunter Fonds-Governance, Produktentwicklung, Risikomanagement, Marketing, Operations und Investor Relations. Darüber hinaus koordiniert er die Strategie, das Fundraising und die Kommunikation rund um das gesamte Spektrum der privaten Anlagemöglichkeiten des Unternehmens.

Bevor er im Jahr 2022 zu Wellington Management kam, war Herr Craig Investment Director bei Cambridge Associates, einer globalen Investment- und Beratungsgesellschaft. Davor diente er als Kampfpilot in der US-Marine, wo er F/A-18 flog, und ist Absolvent der Navy Fighter Weapons School (TOPGUN).

William W. Craig erwarb seinen MBA an der Harvard Business School (2020) und seinen BA in Ingenieurwesen am Harvard College (2006). Außerdem hat er einen MS in Angewandter Physik von der Naval Postgraduate School.

Redaktioneller Hinweis: Das Gespräch führten Monika Rosen und Simon Weiler am 02. Juli 2025 im Wellington Hauptquartier in Boston.

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